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Sidney Raschig und Achim Pauls sind froh über das Notstromaggregat der Feuerwehr, das bei einem »Blackout« die Einsatzfähigkeit der Brandschützer sichert.

Helfer aus Überzeugung

»Das lässt einen nicht kalt«: Grävenwiesbacher spricht über seinen Einsatz in den Flutgebieten

Der Grävenwiesbacher Sidney Raschig arbeitete als Elektroniker im Katastrophengebiet Ahrtal. Im Gespräch mit unserer Zeitung schildert er seine Erlebnisse.

Grävenwiesbach. Sidney Raschig ist leidenschaftlicher Feuerwehrmann und stets bereit zu Hilfeleistung und ehrenamtlichem Engagement für die Allgemeinheit. Seit 2013 ist der heute 25-jährige Grävenwiesbacher Aktiver in der Einsatzabteilung der Kerngemeinde. Er war Ende Juli dabei, als die Gemeindefeuerwehr die erste von der Hochtaunus-Elektro-Innung organisierte Hilfslieferung ins Katastrophengebiet Ahrtal brachte. Das Helfer-Gen teilt der junge Elektroniker mit seinem Chef Holger Sorg, Geschäftsführer von Elektro Schultheiß in Merzhausen. Sorg kümmert sich als stellvertretender Gemeindebrandinspektor von Weilrod täglich um die Hilfe für den Nächsten.

Als ihn ein Hilferuf des Deutschen Roten Kreuzes erreichte, das Fachkräfte für das Verpflegungszentrum in Grafschaft-Ringen suchte, war Sorg sofort bereit, selbst zu helfen und seine Mitarbeiter für den Einsatz freizustellen. Wegen des Totalausfalls der Stromversorgung im Katastrophengebiet war die Verpflegung nur mithilfe des Einsatzes von Notstromaggregaten möglich. Der Elektro-Meister und zwei seiner Mitarbeiter waren vom 16. August bis 12. September unentgeltlich tätig, um den Betrieb von 14 Feldküchen sicherzustellen, in denen in sechs Wochen rund 700 000 Mahlzeiten für obdachlose Hilfsbedürftige im Ahr-Katas-trophengebiet gekocht wurden. Als Erster startete vom 16. bis 29. August Sidney Raschig an die Ahr, ehe ihm Jan Preußer aus Altweilnau folgte. Im Interview schildert Raschig seine Erfahrungen beim Hilfseinsatz sowie persönliche Eindrücke vom Leben im Katastrophengebiet vier Wochen nach der Flut. Zusammen mit Grävenwiesbachs stellvertretendem Wehrführer Achim Pauls zieht er auch Rückschlüsse auf die künftige ehrenamtliche Feuerwehrarbeit zu Hause im Usinger Land.

Herr Raschig, was waren Ihre nachhaltigen Eindrücke von der Lage am Einsatzort?

Sidney Raschig: Das Deutsche Rote Kreuz hatte auf dem Haribo-Gelände aus dem Nichts mit dem Verpflegungszentrum eine einzigartige Organisationsstruktur erschaffen, mit der täglich 18 000 Menschen verpflegt wurden, die keine Wohnung hatten und denen an 15 verschiedenen Orten im Ahrtal Essen ausgegeben wurde. Hier hatten mir die acht Jahre in der Einsatzabteilung der Grävenwiesbacher Feuerwehr sicher geholfen, mich schnell in die Organisationsstrukturen einzugliedern, um als Elektroniker die Notstromversorgung für das gesamte Areal sicherzustellen. Schnell wurde mir klar, wie sehr es sich lohnte, hier etwas zu tun. In unmittelbarer Nähe war das Helfer-Shuttle, mit dem jeden Tag Freiwillige aus ganz Deutschland in das Katastrophengebiet gebracht wurden, die fremden Menschen in Not halfen. Die Hilfe wird bis heute immer noch gebraucht. So etwas hatte ich noch nie gesehen.

Was waren Ihre Aufgaben und wie hat der Einsatz Ihrer Meinung nach geklappt?

