Von Oliver Hack
Sylvia Ungeheuer alias Lea Korte im UA -Interview - Neuer Roman entführt die Leser ins Reich der Mauren - UA verlost fünf handsignierte Lesezeichen
Aufgewachsen ist sie unter dem Feldberg - in Niederreifenberg und Schmitten. Mittlerweile lebt sie in Spanien. In Usingen besuchte Sylvia Ungeheuer die Christian-Wirth-Schule. Ihr Talent zum Schreiben entdeckte sie in der 7. Klasse mit Hilfe ihrer Deutschlehrer. Nach Studium und Dolmetscherausbildung verwirklichte sie ihren Traum und schreibt seitdem Romane - und das mit Erfolg und unter einem Namen, der in Deutschland bei den Fans historischer Romane sicher kein unbekannter ist: Lea Korte. Im Gespräch mit dem Usinger Anzeiger spricht sie über ihre Anfänge als Autorin, ihre Liebe zu Spanien und natürlich über ihren neuen Roman „Die Maurin“.
Frau Ungeheuer, Sie schreiben unter dem Pseudonym Lea Korte. Warum tun Sie das und wie sehr ist Ihnen dieser Name schon „in Fleisch und Blut“ übergegangen?
Korte: Da ich unter dem Namen Lea Korte bei facebook und twitter „unterwegs“ bin und gerade jetzt auch eine mehrwöchige Lesereise quer durch Deutschland unter diesem Namen hinter mir habe, ist mir dieser Name schon ziemlich „in Fleisch und Blut“ übergegangen, ohne dass ich allerdings vergesse, wie ich „wirklich“ heiße. Unter Pseudonym zu schreiben ist für viele Autoren etwas ganz Selbstverständliches, vor allem, wenn sie, wie ich, in mehreren Genren und für verschiedene Verlage tätig sind. Das trägt auch zur Klarheit bei, da jeder Name für eine andere Art Buch steht.
Bis der eigene Name (oder das Pseudonym) auf dem Buchdeckel eines namhaften Verlages steht, ist es oft ein weiter Weg. Wie sah der Ihre aus?
Korte: Vor knapp 20 Jahren habe ich meinen Erstling an eine Literaturagentur geschickt und gleich von dieser ersten Agentur eine recht positive Rückmeldung bekommen: Der Roman gefiel, erschien ihnen mit seinen über 800 Seiten aber schlicht zu dick, um einen Verlag dafür gewinnen zu können, die bei Neuautoren eigentlich nur Werke bis etwa 350 Seiten drucken wollen. Die Agentur machte mir einen Vorschlag: Sie suchten für den Heyne-Verlag eine Autorin, die Frauenromane schreibt. Ich schickte ihnen also ein Exposé samt Probekapiteln und hatte schon wenigen Wochen später meinen ersten Buchvertrag. Seither habe ich über diesen Agenten schon sieben Bücher veröffentlicht, die letzten beiden bei Droemer-Knaur im Bereich des historischen Romans und zeitgleich zu „Die Maurin“ ein Sachbuch bei Lübbe.
Wie gehen Sie ein Roman-Thema an? Wie entwickeln Sie Ihre Figuren?
Korte: Das ist von Roman zu Roman verschieden. Bei der Maurin war es so, dass ich zunächst sehr gründlich die Geschichte der Reconquista recherchiert und mir dann Gedanken darüber gemacht habe, welche Ereignisse die wichtigsten waren - womit ich zugleich das historische Fundament meines Romans geschaffen hatte. Anschließend habe ich mir überlegt, welche fiktiven Figuren ich brauche, um diese Zeit für den Leser lebendig werden zu lassen - und natürlich auch eine spannende Geschichte zu erzählen! Diese Figuren sollten die Historie am eigenen Leib miterleben können, aber zugleich auch ihre eigenen bewegenden Geschichten und Probleme haben, und beides musste ich dann so miteinander in Beziehung setzen und verschmelzen, dass ein neuer, starker Guss daraus entstand. Nach und nach entwickelten sich so Zahra und ihre Familie und ihre ganz eigenen Konflikte in dieser faszinierenden Zeit. Als ich diese Vorarbeiten abgeschlossen hatte, machte ich mich an das, was ich „Ablaufplan“ nenne. Außer dem Kapitelinhalt führe ich darin auch die historischen Ereignisse auf, die dabei eine Rolle spielen, notiere, welche neuen Fäden ich in dem Kapitel auslege, verknüpfe oder schließe, welche Rolle sie im Spannungsablauf haben und vieles mehr.
Kann es vorkommen, dass Ihre Roman- Figuren während des Entstehungsprozesses ein Eigenleben entwickeln oder halten Sie Ihre Geschichte an der straffen Leine, wissen also schon zu Beginn, wie sie ungefähr enden soll? Wie viel Zeit nehmen Sie sich für einen Roman?
