Freiwillig ohne Dach über dem Kopf

Neu-Anspach . Jeder, der in Neu-Anspach lebt und regelmäßig bei Aldi, Lidl oder Edeka einkaufen geht, kennt »Siggi«. Das sagt Oliver Keth, stellvetretender Amtsleiter des gemeinsamen Ordnungsamtes von Neu-Anspach, Usingen und Grävenwiesbach. Es handelt sich um einen Mann namens Zoran »Siggi« Trivuncevic, der wahrscheinlich ursprünglich aus Bosnien und Herzegowina stamme, »und der seit Jahren freiwillig obdachlos in Neu-Anspach lebt und sich häufig im Bereich Lidl aufhält«, so Keth.

»Wir kennen uns und mögen uns auch.«

Jetzt war Siggi Thema im Sozialen Netzwerk Facebook; und das nicht zum ersten Mal. »Vor rund vier Jahren gab es eine weihnachtliche Social-Media-Aktion, die ziemlich aus dem Ruder lief«, erinnert er sich. Es wurden Fotos des Mannes ohne festen Wohnsitz geteilt und es kamen immer mehr Leute zusammen, die Siggi etwas schenken wollten - eine Art Spendensammelaktion.

Der Mann kam dann in einer der Obdachlosenunterkünfte unter, wo er es ganze drei Tage ausgehalten habe. »Ich hatte einen Haufen Sperrmüll, zehn Fernseher, Betten und Schränke - er hat alles stehen und liegen gelassen und ist freiwillig in die Kälte zurückgekehrt«, sagt Keth.

Kommunen sind verpflichtet

Siggi muss die Unterkunft Hals über Kopf verlassen haben, nicht mal den Schlüssel zur Wohnung sah der Mitarbeiter des Ordnungsamts wieder. Rückblickend sagt Keth: »Die Facebook-Aktion an sich fand ich gut, ich hätte ihn auch in der Unterkunft untergebracht, aber wenn jemand nicht will, können wir ihn nicht dazu zwingen«, betont Keth.

Es ist Pflicht der Kommunen die Obdachlosigkeit zu bekämpfen, dafür müssen sie Unterkünfte für Menschen ohne Dach über dem Kopf bereithalten. Im gesamten Bezirk gibt’s drei Unterkünfte, sie sind in Hausen, Wernborn und Grävenwiesbach. Insgesamt gibt es sieben Obdachlose im Ordnungsamtsbezirk, diese Zahl sei aber stark schwankend. »Wir hatten auch schon Mal 18 in Summe«, so Keth. Hohe Zahlen gebe es zu jeder Jahreszeit, sei sein Gefühl. Siggi sei jedoch der einzige Keth bekannte unter ihnen, der zur Kategorie »OFW« für »Ohne festen Wohnsitz« gehöre. Siggi habe amtliche Dokumente, sei bei Verstand, könne sprechen, sei mobil und ihm seien die verfügbaren Optionen der Stadt bekannt - bisher habe er sie aber ausgeschlagen.

Nächte unter einer Brücke

Vor ein paar Wochen habe ich ihn zuletzt gesehen, ich sehe ihn regelmäßig in der Bahnhofsstraße, wir grüßen uns und halten Small-Talk«, so Keth. Im Sommer schlafe der stadtbekannte Obdachlose gerne unter einer Brücke.

»Dort hat er sich aus Pflastersteinen einen windgeschützten Bereich gebaut.« Aber wie ist es denn mit dem Unterkommen im Winter? »Er hat mir erzählt, dass er in einem großen Container im Gewerbegebiet schläft, in dem Pappe gelagert wird.«

Alltag ist kompliziert

In der Corona-Pandemie ist auch der Alltag eines Menschen ohne festen Wohnsitz komplizierter geworden. Aber wie erhält man als Wohnungsloser, der auch keiner Krankenkasse angehört, eine Impfung? All das - festen Wohnsitz, Krankenversicherung und nicht einmal Papier - brauche man nicht, um an eine Corona-Impfung zu kommen. Darüber informierte die Berliner Charité in ihrem »COVID-19 Projekt für und mit obdachlosen Menschen«, über das man mehr im Internet erfährt (tropeninstitut.charite.de). Dafür wurden unter anderem Plakate gedruckt. Die Plakat-Formulierung »Du kannst dich impfen lassen« solle das grundsätzliche Recht ansprechen, dass man sich auch ohne festen Wohnsitz, ohne Papiere und ohne Krankenversicherung impfen lassen könne.

Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe hat zu den Corona-Auswirkungen auf Menschen in Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit in den beiden Corona-Jahren Umfragen gemacht. Die jüngste wurde jetzt veröffentlicht. Zu Impfungen erklärte die Bundesarbeitsgemeinschaft, es sei gelungen, viele Wohnungslose zu überzeugen. Besonders effektiv sei die Arbeit mobiler Impfteams, die auch für die Auffrischungsimpfungen eingesetzt werden sollten, zitiert das Portal »evangelisch.de«. »Vielen Obdachlosen fehlten aber Impfnachweise, was sie noch weiter vom öffentlichen Leben - etwa dem Aufenthalt im Nahverkehr oder auf Bahnhöfen - ausschließt.«

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