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Gericht Symbolbild

Vorwurfs der fahrlässigen Tötung

»Das gesamte System hat nicht funktioniert«: Weitere Sachverständige in Prozess gegen zwei Ärzte gehört

Zwei Sachverständige haben im Prozess gegen zwei Bad Homburger Ärzte wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen Vorwürfe gegen die Organisation der Klinik erhoben.

Bad Homburg . Der Prozess gegen einen Bad Homburger HNO-Arzt und eine Assistenzärztin der Hochtaunusklinik wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen wurde am Mittwoch vor dem Landgericht fortgesetzt. Dabei kamen erneut zwei Sachverständige - ein HNO-Arzt und ein Unfallchirurg - zu Wort.

Das Gericht bemüht sich seit Wochen um die Aufklärung der Umstände, die zum Tod eines 74 Jahre alten Oberurselers geführt haben. Der Mann hatte sich bei einem Fahrradunfall am Hals verletzt. Nach der Untersuchung am Folgetag in der Notaufnahme der Klinik war er wieder nach Hause geschickt worden, dort aber wenig später kollabiert.

Trotz Reanimation durch den Notarzt, der ihn ins Klinikum Höchst begleitet hat, konnte dort, ohne dass der Mann das Bewusstsein zurückerlangt hätte, nur noch sein Tod festgestellt werden. Den angeklagten Ärzten wird vorgeworfen, den Patienten trotz eindeutiger Warnzeichen nicht zur Überwachung aufgenommen zu haben. Dass dies angezeigt gewesen wäre, hatten beide Gutachter bereits am ersten Tag ihrer Vernehmung erklärt. Auch hatte der Leiter der Unfallchirurgie, der erst später von dem Vorfall erfahren hatte, am letzten Prozesstag ausgesagt, dass er den Mann gleich in eine Klinik mit HNO-Spezialabteilung verlegt hätte.

Die Sachverständigen konzentrierten sich am Mittwoch weniger auf die bereits erörterten medizinischen Umstände, sondern mehr auf die klinikinterne Organisation. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Umstände »sehr ungewöhnlich« gewesen seien. So hatte der erstbehandelnde Hausarzt des Verstorbenen den Bad Homburger HNO-Arzt als Konsiliararzt hinzugebeten, weil der Marcumar-Patient ein stumpfes Halstrauma hatte, das wegen des Einblutungsrisikos fachärztlicher Behandlung bedurfte, was auch so in der Einweisung stand.

Die damals im achten Monat ihrer klinischen Ausbildung stehende Assistenzärztin hatte sich, und das macht man ihr zum Vorwurf, auf das Urteil des Fachkollegen verlassen - auch als der entschieden hatte, dass der Mann in die häusliche Obhut seiner Frau zu entlassen sei.

Bei Auftreten von Atemnot, die bei der Entlassung nicht vorgelegen hat, sollte er sich erneut vorstellen. Atemnot trete bei Komplikationen so plötzlich auf, dass die Ehefrau nicht schnell genug hätte reagieren können, waren sich die Experten einig. In der Klinik wäre das schnell festgestellt worden.

Ob sich die Ärztin auf das Urteil des externen HNO-Arztes hatte verlassen dürfen oder ob sie trotzdem einen Oberarzt aus der Klinik - was der richtige Ablauf gewesen wäre - hätte hinzuziehen müssen, wird im weiteren Prozessverlauf weniger eine medizinische, sondern eher eine juristische Frage sein. Einig sind sich die Gutachter darin, dass Ärzte interdisziplinär die Expertise der Fachkollegen anerkennen. Dass Organisationsmuster, zu denen auch der Vorgang der Entlassung zählt, aber komplett übersprungen werden wie in diesem Fall, sei unüblich. Trotz allen Vertrauens in das Können eines Kollegen müssten Ärzte die Zuständigkeitsstrukturen einhalten.

Warum hat niemand Alarm geschlagen?

Ungewöhnlich sei aber auch, dass Assistenzärzte und externe Konsiliarärzte gemeinsam Entlassungsbriefe schreiben, ohne dass der externe Arzt seine Einschätzung durch Zugang zum EDV-System separat dokumentieren kann. Ungewöhnlich sei ferner, dass ein externer Arzt mit seinem Namen links unter dem Entlassungsbrief auftauche und damit praktisch die Rolle des Oberarztes einnehme. Entlassen könne immer nur die bettenführende Abteilung und kein Konsiliararzt. Der Brief war im vorliegenden Fall auch nur rechts von der Assistenzärztin unterschrieben worden. »Hier hat das gesamte System nicht funktioniert«, so der Experte für Unfallchirurgie. Medizinisch vertraten die beiden Experten erneut die Auffassung, dass die latente Lebensgefahr, in der sich der Mann bereits bei Eintreffen in der Notaufnahme befand, bereits ohne die später gemachte Computertomografie (CT) die »Alarmglocken« in Gang hätten setzen müssen.

Dass die junge Ärztin die CT-Bilder vermutlich noch nicht richtig deuten kann, sei normal, spiele hier aber keine Rolle, denn auch bei der nachmittäglichen Ärztekonferenz, der das CT vorgelegen habe, sei nicht Alarm geschlagen und der gerade zehn Minuten zuvor entlassene Mann zurückbeordert worden. Alexander Schneider

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