„Mit Eigenverantwortung für Gerechtigkeit sorgen“
05.01.2012 - USINGEN, STADT
Von Henning Schenckenberg
FDP-Politiker Dr. Stefan Ruppert: Chancengleichheit für alle - Arbeit muss sich lohnen
USINGEN. Unter dem Wort „Gerechtigkeit“ stellt sich wohl jeder etwas anderes vor. Ist es beispielsweise gerecht, dass manche Menschen sehr viel Geld verdienen und andere nur sehr wenig? Oder ist letztlich jeder für sich selbst verantwortlich und Gerechtigkeit besteht eigentlich nur darin, dass jeder die Chance haben sollte, seine Ziele zu verwirklichen? In den nächsten Ausgaben versuchen verschiedene bekannte Menschen aus dem Usinger Land, sich dem Begriff der Gerechtigkeit zu nähern. Wie könnte die ideale Gesellschaft im Jahre 2012 aussehen?
Im zweiten Teil der kleinen Serie äußert sich Dr. Stefan Ruppert (FDP). Er ist Mitglied des Bundestags und vertritt dort den Hochtaunuskreis.
Was bedeutet für Sie Gerechtigkeit?
Dr. Stefan Ruppert: Gerechtigkeit ist neben der Freiheit für mich der wichtigste Wert einer gelingenden Bürgergesellschaft. Auch wenn es die absolute Gerechtigkeit nicht gibt, bleibt Chancengerechtigkeit aber doch immer zentraler Orientierungspunkt - gerade für mich als Politiker. Es muss uns immer darum gehen, vor allem für eine möglichst gerechte Chancengleichheit aller zu sorgen. Dass der Einzelne dann daraus sehr Unterschiedliches machen kann, ist das Kennzeichen einer freien Gesellschaft. Die Gleichheit der Ergebnisse sollte deshalb nicht angestrebt werden. Zu einer gerechten Gesellschaft gehört immer auch die Solidarität mit den Bedürftigen.
Empfinden Sie unsere heutige Gesellschaft als gerecht?
Ruppert: Ich finde, wir leben in einer guten Gesellschaft mit weitgehender Gerechtigkeit. Allerdings gibt es zahlreiche Gerechtigkeitsfragen, die noch ungelöst sind. Manchmal empfinde ich die ungleiche Verteilung von persönlichem Lebensglück und die unterschiedlichen individuellen Schicksale als ungerecht. Hier hilft mir mein christlicher Glaube. Politisch finde ich, dass es zwei zentrale Gerechtigkeitsfragen unserer Gesellschaft gibt. Erstens ist es ungerecht, dass die soziale Herkunft in Deutschland wichtiger für Bildungserfolge junger Menschen ist als in anderen Ländern. Zweitens ist es ungerecht, wenn es sich finanziell nicht lohnt zu arbeiten.
Wie könnte in Ihren Augen eine ideale gerechte Gesellschaft 2012 aussehen?
Ruppert: Die ideale gerechte Gesellschaft wird auch 2012 ein allerdings wichtiges Ideal bleiben. Ich wünsche mir, dass jeder Einzelne in der Gesellschaft wieder mehr fragt, wie er eigenverantwortlich für mehr Gerechtigkeit sorgen kann, sei es durch kirchliches oder soziales Engagement, sei es durch Ehrenämter oder auch in seinem sozialen und familiären Umfeld. Wir müssen die Mitte der Gesellschaft stärken - die Menschen mit einfachen und mittleren Einkommen, die Familien, und wir müssen weiter in Richtung einer aktiven Bürgergesellschaft gehen. Eine gerechtere Gesellschaft entsteht nicht, wenn wir das Thema Gerechtigkeit alleine auf den Staat oder professionelle Einrichtungen delegieren. Das ist meine Haltung als Christ, aber auch als Liberaler. Bild: Archiv