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Rezitation und Performance: Siebtklässler lernen in Workshops die Dramaturgie von Balladen kennen.

Der moderne Erlkönig

Neu-Anspach (fms). Mit Balladen wird jeder Schüler irgendwann einmal konfrontiert, aber nicht jeder erinnert sich gern an den meist düsteren Stoff aus den Deutschstunden. »Der Erlkönig« ist so eine schaurige Geschichte und gleichzeitig der Balladen-Klassiker schlechthin. »Gedicht aufsagen« hieß es früher, wenn der Schüler »nach vorne« und das auswendig Gelernte vortragen musste:

Fürs Runterleiern gab es nur wenig Punkte, wer die Stimme an der richtigen Stelle hob oder senkte, konnte mehr draus machen. Wie zeitlos die Form der Ballade aber ist, erfuhren Schüler der Adolf-Reichwein-Schule jetzt in einem Balladen-Workshop. Goethe schwang zwar mit, aber die moderne Ballade ist heutzutage ein beliebtes Format für Poetry-Slammer. Sie können damit vor allem junges Publikum hinter dem Ofen hervorlocken.

Unterhaltung und Tiefsinn

Poetry-Slam ist zu einem Genre der Bühnenkunst geworden, das vor allem zwei Stränge verwebt: Unterhaltung und Tiefsinn. Selten bleiben die Inhalte oberflächlich, das unterscheidet Poetry-Slam von banaler Comedy. Der Poetry-Slammer ist nicht nur Dichter, sondern denkt in seine Geschichten gleich die Performance mit, ohne die Poetry-Slam nicht funktioniert. Wie das geschieht, wurde den Schülern der siebten Jahrgangsstufe interaktiv vermittelt. Dazu kamen die vor allem in Hessen bekannten Slammer Benedict Hegemann, Stefan Dörsing und Slammerin Carolin Göbel in die Neu-Anspacher Schule. Alle drei sind mit Wettstreiterfolgen reichlich ausgestattet, denn die Slam-Poetry wird nicht fürs Hinterzimmer geschrieben. Vielmehr tritt man auf der Bühne gegeneinander an, und das Publikum entscheidet, wer gewinnt, bis hin zu landes- oder bundesweiten Wettbewerben mit Meistertiteln.

So weit sind die Schüler allerdings noch nicht, aber ihr Interesse dürfte geweckt sein. Denn, trotz anspruchsvoller Inhalte sind die Bausteine einer Perfomance vielfältig und schließen Trendformate nicht aus, wie sich an Beispielvideos zeigte, die Hegemann in seiner Klasse zeigte. Rap-Elemente, Beatbox und schräge Sprachgebilde machen die Balladen zeitgemäß und die Kreativität, die jeweils in den zeitlich eng begrenzten Vorträgen steckt, ist unübersehbar und unüberhörbar. Solovorträge sind ebenso üblich wie Team-Vorträge.

Witzig das Poem, in dem es nach dem Motto »Meine Oma, deine Oma« um die Omas ging, eine ironische Huldigung, von Dörsing in einem Clip im Trio vorgetragen. Anhand des Videos analysiert Hegemann die Dramaturgie des Vortrags, von szenisch bewusst gesetzten Akzenten, über Mimik, Gestik, Rollenverteilung, Rollenwandlung bis zum Spannungsaufbau. Er zeigte auch, wie man die heutzutage durch schnelle Schnitte üblich gewordene Bilderflut in der Performance nachbauen kann. Dabei griff er auch auf einen weiteren Clip zurück, in dem der Erlkönig Pate stand. In diesem ging es im bewährten Balladen-Format um einen Schneekönig und wie »Mann« angesichts einer eiskalten Schönheit dahinschmelzen kann.

Besonderer Zugang zu Gedichten

Die Videoaufnahme eines Babys, das bei einem anrührenden Song bis zum Tränenvergießen dahinschmolz, ließ auch die Schüler reihenweise dahinschmelzen. Damit veranschaulichte Hegemann, wie wichtig Emotionen als Träger der Inhalte und Botschaften sind. Den Stoff vermittelten die Workshop-Leiter im Dialogunterricht, Schülerinnen und Schüler brachten sich ein, bekamen Aufgaben und versuchten sich in der Gruppe schließlich selbst an einer entsprechend aufbereiteten Geschichte. Damit öffneten sie den Schülern einen besonderen Zugang zu Gedichten und zum Dichten, und wer weiß, ob nicht einige Körner auf fruchtbaren Boden fallen.

»Poetry-Slam kann ein Sprungbrett sein«, sagte Slammer Hegemann, der auch als DJ, Moderator und Schauspieler erfolgreich ist.

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