Standvögel haben gute Chancen
21.08.2010 - USINGEN
Warum die heimischen Tauben von der Klimaerwärmung profitieren können
Ihr Name leitet sich von der dunkelblaugrauen Farbe ihres Gefieders ab und steht anscheinend in keinem direkten Bezug zu dem Eigenschaftswort „taub“, das auch im Sinne von dumm, töricht und verstockt gebraucht wird. Als dumm gelten die Tauben nämlich nicht, da sie zum Beispiel in Märchen und Legenden immer im entscheidenden Moment als helfende Retter und Erlöser auftreten. Und die weiße Zuchtform ist neben dem Lamm das Tier, das in der christlichen Symbolik und Ikonografie wie kein anderes Tier das Friedvolle, Gute und Reine verkörpert.
Zoologisch verbirgt sich hinter diesem Vogel die wilde Felsentaube, die heute in Reinbeständen nur noch an der Nordwestküste von Irland und Schottland, im Mittelmeergebiet und im vorderasiatischen Raum beheimatet ist. Sie bildet die Stammform aller Haus- und Stadttauben und auch der meisten Rassen der Brieftaube. Weltweit kennt man mehr als 300 Taubenarten, die merkwürdigste unter ihnen ist der flugunfähige, durch Seefahrer vor 300 Jahren ausgerottete Dodo (auch Dronte genannt) von der Insel Mauritius. Der Dodo ist vielleicht die einzige Taube, die vom Menschen als „taub“ oder „tumb“ eingestuft wurde. Glaubt man den Berichten der Seefahrer, zeigte sie keinerlei Scheu vor dem Menschen, ließ sich problemlos in großer Zahl einfangen und an Bord als Proviant „einlagern“.
Von der fernen Insel im Indischen Ozean zurück im Usinger Land treffen wir hier auf die stattliche Ringeltaube als häufigste Taubenart. Sicheres Erkennungszeichen ist neben ihrer Größe ein weißer Halsfleck, der schon von weitem auffallend leuchtet. Zur Brutzeit, die jetzt allmählich zu Ende geht, beweisen die Männchen mit auffälligen, von lautem Flügelklatschen begleiteten Achterbahnflügen ihre Tauglichkeit als Familienvater. Zusätzlich wird die Auserwählte mit gurrend vorgetragenen Liebesschwüren bedacht. Die so geschlossene Ehe hält dann auch eine ganze Brutsaison.
Ende August lösen sich die festen Zweierbeziehungen auf, und die Tauben schließen sich zu auffallend großen Schwärmen zusammen, die von nun an gemeinsam über die Felder ziehen und in dieser Gemeinschaft auch die Nächte verbringen. 60, 80 und sogar 100 Köpfe kann so ein Schwarm zählen, einige sind aus mehr 50 Kilometer Entfernung angeflogen. Es ist also nichts Ungewöhnliches, so einen umherstreifenden Schwarm jetzt im Usinger Land zu entdecken.
Allerdings zieht es vor allem die jüngeren Ringeltauben bald in den wärmeren Süden, während die älteren bei ausreichendem Nahrungsangebot hier zu überwintern versuchen. Wer auf den kräftezehrenden Flug verzichtet, kann zeitiger im Frühjahr die besten Reviere besetzen und ein oder zwei Eier mehr legen und ausbrüten. Das geht auch einige Jahre gut, bis dann ein strenger Winter wieder einen Großteil der flugfaulen Standvögel dahinrafft. Langfristig betrachtet wird die Taktik der Altvögel aufgehen. Da strenge Winter immer seltener zu erwarten sind, haben die Standvögel zunehmend bessere Chancen zu überleben. Die Ringeltaube wird sicher zu den Tierarten gehören, die vom Klimawandel profitieren werden.
Dr. Ralf Klinger