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Die Kur als Hölle

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Frank Wilkens aus Grävenwiesbach unterstützt die Aufklärungsarbeit zur Aufdeckung der vielen Missbräuche gegen Verschickungskinder. © Schwarz-Cromm

Die Zahl der Kinder, die ab den 50er-Jahren bis in die frühen 90er zu einer Kur verschickt wurden, wird mit »Millionen« angegeben. Unter seltsamen, ja sogar unter unhaltbaren Zuständen litten viele dieser Kinder unter körperlichen und vor allem seelischen Misshandlungen. Lange Zeit blieben diese Misshandlungen unausgesprochen. Inzwischen werden sie aber auf Bundes- und Landesebene offen diskutiert.

Ambitionierte Verbände bildeten sich. »Seit dem 1. Oktober gibt es auch in Hessen den ersten Verein dieser Art, der sich mit der Aufarbeitung der Schicksale der sogenannten Verschickungskinder beschäftigt«, berichtet Frank Wilkens.

Grävenwiesbach. Frank Wilkens ist eines dieser misshandelten Verschickungskinder und engagiert sich für die Aufklärung der jahrelangen Vorfälle. Er zählt zu den sieben Gründungsmitgliedern und hat den Posten Öffentlichkeitsarbeit beim gerade erst gebildeten Verein Aufarbeitung Kinderverschickungen Hessen (AKH) übernommen.

Das Ziel sei es, die Aufklärung voranzutreiben, erklärt Wilkens. Aus einer Selbsthilfegruppe, der Wilkens angehörte, entstand der Verein, der durch die Anerkennung der Gemeinnützigkeit auch Kontakte zu politischen Gremien, Krankenkassen sowie Sozialbehörden ermöglicht. »Wir arbeiten eng mit dem Bundesverband und den anderen Länderverbänden zusammen«, berichtet Wilkens. So könne man auf deren Erfahrungen und Expertisen zurückgreifen.

Leider machte auch in diesem Bereich Corona einen Strich durch die Aufklärungsarbeit, da die wichtigen persönlichen Zusammenkünfte nicht stattfinden konnten. Allerdings habe der Hessische Landtag bereits Fördergelder in Aussicht gestellt, freut sich Wilkens, der sich seit einem Jahr öffentlichkeitswirksam mit der Thematik beschäftigt.

In der Borkumer Erklärung vom 21. November 2021 wurden von den an einem früheren Standort der Verschickungsheime zusammengekommenen Betroffenen eine gemeinsame Erklärung verabschiedet. Sie forderten dazu auf, das erlittene Leid durch Bund, Länder und den Trägern der damaligen Heime öffentlich anzuerkennen und Mittel für die wissenschaftliche Aufarbeitung zur Verfügung zu stellen. Bereits im Jahr 2019 wurde diese Forderung während eines Kongresses auf Sylt formuliert.

Das Wissen um das Unrecht, das den Kindern angetan wurde, hat sich inzwischen erweitert. Viele Tausend Menschen haben sich gemeldet und von eigenen Erfahrungen berichtet. Ein großes Archiv zeugt von den Taten, unter denen die Kinder litten. Wilkens spricht von einer immensen Dimension an Tatsachenberichten über Kinderrechtsverletzungen. Politik und Verwaltung hätten lange weggesehen und geschwiegen und damit für die Geschehnisse Vorschub geleistet.

»Im Januar 2020 hat sich die Politik erstmalig mit unseren Anliegen befasst.« Alle Bundesländer haben das Leid dieser Kinder anerkannt. In mehreren Landtagen wurde es thematisiert. In Baden-Württemberg tagte ein Runder Tisch. In Nordrhein-Westfalen ist eine umfassende wissenschaftliche Aufarbeitung geplant. Selbst Kurheime haben Studien in Auftrag gegeben.

Empörung über Gleichgültigkeit

Den Bundesministerien wurden Anfang des Jahres alle Forderungen der Verschickungskinder vorgelegt. Aber es gibt keine Anschlusstermine, sie wurden abgelehnt. Was die Verschickungskinder sehr enttäuscht. »Wir sind empört«, lautet es in einem ihrer Schreiben an die Öffentlichkeit, »es erinnert uns an die Ignoranz und an die Gleichgültigkeit, mit der unsere Berichte zurückgewiesen wurden, als wir als verstörte Kinder von den Verschickungen nach Hause kamen.«

Appell an den neuen Bundestag

Deshalb appellieren sie intensiv an den neuen Deutschen Bundestag und an die Bundesregierung. Sechs Millionen Euro seien notwendig, um koordiniert vom Bund mit den finanziellen Beiträgen der Länder und der Träger eine bundesweit tätige Anlaufstelle, ein wissenschaftliches Verbundvorhaben mit Forschungseinrichtungen zur Auswertung plus einem Dokumentationszentrum realisieren zu können. Frank Wilkens will sich engagiert dafür einsetzen.

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