Korte: An diesen „Ablaufplan“ halte ich mich schon ziemlich genau, aber natürlich auch nicht sklavisch. Ich gestehe den Figuren auch ein gewisses Eigenleben zu. In diesem Roman hat mich Zahra ziemlich „überrumpelt“: Ich hatte ihr einen Mann zugedacht, mit dem sie aber nicht so „warm wurde“, wie ich es gern gehabt hätte, und dann hat sie sich ohne mein Zutun oder Planen in einen anderen Mann verliebt … Daraufhin habe ich einiges umstellen müssen, was ich aber gern getan habe, denn ich musste Zahra Recht geben: Der von ihr erwählte Mann passte einfach besser zu ihr. Ich nehme mir für ein Buch die Zeit, die es braucht: Bei der Maurin habe ich erst einmal ein Jahr lang nur recherchiert, dann begann der Schreibprozess, bei dem ich auch noch einiges recherchieren musste. Das waren dann noch einmal zwei Jahre.
Die „Maurin“ ist Ihr zweiter historischer Roman und spielt in Spanien, wo Sie ja mittlerweile auch seit vielen Jahren leben. Hat Sie die spanische Geschichte, insbesondere die der Reconquista schon immer fasziniert oder sind Sie erst in Ihrer neuen Heimat darauf gestoßen und wie kam es, dass Sie überhaupt in Spanien leben?
Korte: Mit zwölf Jahren war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal an der Costa Brava. Das Meer, der weite Himmel, dieses ganz besondere Licht, die Sonne, die Menschen, die Sprache - alles dort hat mich so sehr begeistert, dass ich gleich wusste: Hier gehörst du hin! Ab da war mein ganzes Tun und Streben darauf ausgerichtet, irgendwann am Mittelmeer zu leben. Nach meinem Studium habe ich den Sprung in kalte Wasser gewagt und ihn nie bereut.
Mein Interesse für die spanische Geschichte begann mit meinem Leben dort. Es gibt viele wundervolle historische Bauwerke in Spanien, an denen man nicht vorbeigehen kann, ohne sie sich genauer anzusehen. Die Mezquita, die Moschee, von Cordoba hat es mir besonders angetan. Als ich dort zum ersten Mal war, habe ich mich gleich gefragt: Wer hat diese wunderschöne Moschee gebaut, wie lebte man zu dieser Zeit und warum ist die Moschee später zu einer Kirche geweiht worden? Die Suche nach den Antworten führte mich zu den ersten Fachbüchern von vielen. Ähnlich erging es mir bei der Alhambra von Granada. Es sind Bauwerke, die so randvoll mit Geschichte sind, dass man einfach mehr darüber erfahren muss.
Wie lange, wo und wie intensiv haben Sie für Ihren Roman recherchiert?
Korte: Für „Die Maurin“ habe ich mich zunächst tief in Fachbücher, Hausarbeiten, Fachzeitschriften und Doktorarbeiten vergraben, denn ich brauchte als Grundlage für die Entwicklung meines Romans zunächst ein umfassendes Wissen über die Epoche der Reconquista, wozu außer den großen historischen Ereignissen natürlich auch der Lebensalltag der Mauren und ihre muslimische Religion gehörte.
Darüber hinaus habe ich auch einige Recherchereisen gemacht. Wir waren mehrmals in Granada, der Vega, in Sevilla, Cordoba, Malaga, Almeria und vielen anderen, kleineren Orten, die in dem Roman eine Rolle spielen - und auch in Fez (Marokko). In all diesen Städten habe ich mir die Handlungsorte meines Romans mitsamt ihren Burgen und Palästen angesehen, in einigen Städten gab es überdies sehr interessante Museen, und in Fez viele, noch recht „mittelalterlich“ arbeitende Handwerksbetriebe. Das alles hat über ein Jahr in Anspruch genommen. Aber so gut man sich auch vorbereitet: Beim Schreiben tauchen immer noch zahllose neue Fragen auf. Bei „Die Maurin“ hatte ich das große Glück, dass ein Freund von uns Professor für Arabistik und Islamwissenschaften an einer spanischen Universität ist - und er und seine Frau, die ebenfalls vom Fach ist, eine endlose Geduld hatten, mir all die Fragen zu beantworten, auf die ich trotz meiner eigenen Recherche keine Antworten hatte finden können.
Auch in Ihrem zweiten historischen Roman steht eine starke Frau im Mittelpunkt, die fast schon modern anmutet. Haben Sie für die Maurin bei Ihren Recherchen ebenfalls historische Vorbilder gefunden wie für die „Nonne mit dem Schwert“?
Korte: Ich denke, Zahra ist nicht modern, aber sie unterlag bestimmten, sie prägenden Einflüssen, die ihr und ihrem Denken eine andere Entwicklung erlaubten, als sie damals allgemein üblich gewesen ist. Zum einen war ihre Mutter Kastilierin und von daher nicht ganz so streng wie muslimische Mütter, und zum anderen war Zahra die Hofdame Aischas, der maurischen Emirin. Ich habe einige Biografien über die letzte Herrscherin von Al-Andalus gelesen. Sie war eine starke, intelligente und sehr kämpferische Frau, die zweifellos zu einem gewissen Grad auf Zahra „abgefärbt“ hat.
