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Sie alle vereint ein gemeinsames Schicksal: Sie haben, einige erst kürzlich, andere bereits vor Jahren, liebe Menschen verloren und treffen sich regelmäßig wie hier bei der Weihnachtsfeier im »Lava-Restaurant«, im von Anette Peschke (untere Reihe, 2. v. l.) vor drei Jahren initiierten »Trauer-Café«.

Gemeinsam trauern

Usinger Land (as). Wenn Lebende und Sterbende sich in den letzten Stunden nicht mehr sehen und voneinander verabschieden können, wie es zu Beginn der Pandemie in vielen Pflegeheimen und Kliniken der Fall war, ist das für Anette Peschke das Schlimmste, was man Menschen antun kann. Die Sterbebegleiterin und Trauerrednerin aus Altweilnau hält es mit § 1 des Grundgesetzes:

»Die Würde des Menschen ist unantastbar«.

Menschen in diesen schweren Stunden allein zu lassen sei unwürdig, sagt sie, und: »Ein großes Anliegen von uns allen ist es, dass Menschen, die in Pflegeheimen und Kliniken liegen, der Besuch der Angehörigen nicht verwehrt wird.« Das gelte aber nicht nur für den Moment, wenn’s ans Sterben geht, sondern auch in den emotionsgeladenen Tagen vor Weihnachten, einer Zeit, mit der viele Alte und Kranke ihre Erinnerungen an glückliche Zeiten gerne mit Angehörigen teilen möchten, und: Einsamkeit im Lichterglanz gebe es auch daheim.

Das erste Weihnachten ohne die geliebten Lebenspartner sei für viele schwer zu ertragen, sagt Peschke, die vor drei Jahren mit dem »Trauer-Café« eine »Selbsthilfegruppe gegen das Alleinsein« ins Leben gerufen hat, wobei »ins Leben gerufen« für sie als Initiatorin, aber auch für die 15 bis 20 Menschen, die regelmäßig dazu jeden ersten Samstag im Monat um 15 Uhr ins Usinger »Rathaus-Café« kommen, im wahrsten Sinne Programm ist. Die Treffen führten Menschen, die alle mit dem gleichen Los zu kämpfen hätten, ein Stück weit zurück ins Leben.

Letzte Woche führte es sie nicht wie gewohnt im »Rathaus-Café« zusammen, sondern im »Lava-Restaurant« am Hattsteinweiher, zur Weihnachtsfeier. Obwohl bei einigen Gästen der Tod eines Menschen erst kurz zurücklag, sei es ein fröhliches Treffen gewesen, bei dem man sich in seinem Leid gegenseitig gestützt habe: »Wir weinen und wir lachen zusammen, jeder erkennt, dass er sich in seiner Situation nicht alleine gelassen fühlen muss«, sagt Anette Peschke

Langsam ins Leben zurückfinden

Sorge, dass ihre Schützlinge in den kommenden Festtagen in ein tiefes Loch fallen, treibt sie nicht um, »die Gruppe trägt sich selbst, viele schreiben häufig, einige sogar täglich, Botschaften in die WhatsApp-Gruppe, posten Fotos von Ausflügen oder verabreden sich zum Adventskaffee«, erzählt Peschke und muss lachen: Zwei müssen sich nicht über WhatsApp verabreden, sie leben zusammen, »ja, wir haben das erste Pärchen, das sich über unsere Gruppe gefunden und nun weiß, dass das Leben trotz des Verlustes noch Schönes bereithalten kann.

Einige habe es zuerst Überwindung gekostet, sich der Gruppe anzuschießen, »die können es jetzt kaum abwarten, sich wieder zu treffen«, freut sich Peschke. Informationen zum »Trauer-Café« gibt es bei ihr, wie sie auch bei der Trauerbewältigung generell jederzeit ein offenes Ohr hat (Telefon 01 72/6 92 90 90). Peschke weiß, dass im Usinger Land viele Menschen nach dem Tod eines Partners oder einer Partnerin leben, die gar nicht wissen, dass es das »Trauer-Café«, in das jeder ohne Voranmeldung kommen kann, gibt und die regelrecht Angst vor dem ersten Weihnachten allein haben.

Nicht jeder könne Weihnachten, das nicht umsonst das »Fest der Liebe« genannt werde, bei oder mit den Kindern und Enkeln verbringen. Mancher wolle anderen aber auch nicht zur Last fallen. Vielleicht brauche es aber auch etwas Mut, zu fragen, ob man kommen könne oder auch kommen wolle. Diesen Mut aufzubringen, lohne sich aber, ebenso wie es sich lohne, »schöne Erinnerungen aus der Schublade des Lebens zu holen«, um diese mit anderen zu teilen, das könne helfen, den Schmerz zu überdecken.

Anette Peschke tut dies selbst auch. Sie wird Weihnachten bei sich in Altweilnau gemeinsam mit einer Dame feiern, die mit dem Alleinsein in dieser Zeit auch nach Jahren schwer zurechtkommt und keine Verwandten hat, »sie ist mit der Zeit zu einer lieben Freundin geworden«, freut sich Peschke schon auf das Wiedersehen und viele Gespräche: »Jeder geht mit seiner Trauer eben anders um, bei den einen geht’s schneller, bei anderen dauert es Jahre - so ist das Leben.«

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