„Hätte er unterschrieben, wären Rinder nicht getötet worden“
05.07.2010 - TREISBERG
Im Wald lebender Treisberger wurde mit seiner Frau ins Gefängnis gebracht - Tiere gekeult
Für die Treisberger Bevölkerung, der der Waldbewohner im Laufe der Zeit ans Herz gewachsen ist, bleibt es unverständlich, warum die Tiere getötet wurden und somit der einzige Lebensinhalt zweier Menschen genommen wurde. „Wahrscheinlich war es die alternative Art, die angeeckt ist“, glaubt Stefan Habig. Den „Eremiten“ von Treisberg könne man als einen Freigeist bezeichnen, der niemals jemanden etwas getan oder auch nur verlangt habe. Dessen Frau war Leiterin eines Kindergarten in Frankfurt und sei sehr sozial eingestellt. Ihm tue es leid, was hier passiert ist und hätte er die Möglichkeit gehabt, hätte er gerne geholfen, „aber niemand hier erfuhr davon.“
Habigs Bruder Jürgen von der Gaststätte Taunushöhe erinnert sich an den etwa dreijährigen Bullen, den er an den Hörnern packen musste, damit dieser es schafft, um über die Holzbalken unter dem zusammengefallenen Unterstand in diesem Winter rauszukommen. „Das Tier kannte mich nicht und jeder andere Bulle hätte mich damals wahrscheinlich in seiner Panik angegriffen.“ Auch andere Dorfbewohner bestätigen die Sanftheit der Tiere, wie die neunjährige Jolien Moret, die die Kuh mit dem gleichnamigen Namen Jolien aus der Hand fütterte und über ihren Tod nächtelang weinte. Auch Judith Back bedauert die ganze Sache: „Natürlich waren im Frühjahr die Wiesen nicht so ergiebig wie sonst nach diesem harten Winter, aber die Tiere wurden täglich mehrfach mit Heu gefüttert“, erzählt die Treisbergerin, die sich gerne an die alte Kuh Jule erinnert, die „immer gemuht hat, als ich sie gerufen habe.“ Für Back geht ein „Stück heile Welt“ zugrunde. Sie erzählt, dass die Frau täglich den Mist entfernt habe, ihre Rinder „Babys“ nannte, und genügend frisches Wasser, Salzlecksteine und ausreichend Heu zur Verfügung gestellt habe. Bisweilen schnitt sie den Tieren die Augen frei, damit sie besser sehen konnten und striegelte sie.
Habig wiederum glaubt sich zu erinnern, dass der Vater des Mannes Flugzeugingenieur war und dort vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges aus Angst vor einem Krieg im Wald zurückgezogen lebte. Das wertvolle und idyllische Land hatte er über den damaligen Jagdpächter Karl Ludwig Lehner erhalten. „Jeden Tag im Winter ist er mit Skiern in den Ort gefahren, um frische Milch zu holen.“ Beerdigt wurde der Vater auf dem Treisberger Friedhof, das Grab gestaltete sein Sohn, ein begnadeter Künstler in der Malerei und in der Szene bekannt. Dieser übernahm nach dem Tod seines Vaters die Holzbehausung und schaffte sich zur Eigenversorgung schottische Hochlandrinder an.“
Amtsrichter Gierke versichert gegenüber dem Usinger Anzeiger, dass er täglich bis zu zehn Haftbefehle unterschreiben müsse, dass es aber in seiner 20-jährigen Amtszeit noch nie vorgekommen sei, dass jemand die eidesstattliche Versicherung nicht unterschreibt. „Hätte er unterschrieben, wären die Rinder nicht getötet worden.“ Der über 70-jährige Mann ignorierte auch laut Veterinäramt die mehrfach schriftlichen Aufforderungen, er solle doch jemanden für seine Rinder bestimmen. Wie Gierke weiter erklärte, könne der Mann längstens sechs Monate festgehalten werden, falls er die eidesstattliche Versicherung nicht unterschreibt. Dann beginnt das Verfahren erneut.
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