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Wenn ein 40-Tonner einen Meter am Haus vorbeifährt, macht Yvette Pauly nur noch die Augen zu. Mit Vater Peter kann sie sich im Feierabendverkehr nur schreiend unterhalten.

Donnernde Bilanz

Grävenwiesbach . Dienstagnachmittag um 16 Uhr. Feierabendverkehr auf der Frankfurter Straße in Grävenwiesbach. Eine Fahrzeugkolonne, angeführt von einem großen Kieslaster, schleppt sich die B 456 den Berg hinauf in Richtung Weilburg und rauscht knapp einen Meter am Haus von Familie Pauly vorbei. Peter Pauly und seine Tochter Yvette stehen am Fenster und können sich nur schreiend unterhalten.

Hier gilt Tempo 30 wegen Lärmschutz - aber nur nachts zwischen 22 und 6 Uhr.

Seit vier Monaten stehen die Schilder zur Reduzierung der Geschwindigkeit auf der Bundesstraße und sollen die Anwohner vor Verkehrslärm schützen. Ist es ruhiger geworden? Fahren die Autos wirklich langsamer? Wie lautet die Bilanz der Anwohner, die tagtäglich Tausende von Autos neben ihrem Zimmerfenster vorbeifahren hören? Im Gespräch mit dieser Zeitung erzählen Helga und Peter Pauly von ihren Erfahrungen mit dem neuen Emissionsschutz, der durch den Lärmaktionsplan Hessen jetzt auch auf ihrer Bundesstraße helfen soll.

»Es hat sich nicht viel verändert«, sieht Helga Pauly ihre großen Hoffnungen auf eine wirksame Reduzierung des Verkehrslärms weitgehend enttäuscht. Die Anwohnerin der Frankfurter Straße 22 räumt ein, dass sich die meisten Verkehrsteilnehmer an das neue Tempolimit halten würden, sieht allerdings keinen nennenswerten Reduzierungseffekt und damit eine Verringerung der gesundheitsschädlichen Belastung. »Das Kernproblem bleibt der Berufsverkehr und hier insbesondere der Schwerlastverkehr«, sagt Peter Pauly. Er verlangt ein 24-Stunden-Tempolimit, wie es streckenweise bereits in Usingen besteht. Denn seitdem die Umgehung Weilburg fertig ist, nutze nicht nur der regionale Schwerlastverkehr die Bundesstraße 456, sondern auch immer mehr »Lkw-Mautflüchtlinge«. Grävenwiesbach sei neben Usingen das einzige Nadelöhr.

Umgehungsstraße liegt auf Eis

Seit sechs Jahrzehnten gibt es Pläne für eine Umgehungsstraße. »Aber da tut sich gar nichts mehr«, beklagt Helga Pauly, seit 15 Jahren führendes Mitglieder der Interessengemeinschaft Umgehungsstraße, den politischen Stillstand.

Die Umgehung sei nicht in den vordringlichen Bedarf des Verkehrswegeplans aufgenommen worden. »Es ist ja eigentlich für die kommenden Generationen«, betonen die Paulys, verweisen unabhängig der Gesundheitsschäden auf die fehlender Verkehrssicherheit vor allem für Grundschulkinder und ältere Mitbürger. Denn während die »Beckerhannese« trotz Dreifachverglasung der Fenster rund 14 Stunden am Tag die Laster mit 50 km/h am Haus vorbeidonnern hören, müssen sich die Wiesbachschüler mit einem rund 60 Zentimer schmalen Bürgersteig begnügen. »Und wenn so ein Lkw mit 50 km/h bei Schlessersch um die Kurve kommt, kann er nicht mehr rechtzeitig bremsen«, sagen die geborenen Grävenwiesbacher. Das tagtägliche Sicherheitsproblem nach dem Ausbau der Ortsdurchfahrt vor 50 Jahren bestehe also weiter.

Um wenigstens in der näheren Zukunft eine spürbare Entlastung vom Lärm und Gefahren des Straßenverkehrs zu erreichen, wünscht sich Familie Pauly Tempo 30 in der Grävenwiesbacher Ortsdurchfahrt - rund um die Uhr.

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