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Angesichts der Schönheit der adventlich geschmückten Laurentiuskirche erweist sich für die Besucher der Orgelvesper, dass Dantes Worte noch immer ihre Gültigkeit haben: »Die Seligkeit erfolgt durchs Schauen«.

Dialog zwischen Wort und Musik

Usingen . Bereits beim Betreten der evangelischen Laurentiuskirche zieht die adventliche Atmosphäre die Besucher der Orgel-Vesper in ihren Bann. Intuitiv bleiben viele stehen, halten inne und blicken andächtig den Mittelgang des Kirchenschiffs nach vorn zum Gloria-Bogen, der sich über den Altarraum spannt. Die mächtige und schmuckvolle Orgel auf der Empore thront über dem in warmem Kerzenlicht erstrahlenden Ensemble.

Rechts und links des Mittelgangs leiten Schleifen sowie Teelichter auf dem Rand der Bänke den Blick hin zum Altarraum. Liebevoll hat Küsterin Christiane Schumann ein Dutzend Kerzen und ein adventliches Blumengesteck auf dem Altar sowie daneben den Adventskranz und die Taufkerze gruppiert. Wenn die Adventszeit auch im zweiten Jahr in Folge aufgrund der Pandemie grau, trist und arm an vorweihnachtlicher Einstimmung erscheinen mag - der Besuch der jüngsten Orgelvesper war ein ganz besonderes Geschenk, das die Aktiven der evangelischen Kirchengemeinde vorbereitet hatten. »Die Seligkeit erfolgt durchs Schauen«, lautet der Titel des 28. Gesangs aus Dante Alighieris »Göttlicher Komödie«. Und unter genau dieses Motto hatte das Konzept-Team um Pfarrer Dr. Hans-Jörg Wahl, Organistin Sophia Kim sowie Sprecherin Dr. Mirjam Andres die letzte Orgel-Vesper dieses Jahres gestellt.

Virtuos und facettenreich

Treffender lässt sich auch das innere Gefühl nicht beschreiben, das die Besucher schon beim Betreten der Kirche ergriff. Dann erfüllte Sophia Kim mit ihrem virtuosen, facettenreichen und gefühlvollen Orgelspiel das Kirchenschiff.

»Ein Jahr im Jenseits. Nach Beethoven, Hölderlin und Hegel, in deren Gedenkfeierlichkeiten die Pandemie hineinfuhr wie das Schicksalsmotiv in Beethovens Fünfter, beginnen dieser Tage zwölf Monate rund um Dante, der vor 700 Jahren starb, kurz nach der Vollendung seiner »Göttlichen Komödie«, zitierte Mirjam Andres aus einem Artikel aus dem Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der anlässlich des 700. Todestages des großen italienischen Dichters und Philosophen Anfang des Jahres erschienen war. Im Wechsel mit dem außergewöhnlichen und überaus erfüllenden Orgelspiel der Kirchenmusikerin Kim trug Andres, studierte Historikerin, Latein- und Geschichtslehrerin, gekonnt Passagen aus dem Hauptwerk Dantes vor. Ein fein abgestimmter Dialog aus Wort und Musik, der den Samstagabend in der Laurentiuskirche zu einem ganzen besonderen kulturellen Erlebnis werden ließ.

Facetten des Lichts

Die Lichtgestalt der Beatrice war die stete Begleiterin Dantes in dessen Jugendalter. »Beatrice führte ihn in das himmlische Paradies, wo die Seelen der Geretteten im Angesicht Gottes die Freuden der ewigen Seligkeit genießen«, erfuhr das Publikum weiter.

»Das himmlische Paradies zeichnet sich durch verschiedene Facetten des Lichts aus, die kaum zu beschreiben sind: Von hier an war mein Sehen mächtiger als unser Sprechen, das vor solchem Anblick versagt, und es versagt auch das Gedächtnis vor so viel Übermaß.« MATTHIAS PIEREN

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