Raschig: Meine Aufgabe war es, mich ausschließlich um die Technik zu kümmern. So hatte ich eigenständig ein spezielles Abwassersystem aufgebaut. Das hatte ich noch nie gemacht, aber dort gelernt - und das war nicht leicht. Der Arbeitseinsatz zum Umbau der Küche fand zwischen Mitternacht und 3 Uhr statt, weil dann dort kein Betrieb war. Nebenbei kümmerte ich mich auch ganz selbstverständlich um andere Aufgaben wie zum Beispiel die Spülstraße wieder in Gang zu setzen, neue Waschmaschinen anzuschließen oder eine ausgelaufene Heizung zu reparieren.

Wenn es gebraucht wurde, nahm ich auch Feuerwehraufgaben wahr, wie zum Beispiel die Beseitigung einer Ölspur. Dort lernte man schnell, über den persönlichen Tellerrand hinauszuschauen. Wer gesagt hätte, das ist nicht meine Aufgabe, wäre fehl am Platz gewesen. Es gab keine geregelte Arbeitszeit und so dauerte mein Einsatz bis zu 15 Stunden am Tag.

Man lernt, sich selbst zu organisieren und freie Zeiten effektiv zu nutzen, um sich im Ruhe-Zelt auf beheizten Feldbetten mal aufs Ohr zu legen. Ich fühlte mich nicht überfordert und war in meinem Nachtquartier in der Klinik Niederrhein gut untergebracht.

Was haben Sie von der Lage direkt im Katastrophengebiet mitbekommen und welche Eindrücke sind davon geblieben?

Raschig: Da lernt man, ganz anders über das Leben nachzudenken. Mit gesundem Menschenverstand ist es einfach nicht vorstellbar, wie viel Kraft Wasser hat. Das siehst du beim Blick auf das Haus, wo das Wasser in sechs Meter Höhe direkt unter dem Dach gestanden hat, oder in einem Ort, indem nur noch drei Häuser stehen; alle anderen wurden weggeschwemmt. Eine 300 Jahre alte Brücke aus Stein und massivem Stahl war einfach weg. Ich habe persönlich mit Menschen gesprochen, die sich mit der Versicherung über Schadensersatz streiten. Die bekommen gesagt, dass die Versicherung bei einer Überschwemmung gezahlt hätte. Das Hochwasser an der Ahr sei nach Meinung der Versicherung aber eine Überflutung gewesen, die nicht versichert sei. So eine Zerstörung hatte ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Was bedeutet der Arbeitseinsatz für ihre ehrenamtliche Feuerwehrarbeit zu Hause? Womit müssen Sie in Zukunft umgehen?

Raschig: Das lässt einen nicht kalt. Wer jeden Tag runter ins Tal gefahren war, um Verpflegung zu bringen, hat bei der Rückkehr immer viel erzählt. Vier Wochen nach der Katastrophe wussten die Helfer schon ganz gut damit umzugehen. Aber man macht sich selbst Gedanken, was wir zu Hause bei einer solchen Situation machen würden. In Grävenwiesbach ist es anders, weil die Ahr noch größer ist als die Weil. Sicherlich hilft dagegen nichts. Da ist man machtlos. Kein Mensch konnte damit rechnen. So etwas gab es noch nie. Ich bin der Meinung, dass super geholfen wurde. Mehr hätte man nicht machen können. Als ich dort war, hatten sich alle gegenseitig geholfen, sogar verfeindete Nachbarn. In so einer Situation ist jeder Mensch gewesen.

Pauls: Die Katastrophe im Ahrtal hat gezeigt, wie schnell man in eine akute Notsituation kommen kann, aus der man nicht alleine herauskommt. Die Hilfe von wildfremden Menschen wird benötigt. Deswegen appelliere ich an alle: Engagiert euch bitte, denn den Bedarf an Helfern wird es immer geben. Qualifizierte Elektroniker wie Sidney werden in künftigen realistischen Katastrophenszenarien Gold wert sein. Wir sind uns beide einig, dass es nur eine Frage der Zeit sein wird, bis wir einen »Blackout« erleben werden. Dann müssen dezentrale Strukturen zur Notstrom-versorgung aufgebaut werden. Da werden Menschen wie Sidney Raschig massiv gebraucht werden.

Andreas Romahn

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