Eine direkte Vorlage für Zahra gab es nicht, aber viele andere Personen des Romans sind historisch. Am Anfang des Buches gibt es ein Personenverzeichnis, das genau zeigt, welche Personen fiktiv und welche historisch sind.
In ihrem neuen Roman verarbeiten Sie auch das Spannungsverhältnis zwischen Muslimen, Christen und Juden. Was fasziniert Sie daran und wie wirkt die historische maurische Herrschaft (wenn überhaupt) noch in der spanischen Gegenwart fort?
Korte: Das Faszinierende an dem Maurenreich Al-Andalus ist, dass es ein sehr tolerantes Land war, ein Land, in dem Christen, Muslime und Juden einträchtig zusammengelebt haben und dies auch noch zum gegenseitigen Nutzen: Die wissenschaftliche und wirtschaftliche Ent-wicklung von Al-Andalus war dem des übrigen Europas himmelhoch überlegen! Die Mauren haben die Christen und Juden nämlich nicht nur toleriert, sondern bewusst und aktiv den Kontakt und die Zusammenarbeit mit ihnen gesucht. Dass diese Zusammenarbeit und das Zusammenleben zwischen den drei großen Religionsgemeinschaften über immerhin 800 Jahre funktioniert hat, zeigt, dass die Religion an sich nichts Trennendes zwischen uns sein muss … was zugleich die Frage aufwirft, warum dies nicht auch heute so sein kann. Wieso können wir heute nicht etwas schaffen, was vor 500 Jahre schon einmal Alltag gewesen ist: ein tolerantes, friedliches Zusammenleben von Christen, Juden und Muslimen?
Die 800-jährige Anwesenheit der Mauren auf der iberischen Halbinsel hat natürlich ihre Spuren hinterlassen. So gibt es in Spanien noch immer wundervolle maurische Bauwerke, und in vielen wissenschaftlichen Bereichen, vor allem in der Medizin, haben die Mauren uns großes Wissen hinterlassen und zwar sogar weit mehr, als uns heute bewusst ist, weil mit den Jahrhunderten vergessen wurde, dass wir diese oder jene Errungenschaft den Mauren verdanken. Leider ist ein großer Teil ihres Wissens auch verschwunden: Der Inquisitor Cisnernos hat wenige Jahre nach dem Ende der Reconquista unzählige der maurischen Bücher auf Scheiterhaufen den Flammen übergeben.
Wird Ihr Roman denn auch ins Spanische übersetzt?
Korte: Das weiß ich nicht; dafür ist der Roman erst zu kurz auf dem Markt, aber der Verlag wird sich sicher darum bemühen.
Welche Reaktionen haben Sie auf „Die Maurin“ bisher erhalten?
Korte: Erfreulicherweise nur positive! Auf vielen Webseiten, Bücherblogs und bei amazon gibt es schon Rezensionen zu „Die Maurin“, und sie bewerten den Roman allesamt gut bis sehr gut. Auch auf meiner aktuellen Lesereise im Mai quer durch Deutschland habe ich nur sehr positive Kommentare zu hören bekommen und mich riesig gefreut, dass so viele Zuhörer zu diesen Lesungen gekommen sind.
Worum wird es denn in Ihrem nächsten Buchprojekt gehen?
Korte: Es ist gut möglich, dass es einen zweiten Teil zu „Die Maurin“ geben wird. Zwar ist „Die Maurin“ in sich abgeschlossen, aber die große Historie geht ja nach dem Ende der Reconquista weiter. Die Inquisition treibt ihr Unwesen, die Juden und schließlich auch die Mauren werden aus Spanien ausgewiesen oder müssen sich taufen lassen und auch vieles andere in dieser Zeit ist sehr, sehr spannend. Dazu kommt, dass ich noch sehr an Zahra und ihrer Familie „hänge“ und sie ideal wären, um diese große Historie weiterzuerzählen. Und auch ihre eigenen Geschichten könnten gut weitergesponnen werden.
Können Sie sich vorstellen, auch einmal historischen Stoff aus Ihrer alten Heimat im Usinger Land zu verarbeiten?
Korte: Natürlich! Schon die Saalburg allein hätte sicher einiges an gutem Stoff zu bieten … Leider „mögen“ die meisten Verlage diese Epoche derzeit nicht so sehr, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Auf jeden Fall werde ich den historischen Romanen treu bleiben.
Gibt es eine historische Figur, der Sie gerne einmal persönlich begegnet wären? Und wenn ja, was würden Sie sie fragen, wenn Sie ihr eine Frage stellen dürften?
Korte: Aischa, die letzte Emirin von Granada, finde ich sehr beeindruckend. Und ich hätte ihr sicher hunderte von Fragen zu stellen. So viel man über ihr Leben und Wirken weiß, so wenig weiß man über ihr Innenleben - aber ob sie mir diese Fragen so freimütig beantworten würde?
Vielen Dank für das Gespräch.
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„Die Maurin“, ist erschienen im Knaur-Verlag kostet 9,95 Euro und umfasst 672 Seiten; ISBN-Nr.: 978-3-426-50230-3