CWS-Schulleiter Sohn: "Ein Allheilmittel ist Digitalunterricht nicht"

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USINGEN - (inf). Öffnen, schließen, öffnen schließen. Nachdem angekündigt war, die Kinder nach den Osterferien in die Schule schicken zu können, ist nun doch wieder Homeschooling angesagt. Doch wie sehen das eigentlich die Lehrer? "Ich mache mir weniger Sorgen um die guten Schüler, die werden ihren Weg gehen. Sondern eher um diejenigen, von denen wir nichts mitbekommen.

Da werden wir erst in Zukunft sehen, wen wir im Distanzunterricht vollkommen abgehängt haben", erklärt Schulleiter der CWS Hans-Konrad Sohn gegenüber dem Anzeiger. Und dabei seien auf dem Gymnasium ja noch bildungsnahe Kinder zu finden. "Ich möchte nicht wissen, wie das in Haupt- und Realschulzweigen gerade aussieht."

Seit einem Jahr sind die Kinder mehr oder minder im Homeschooling. Doch wer sich denkt, dass die Kinder den ganzen Tag in Videokonferenzen sitzen, der täuscht sich. "Wir haben festgestellt, dass eine solche Konferenz kein Allheilmittel ist. Die Schüler sollen ja lernen, selbstständig zu arbeiten. Darum hätten die Schüler einmal in der Woche in den Hauptfächern eine Digitalkonferenz, in den Nebenfächern alle zwei Wochen. In der Zwischenzeit reichen die Schüler ihre Arbeiten ein.

Eine Beurteilung der Schüler, die momentan so ganz anders arbeiten, als in all den Jahren zuvor, ist deutlich schwieriger. "Klassenarbeiten zu schreiben, ist überhaupt nicht möglich", bekennt der Schulleiter. Denn wie genau soll gewährleistet werden, ob ein Schüler während der Arbeit Hilfe von Eltern oder Geschwistern bekommt? Aufgrund dessen sei es für Lehrer momentan deutlich schwieriger zu beurteilen, wie der Wissensstand der Lernenden konkret ist. Eines sei den Lehrern jedoch bereits jetzt klar. "Der Wissenszuwachs, den wir in diesem Jahr erreicht haben, ist deutlich weniger, als in den anderen Jahren zuvor, da machen wir uns alle keinerlei Illusionen drüber." Doch diesbezüglich stelle sich die Frage, ob es künftig überhaupt alleine auf das Wissen ankomme, das ein Schüler über die Jahre angehäuft habe. "Denn das Wissen, das sich Schüler nun über Technik und Digitalisierung angeeignet haben, ist enorm."
Zudem sei es nicht sicher, selbst wenn der Unterricht wieder aufgenommen werde, was die Lehrer dann erwarten würde. "Die Schüler sind auf keinen Fall die Gleichen wie noch vor dem Distanzunterricht. Aufgrund der Zeit, in der sie ihre Freunde nicht treffen konnten und sich selbst zum Lernen motivieren mussten, werden wir höchstwahrscheinlich auf ganz andere Persönlichkeiten treffen, als auf diejenigen vor dieser Zeit."

Klar sei aber schon heute, dass es nicht alle Schüler schaffen werden. "Sorgen machen uns vor allem diejenigen Schüler, von denen wir keinerlei Rückmeldung bekommen. Wir schreiben zwar Briefe an die Eltern, aber von einigen bekommen wir keine Resonanz. Uns fehlt dort die Handhabe." Da die Lehrer im Distanzunterricht oft auch nicht kontrollieren könnten, ob ein Schüler sich am Unterricht tatsächlich beteilige (die Kameras sind oft abgeschaltet wegen der Bandbreite), wisse man auch nicht, ob die Schüler abgelenkt seien oder nicht.

Doch was ist, wenn die Pandemie nicht in einem Jahr vorbei ist? Oder in zweien oder dreien? "Dann werden wir andere Wege finden müssen, die Schüler zu beurteilen", sagt Sohn. Vielleicht sollte man dann darüber nachdenken, ob man dann das bisherige System zwischen Versetzung und Wiederholung umkehren sollte. "Ein Weg wäre, einen Schüler nur dann zu versetzen, wenn er bestimmte Leistungen erbracht hat. Alle anderen müssen die Klasse wiederholen, was dann der Normalzustand wäre. Heute ist es ja umgekehrt", überlegt der Schulleiter.

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