»Er führt Böses im Schilde«

Neu-Anspach (sma). Ein Motorradfahrer will in Neu-Anspach einen langsamen Wagen überholen, doch als er auf der schmalen Straße direkt neben ihm ist, gibt der Autofahrer Gas und lenkt nach links. Dann tritt er voll auf die Bremse, der Motorrradfahrer und seine Sozia stürzen, verletzen sich schwer.

»Eine Wahnsinnsaktion«, so der Strafrichter im Bad Homburger Amtsgericht und fügt als mögliche Erklärung hinzu: »Testosterongesteuert«. Er verurteilt den Autofahrer wegen Straßenverkehrsgefährdung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe inklusive einer Zahlung von 5000 Euro und einem weiteren Führerscheinentzug von neun Monaten. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er der Darstellung des Usingers, er habe gar nichts gemacht und das Motorrad erst nach dem Sturz im Rückspiegel gesehen, nicht glaubt. »Warum sollten die beiden Motorradfahrer lügen?«, so seine rhetorische Frage. »Sie dagegen haben allen Grund zum Lügen.« Zudem passen auch noch die Erkenntnisse des Sachverständigen für Unfallanalytik exakt zu den Aussagen der Motorradfahrer. Da nützt es auch nichts, dass der Autofahrer - bis dahin ein unbescholtener Mann - so gar nicht wie ein Verkehrsrowdy wirkt. Eher bedächtig und zurückhaltend macht er seine Aussage, Unterstützung bekommt er von seiner Frau. »Er hat ein sehr starkes Sicherheitsbedürfnis, ist ein - charmant formuliert - sehr bedächtiger Fahrer«, sagt sie

Opfer wirken glaubwürdig

Doch das Ehepaar, das damals an dem sonnigen Sonntag im Juni 2020 mit dem Motorrad gestürzt war, ist im Gericht überzeugend. Beide erzählen, wie sie dem Angeklagten beim Überholen nahe des Friedhofs in Rod am Berg noch ins Gesicht gesehen hätten. »Da wusste ich, er führt Böses im Schilde«, so der Motorradfahrer. »Er hat gegrinst so nach dem Motto: ›Ich zeige euch was‹«, beschreibt es seine damalige Ehefrau. Dann habe der Autofahrer beschleunigt und nach links gelenkt. Der erfahrene Motorradfahrer entschloss, das Auto fahren zu lassen, ging vom Gas. Doch als er hinter dem Wagen war, wurde der etwa aus Tempo 60 voll abgebremst. Der Motorradfahrer bremste notgedrungen auch. »Das war eine Überbremsung, so etwas macht ein Motorradfahrer nur in einer Notlage, wenn er sich nicht mehr anders helfen kann«, erklärt der Sachverständige, der sich die beiden gut sichtbaren, hintereinander liegenden Bremsspuren am Unfallort genau angesehen hatte. »Das Überbremsen führt zum Blockieren des Vorderrads. Und das führt immer zum Sturz.«

»Ich dachte, sie sei tot«

An diesen Sturz hat der Motorradfahrer keine Erinnerung mehr. Er sei aber noch auf der Straße wieder zu sich gekommen und habe seine bewusstlose Frau gesehen, erzählt er. »Ich dachte, sie ist tot.« Die Frau kam erst im Rettungshubschrauber wieder zu Bewusstsein. Sie hatte eine Gehirnerschütterung und Prellungen, als körperliche Erinnerung an den Unfall sind ihr immer wiederkehrende Kopfschmerzen sowie zwei Narben geblieben. Ihren damaligen Mann hatte es schlimmer erwischt: Etliche Rippen und das Sprunggelenk waren gebrochen. »Ich will, dass solche Leute weg von der Straße kommen«, sagt er. Seinen Führerschein hat der Autofahrer schon längst abgeben müssen.

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