Zivis treten bald kürzer: "Sechs Monate sind zu kurz"
26.03.2010 - USINGEN
Sozialen Einrichtungen drohen Einschnitte bei der Verkürzung des Zivildienstes
(akb). Die Bundesregierung plant, den Wehrdienst von neun auf sechs Monate zu verkürzen. In der Folge wird auch der Zivildienst auf sechs Monate heruntergeschraubt.
"Beim Zivildienst handelt es sich um einen Ersatzdienst für den Wehrdienst. Daher ist es folgerichtig, dass die Länge des Zivildienstes der des Wehrdienstes angepasst wird. Alles andere wäre dem Zivildienstleistenden gegenüber ungerecht", so argumentieren die Bundestagsabgeordneten aus dem Wahlkreis Hochtaunus, Holger Haibach (CDU) und Dr. Stefan Ruppert (FDP). Haibach, der selbst keinen Zivildienst absolviert hat, und Ruppert, der Zivi im mobilen sozialen Dienst des DRK Bad Homburg war, räumen ein: "Der Zivildienst hat sich als eine wichtige Einrichtung erwiesen, die einen unersetzbaren Beitrag zur Aufrechterhaltung sozialer Einrichtungen und zur charakterlichen Bildung junger Männer leistet." Die Politik sei sich bewusst, dass eine weitere Verkürzung des Zivildienstes mit Problemen für die Zivildienststellen verbunden ist, suche aber gegenwärtig nach Lösungen.
Die Reduzierung des Zivildienstes stößt in vielen sozialen Einrichtungen im Usinger Land auf heftige Kritik. "Durch den Zivildienst bekommen junge Menschen einen Einblick in das Leben älterer Menschen. Betreuen, begleiten, Einkäufe erledigen und mit Essen auf Rädern versorgen, solche Erfahrungen sammeln sie im Alltag normalerweise nicht", sagt Heidelore Wehner, Öffentlichkeitsbeauftragte der Diakoniestation Usinger Land. "Die Senioren müssen Vertrauen zu den Zivis aufbauen. Oft entstehen zwischen ihnen auch kleine Freundschaften, die ab und an sogar noch über die Zivizeit hinaus bestehen bleiben. Somit wird den alten Menschen ein Stück Lebensqualität geboten. Sechs Monate sind aber einfach zu kurz, um dieses zu gewährleisten." Außerdem bestehe die Gefahr, dass ein Zivi einen nur sechsmonatigen Dienst lediglich als Überbrückung zwischen Schule und Ausbildung oder Studium sehe und deshalb weniger motiviert sei. Ein weiteres Problem sieht Heidelore Wehner in der Wehrlosigkeit alter Menschen. "Diese Verkürzung trifft wieder einmal die Schwachen. Alte Menschen können weder streiken noch auf die Barrikaden gehen, sie müssen alles hinnehmen."
Kritisch eingestellt gegenüber den Kürzungsmaßnahmen ist auch der Bürgermeister von Wehrheim, Gregor Sommer (CDU), unter anderem Vorsitzender des DRK in Wehrheim. "Was ein Zivi in sechs Monaten in einer sozialen Einrichtung erlernt, kann im Endeffekt gar nicht angewandt werden." Ingeborg Schaad, Pflegedienstleiterin im Krankenhaus Usingen, ist ebenfalls wenig begeistert von den Plänen der Bundesregierung. "Das alles ist administrativ ein sehr großer Aufwand. Außerdem fällt durch Lehrgänge, Krankheit und Urlaub noch zusätzliche Zeit vom Zivildienst weg.
Eher vertretbar ist diese Kürzung hingegen in anderen Arbeitsbereichen. Bei der Stadt Usingen sind derzeit zwei Zivildienstleistende im Bauhof und einer in der Jugendhilfe eingesetzt. "Hier kann man diese Reduzierung verkraften", so Erster Stadtrat Gerhard Liese. "Allerdings möchte ich betonen, dass ich nur für diesen bestimmten Bereich spreche, im Sozialen sind die Auswirkungen der Kürzung auf sechs Monate viel gravierender."
Das Seniorenzentrum Kortheuer Haus in Usingen beschäftigt mittlerweile gar keine Zivis mehr. "Die Stellen haben wir gestrichen, da sich diese Kürzung schon lange abgezeichnet hat", teilte Leiter Michael Haus mit.
Welche Maßnahmen zukünftig innerhalb der Einrichtungen, die Zivildienstleistende beschäftigen, getroffen werden sollen, ist noch unklar. Auch die Regierung sucht derzeit nach Lösungen. "Es könnte zum Beispiel das Angebot einer freiwilligen Verlängerung des Zivildienstes angeboten werden, wie es sie auch schon beim Wehrdienst gibt", so Holger Haibach und Dr. Stefan Ruppert. In ihrer gemeinsamen Antwort sind sich die Berliner Koalitionäre einig: Allerdings müsse auch klar sein, dass qualifizierte Arbeiten etwa in der Altenpflege auch nur von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern erbracht werden können. Und die Verkürzung dürfe nicht zu Lasten der Menschen gehen, die auf solche Hilfe angewiesen sind.