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„Eine regelrechte Schluckkultur“

03.07.2010 - SCHMITTEN

Von Horst-Walter Schwager

Anno Hecker: Kampf gegen Doping kann nicht gewonnen werden, lohnt sich aber - Keine Kontrollen im Breitensport

SCHMITTEN (sch). „Es ist eine menschliche Eigenschaft, über seine Grenzen hinausgehen zu wollen - das ist wie ein Gen, das nicht herausoperiert werden kann.“ Sportjournalist Anno Hecker (Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ) hielt im Schmittener Pfarrsaal einen Vortrag zum komplexen Thema Doping, der es in sich hatte. Sein besonderes Augenmerk lag dabei auf dem Kinder- und Breitensport.

„Wir wollen auch lokale Experten zu unseren Veranstaltungen holen“, sagte Pfarrer Hanns-Jörg Meiller bei der Begrüßung des Gastes. Seit 20 Jahren beschäftigt sich der in Oberreifenberg wohnende Hecker mit Doping in allen möglichen Sportarten. In seinem temporeichen, mit zahllosen Fakten gespickten Vortrag breitete der eloquente Redner ein Sittengemälde nicht nur der Sportszene, sondern der ganzen bürgerlichen Gesellschaft aus. „Es gibt viel mehr Doping, als sie sich vorstellen können. Nicht nur der Spitzensport ist betroffen, sondern auch der Breitensport- und Jugendbereich und zwar in seiner ganzen Tiefe“, so Hecker einleitend. Er meinte, dass „der Kampf gegen Doping nicht gewonnen werden kann, sich aber trotzdem lohnt.“ Dieser scheinbare Widerspruch gab der Veranstaltung die Würze und führte auch zu zahlreichen Fragen der Zuhörer.

„Heuchlerische Ärzte“

Eine regelrechte „Schluckkultur“ gebe es eben nicht nur im Sport, sondern auch in Schule, Studium und Beruf. „So genannte verhaltensauffällige Kinder werden mit Ritalin ruhiggestellt, Berufsmusiker und Studenten in Prüfungssituationen nehmen Betablocker, Manager Amphetamine, um länger wach zu bleiben und durcharbeiten zu können.“ Viel Wert legte Hecker auf die Quellenlage, die manchmal und „besonders beim Doping Jugendlicher“ dürftig sei und war durchaus vorsichtig in seiner Argumentation, aber knallhart, wo er Fakten hatte. „Das Deutsche Ärzteblatt hat in einer Studie festgestellt, dass zwölf Prozent aller deutschen Schüler Medikamente erhalten, die nicht benötigt werden.“ Standeswidrig verhielten sich dabei die verschreibenden Ärzte, „denn einem Gesunden darf man keine Medikamente verabreichen.“ Eine andere Studie belege, dass 15 Prozent aller Besucher von Fitnessstudios (1000 Befragte) Muskelaufbaupräparate, sogenannte Anabolika, nehmen, also dopen. „Im Breitensport gibt ist kein Fernsehen, keine Presse, keinen Dopingkontrolleur!“ Während im Spitzensport involvierte Sportmediziner behaupteten, Athleten vor dem Schlimmsten zu bewahren, neigten Amateure, etwa bei Seniorenmeisterschaften, dazu, völlig unkontrolliert Dopingmittel zu schlucken, mitunter veraltete Substanzen mit großen Nebenwirkungen. „Aus Rußland, China bekommt man heutzutage per Internet alles und zwar sehr leicht.“ Aspirin erhielte man sogar rezeptfrei in jeder Apotheke und mit diesem Schmerzstiller seien 60 Prozent aller Teilnehmer des vergangenen Bonn-Marathons gedopt gewesen.

Äußerst detailliert legte Hecker am Beispiel des Spitzensports dar, dass nicht nur die ehemalige DDR „ein Staats-Doping hatte, sondern dass es auch in der Bundesrepublik eine bewusste oder unbewusste staatliche Unterstützung für Dopingnester gab. Im Osten war sogar die Stasi in das Doping involviert, welches die DDR laut Aktenlage gezielt in fast allen von ihr geförderten Sportarten ausprobierte. Die DDR hat nach 1967 Sportarten, in denen sie keine Chance hatte, Basketball etwa, nicht mehr gefördert“.

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