Die Stones, Schalke und der IB

Grävenwiesbach . Seit 25 Jahren arbeitet der gebürtige Gießener Ingo Traut in den Einrichtungen der IB Behindertenhilfe Grävenwiesbach in der Thüringer Straße. Zum Arbeitsjubiläum am 1. Oktober 2021 dankte IB-Bereichsleiterin Melanie Zeller dem Mann der ersten Stunde und überreichte ein Präsent. Seit 2001 in der Tagesstruktur der Kerzenwerkstatt und alljährlich als Standbetreiber auf dem Weihnachtsmarkt und dem Frühlingsfest ist Traut für die Grävenwiesbacher das Gesicht des IB.

Er hat in der Gemeinde, in der auch sein erwachsener Sohn wohnt, Wurzeln geschlagen. Seit 2017 ist der 55-jährige, bodenständige Diplom-Pädagoge für sonderpädagogische Einrichtungen in der Thüringer Straße verantwortlich für ein Frauenhaus mit acht Bewohnerinnen. Der leidenschaftliche Rolling-Stones- und Schalke-04-Fan ist gesellschaftlich sehr interessiert, liebt es, nach einem Spaziergang hoch oben vom Hermannstein auf das Dorf Grävenwiesbach zu schauen. Im Gespräch mit dem UA anlässlich seines Mitarbeiterjubiläums gab Traut einen Einblick in das Vierteljahrhundert beim IB, die tägliche Motivation hier bis zur Rente zu bleiben und den Umgang mit der Corona-Pandemie, die sein und das Leben der Bewohner kräftig auf den Kopf gestellt hatte.

Herr Traut, wie lautet ihre persönliche Bilanz nach 25 Jahren beim IB Grävenwiesbach?

Ingo Traut: Ich bin zufrieden. Sonst wäre ich nicht mehr hier. Ich empfinde es so, dass meine Arbeit hier wertgeschätzt wird. Im Tagesgeschäft ist es möglich autonom zu arbeiten und bei sehr viel Freizeit das pädagogische Angebot selbst mitzugestalten. Bei meinem Start am 1. Oktober 1996 war das erste Haus noch gar nicht komplett und ich habe viel vom Neuanfang live mitbekommen. Das war spannend. Die schönen Dinge überwiegen in meiner Arbeit. In den 25 Jahren sieht man, welche unwahrscheinlich positive Entwicklung es bei den Bewohnern gab. Als ich 1996 angefangen hatte, wollte ich nur so lange bleiben, bis ich etwas besseres gefunden hätte. Ich bin gerne auf der sicheren Seite. Das war damals mit den Gründern Michael Thiele oder Ullrich Holzapfel ein ganz anderer IB und eine echte Pionierzeit. Die Herausforderung in Grävenwiesbach war es nicht zu scheitern. Heute will ich bis zu meiner Rente hier bleiben.

Wie haben sich die Beziehungen zu den Menschen im Dorf und der Gemeinde entwickelt?

Traut: Heute kommen viele Grävenwiesbacher direkt in die Kerzenwerkstatt wie in einen Laden. Sie unterhalten sich dann ganz locker mit den Klienten während sie Kerzen kaufen oder bestellen. Gerade die Stammkundschaft hat uns während Corona die Treue gehalten. Da wurden die Kerzen halt durch das Fenster gereicht. Bis zu Corona war der Weihnachtsmarkt und das Frühlingsfest bei uns der Renner. Denn da hatten wir den direkten Kontakt zu den Menschen im Dorf. Gerne hätten wir 2020 die Kerzen für die Weihnachtsaktion des Vereins Grävenwiesbacher Gewerbetreibender gemacht. Da ging es nicht ums Geschäft. Mit dem Erlös fuhren wir ins Phantasialand und in den Opel-Zoo. Jeder, der Kerzen vom IB hat, kommt immer wieder. Im Übrigen stehen die Kerzen heute in der ganzen Welt, denn sie werden häufig als repräsentative Geschenke bei Auslandsaufenthalten des IB verwendet. Unsere Betreuungsarbeit hier in Grävenwiesbach sieht man nicht, aber man sieht die Kerzen. Ganz besonders wichtig waren die ersten Sommerfeste vor über 20 Jahren. Denn da war das Haus offen für alle Gäste, wurde von den Musikbands Kultur geboten und hatten sich die Verhältnisse positiv verändert. Zum Beispiel der Getränkemarkt Markt Born oder Helga Pauly, die den Bewohnern immer die Haare schnitt, gehörten selbstverständlich dazu. In den letzten 25 Jahren wurden wir von allen Grävenwiesbachern gut angenommen. Die finden das toll, was hier gemacht wird. Das Verhalten gegenüber den Bewohnern ist ganz offen. Man kennt sich.

