Man säuft zielgerichtet auf den „Filmriss“ hin
15.07.2010 - ALTWEILNAU
Jugendarbeiterinnen berichten bei den Guttemplern
(san). Die Guttempler Gemeinschaft Wilnowe aus Altweilnau, eine Selbsthilfegruppe abstinent lebender Menschen, hatte zwei Vertreterinnen des Jugendhauses Neu-Anspach zu Besuch.
Das Thema, um das es ging, hieß Alkohol bei Jugendlichen. Sabrina Rückauf und Christine Huinink vom Verein zur Förderung der Integration behinderter und sozial benachteiligter Menschen (VzF Taunus) berichteten über ihre Erfahrungen, die sie tagtäglich im Jugendhaus Neu-Anspach erleben. Die ersten alkoholischen Erlebnisse haben Jugendliche heute bereits schon im Alter von zwölf Jahren. Als Einstieg wird gerne der sogenannte Tropicana-Sekt genommen. Der enthält nicht ganz so viel Alkohol und schmeckt ordentlich süß. Doch irgendwann reicht das eben nicht mehr und man greift zu härteren Sachen wie Cola-Whiskey.
Auch gibt es unter den Jugendlichen einen Wettkampf: wer sich am wenigsten daran erinnert, was er am Wochenende gemacht hat, hat gewonnen. Man säuft also zielgerichtet auf den „Filmriss“ hin. „Leider beschränkt sich das Feiern mittlerweile nicht nur aufs Wochenende“, erklärte Rückauf. „Es ist durchaus nicht unüblich, dass einige Jugendliche sich bereits vor der Schule oder in einer Freistunde ein Bier genehmigen.“ Ein Problem ist auch, dass manche Eltern dankbar sind, je später ihre Kinder nach Hause kommen. Dann müssen sie sich nicht so lange um ihren Nachwuchs kümmern und können sich ihrem eigenen Leben widmen. Ein Versuch der Erklärung, warum zum Beispiel Mädchen immer früher zur Flasche greifen, ist der, dass Alkohol hemmungslos macht. Man traut sich dann eher, seinen Schwarm anzusprechen, ihn vielleicht sogar zu küssen. Wenn es dann schief geht, hat man immer die Ausrede, man sei betrunken gewesen und nicht Herr seiner Handlungen.
Trotz der geltenden Gesetze ist es einfach, an Alkohol heranzukommen. In den Supermärkten sitzen abends oft 400-Euro-Kräfte an den Kassen. Meist sind das Schüler oder Studenten, die sich etwas dazu verdienen wollen. Einer der häufigsten Sprüche, den ein Kassierer hört, ist: „Hey, ich kenne doch deine Schwester, deinen Bruder. Drück doch mal ein Auge zu. Du weißt doch, wer ich bin.“ Leider funktioniert das ziemlich häufig, so dass es kein Problem darstellt, einen Eistee und eine billige Flasche Wodka zu kaufen und diese dann zu mischen. Das reicht für mehrere Leute mehrere Stunden. Denn wenn Jugendliche auch sonst einander nichts gönnen, bei Alkohol halten sie zusammen. Hat der eine heute mal kein Geld, wird er eben eingeladen. Dafür kauft er das nächste Mal den Stoff. Um solchen gefährdeten Teenagern zu helfen, ist es in erster Linie wichtig, keine Auseinandersetzung zu scheuen und Kontra zu geben. Dabei darauf achten, nicht persönlich anzugreifen, nach dem Motto: „Du hast dich heute echt daneben benommen“, sondern: „Das, was du getan hast, war echt daneben“. Und kontinuierlich am Ball bleiben. Denjenigen immer wieder mit den Situationen konfrontieren, in denen er die Kontrolle verloren hat.
Ein weiterer Punkt, den Eltern beachten können, ist, ihre Kinder schon früh zu sensibilisieren im Bezug auf Alkohol. Vielleicht zum Mittagessen eher alkoholfreie Getränke zu sich zu nehmen oder abends auf das Bierchen zum Fernsehen zu verzichten. Dann passierte es vielleicht, dass ein sechsjähriger Neffe sich fragt, warum sein Papi abends immer ein Bier trinken muss, während dem Onkel ein Glas Wasser reicht.
Zum Schluss wurde noch Kritik an den Schulen, den Vereinen und der Politik laut. Es wird zu wenig getan. Die Schulen lehnen in den meisten Fällen einen Besuch von trockenen Alkoholikern, die anbieten, Schülern von ihren eigenen Erfahrungen zu berichten, ab. „An unserer Schule haben wir kein Problem mit Alkohol“, hören die Guttempler häufiger. Und die Vereine sagen, es gehöre dazu, einen Sieg mit einem Kasten Bier zu feiern. Das habe man sich dann doch verdient.
Nähere Infos zur Gruppe im Internet unter www.guttempler.de.