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Das Firmament über dem Taunus

Vom 1. bis 24. Dezember bieten wir den UA-Lesern jeden Tag eine kleine oder große Geschichte - informativ, spannend oder zum Schmunzeln - und begleiten so journalistisch die Tage bis Heiligabend. Heute öffnen wir die Tür in die Sternwarte.

Usinger Land . Es gibt sie auch im Hochtaunus, jene »lost places«. Das sind unheimliche, mystische und zumeist nur schwer oder gar nicht zugängliche Orte. Der Gipfelbereich des Kleinen Feldbergs ist - anders als der große Bruder mit seinem 881 Metern hohen, viel besuchtem Plateau - ein solcher versteckter Ort.

Mit seinen 825 Metern Höhe ist der kleinere Bruder des »Höchsten im Taunus« zwar der zweithöchste Gipfel im Taunus. Da dieser jedoch weiträumig eingezäunt ist, kann man die nicht bewaldete Kuppe lediglich aus 1,4 Kilometer Entfernung Luftlinie vom Aussichtsturm auf dem Großen Feldberg aus mit dem Teleobjektiv oder einem Fernglas aus gut betrachten.

Volker Heinrich ist einer der wenigen Menschen, die Zugang zum dortigen Taunusobservatorium haben. Unseren Lesern öffnet das Präsidiums-Mitglied des Physikalischen Vereins heute für den UA-Adventskalender den schweren Torflügel des für gewöhnlich fest verriegelten und verschlossenen Eingangs.

In sternenklaren Nächten wie dieser muss man die letzten Höhenmeter zum Gipfel des Kleinen Feldbergs zu Fuß überwinden. Die Dunkelheit hat sich wie ein Mantel um den Taunus gelegt, doch das Auge gewöhnt sich schnell an das spärliche Licht.

Nach zehn Minuten Fußmarsch zeichnet sich die 1997 eingeweihte Hans-Ludwig-Neumann-Sternwarte ab, die vom Astronomischen Arbeitskreis des Physikalischen Vereins mit Sitz in Frankfurt betrieben wird.

Blick auf ein Lichtermeer

Ehrfürchtig schaut man aus 825 Metern Höhe hinab auf das Frankfurter Lichtermeer. Doch schon bald wird Heinrich viel spektakulärere Bilder sehen. Durch eine kleine Tür betritt er einen runden, kargen Raum, der von einem imposanten Spiegel-Fernrohr dominiert wird. Das Herz des Observatoriums besitzt ein mit 32 Zentimetern Durchmesser ungewöhnlich großes Objektiv.

Während ordentliche Amateur-Ferngläser eine achtfache Vergrößerung haben, ermöglicht das Herzstück der Sternwarte bei optimalen Bedingungen eine bis zu 400-fache Vergrößerung. Nach einem weiteren Knopfdruck öffnet sich die Kuppel wie ein Cabrio.

Brillantes Bild, gestochen scharf

Der 1,50 Meter breite Spalt gibt den Blick auf den Sternenhimmel frei. Vom Herbst bis ins Frühjahr hinein wird hier das Firmament, die unendlichen Weiten des Universums, von den Sternguckern des Physikalischen Vereins beobachtet. Beim Blick durchs Fernrohr wandert sein Auge ehrfürchtig über den Nachthimmel bis zum Horizont. Als er den Mond ins Visier nimmt, setzt er ab und richtet das eigentliche Fernrohr auf den Mond aus. Unglaublich! Beim Blick durch den Sucher verschlägt es dem Betrachter die Sprache. Bereits in nur 60-facher Vergrößerung erscheint die mit Kratern übersäte Mondoberfläche bildfüllend.

Das brillante Bild ist gestochen scharf und so detailliert, dass man die Kraterlandschaft erkunden möchte. Dann fokussiert der Astronom den Saturn mit seinen deutlich sichtbaren Ringen. Unfassbar! Unvergleichlich schön!

Da stellt sich plötzlich ein Gefühl ein, als hätte man den Taunus mit all seinen irdischen Sorgen und Nöten weit hinter sich gelassen, und der Beobachter entschwebt in ferne Galaxien. Sein Physik-Lehrer bot ihm irgendwann an, ein Fernrohr aus der physikalischen Sammlung seiner Realschule auszuleihen. Nachdem er es zurückgeben musste, kaufte er sich ein gebrauchtes Linsenfernrohr mit einer 30- bis 120-fachen Vergrößerung.

Fazination und Demut

Doch was ist eigentlich die Motivation für sein ungewöhnliches Hobby? »Der Andromeda-Nebel ist die der Milchstraße nächste große Galaxie, zu der 300 Milliarden Sonnen gehören. Sie ist bereits 2,4 Millionen Lichtjahre entfernt«, meint Heinrich. »Wenn man bedenkt, dass der Andromeda-Nebel aber nur eine von Milliarden Galaxien ist, lehrt einen das Demut.«

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