Was ist der Motor ihrer täglichen Arbeit mit den Klienten und was sind Ihre Erwartungen für die Zukunft?

Traut: Mein Arbeitstag ist gut, wenn in der Kerzenwerkstatt viel gelacht wird. Dann ist es egal, wie viel Kerzen wir machen. Man kann auch mal 13 gerade sein lassen. Die Mädels haben ein gutes Gespür, wann Spaß ist und wenn es ernst wird. Sie machen gerne Spielchen mit mir, wenn Schalke 04 nicht gut gespielt hat. Eine typische Geschichte, die mich antreibt, war 2019 der Fall eines 18-jährigen Mädchens, dass aus einem Kinderhaus in Borna in Sachsen ausziehen musste. Sie wurde von dem Personal dort als geistig behindert bezeichnet.

Melanie Zeller und ich waren da hingefahren, um uns zu kümmern und wir fanden sie toll. Unsere Maßstäbe an mögliche Defizite der Menschen dort waren ganz andere. Wir hatten sie dann aus der Notsituation hier in Grävenwiesbach aufgenommen und nach einer Zwischenstation lebt sie seit zwei Jahren hier, hat eine gute Prognose 2022 für die Tätigkeit in der Werkstatt und eine Perspektive für das betreute Wohnen. Das wir das mit ganz persönlichem Einsatz geschafft haben, das ist der Hammer. Wenn es um meine Motivation in den 25 Jahren geht, denke ich immer an unsere Bewohnerin, die im Alter von 17 Jahren nicht zu bändigen war und alleine am Tisch fixiert werden musste, damit sie sich nicht selbst verletzte. Heute ist sie 42 Jahre alt und nimmt an unseren Ausflügen und an einem Urlaub in Berlin teil. Das hätte ich damals nie gedacht. Da gibt es bei mir auch mal eine Träne, wenn es ihr nicht gut geht. Ich glaube, manchmal verwöhne ich die Bewohner auch zu sehr.

Wie hat die Corona-Pandemie ihr Leben und die Arbeit am Standort Grävenwiesbach beeinflusst?

Traut: Am Anfang hatte ich richtig Angst. Als in den Regalen das Toilettenpapier und die Milch fehlte, fragte ich mich, wie das weitergehen würde. Ich war es den Mädels und meinen Kollegen schuldig, dass ich weitermachte. Die Bewohner hatten das besser weggesteckt als wir Betreuer. Wir hatten gut zusammengearbeitet und viel Solidarität und Miteinander praktiziert. Es war schwer den Klienten zu erklären, dass es wegen des Lockdowns keine Freizeit mehr gab und dass dies nicht ihre Schuld war, sondern ihrem Schutz diente. Es war ein Spagat, mich den eigenen Ängsten zu stellen und sie gleichzeitig jenen Bewohnern zu nehmen, die im Zimmer bleiben mussten. Die Pandemie war teamfördernd. Wir stehen in Verhandlungen mit dem Kreis über die dritte Impfung. Mir fällt auf, dass es den Klienten besser geht.

Was wünschen sie sich für ihre Zukunft und die der Bewohner des IB-Grävenwiesbach ?

Traut: Ich will gesund bleiben und bis zur Rente hier arbeiten. Denn ich bin Gewohnheitsmensch und gerne mit den Menschen zusammen, die ich hier kenne. Im Rückblick habe ich mein Herzblut in den IB gesteckt. Das ist auch ein bisschen meine Einrichtung. Ich habe noch nie an meinem Geburtstag gearbeitet. Das will ich beibehalten. Ansonsten wünsche ich mir, dass es bald wieder ein Sommerfest geben wird. Wenn die Menschen sich hier wohlfühlen, das ist für mich das größte Lob. Ich freue mich auf den Weihnachtsmarkt in Grävenwiesbach und über jeden, der von Montag bis Freitag morgens von 9 bis 12 Uhr bei uns in der Kerzenwerkstatt vorbeischaut.

Andreas Romahn

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