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Gretel Perner zeigt ein Original des Usinger Anzeigers vom 25. Juli 1866.

In der Druckerei gespielt

Usingen . Als Lokaljournalist möchte man Gretel Perner gar nicht bremsen, so viel hat sie vom Zeitungsmachen »früher«, sowie aus der Lokalgeschichte Usingens und des Altkreises Usingen zu erzählen.

Erst einmal angefangen, kann die Tochter des Verlegers und Herausgebers des Usinger Anzeigers, Klaus Wagner, gar nicht aufhören, von ihren Erinnerungen über einen ganz besonderen Familienalltag in den 1960er Jahren zu berichten. Mit dem heutigen Adventstürchen erinnert sie an den 100. Geburtstag ihres Vaters.

Dafür öffnet die 73-Jährige, die 1948 als zweites Kind von Lore und Klaus Wagner geboren wurde, die Türe einer ganz besonderen Glasvitrine in ihrem Arbeitszimmer. Darin liegen viele Erinnerungsstücke aus einer anderen Epoche der Druckkunst und der Zeitungsgeschichte.

Heute vor 100 Jahren also wurde mit Klaus F. Wagner nicht nur der Vater von Gretel Perner geboren. Der 2004 verstorbene Verleger führte auch in dritter Generation Druckerei und Verlag des am 1. August 1866 gegründeten Usinger Anzeigers. Eigentlich war es sein Bruder Reinhold, der als Drucker den Verlag führte. Doch nach dessen frühem Tod übernahm Perners Vater die Leitung.

»Er sah sich in der Tradition eines Redaktionsleiters. Selbst ist er aber nicht wie die Redakteure oder Journalisten im Altkreis herumgefahren. Ich sehe ihn noch heute vor mir mit seiner besonderen Arbeitsweise im Zwei-Finger-Suchsystem schreiben«, berichtet Gretel Perner.

Sie selbst sei gemeinsam mit ihren drei Brüdern automatisch in das Zeitungshaus hineingewachsen. Die Druckerei und die Setzerei, die von einer klassischen Linotype und den Setzkästen mit den Bleilettern beherrscht wurde, waren ihr Spielzimmer. »Im Erdgeschoss des Hauses wurde die Zeitung damals noch im Flachdruck gedruckt«, berichtet die Inhaberin des einstigen Schreibwarenladens und Buchhandlung Wagner.

Ihre Brüder und sie kannten natürlich die Setzer und Drucker und durften immer wieder auch auf der Setzmaschine tippen. Damit ließen sie einzelne Buchstaben aus Blei in die dabei entstehenden Schriftsätze sausen. Zur Mittagszeit saß die Familie im ersten Stock des Hauses in der Kreuzgasse 24, dort wo heute im Erdgeschoss ein Immobilienmakler ansässig ist, beieinander.

»Dann hat mein Vater jeden Tag seinen Mittagsschlaf gemacht«, erinnert sich dessen Tochter, die eigentlich Margarete heißt, bis heute aber von Freunden und Wegbegleitern Gretel gerufen wird. »Seine innere Uhr war auf 16 Uhr gestellt, dann stand er auf und ging zum Druckbeginn der Zeitung hinunter in den Verlag.«

Kennedy-Mord exklusiv im UA

Dazu muss man wissen, dass der Usinger Anzeiger in den 1960er Jahren nicht wie alle heutigen Tageszeitungen morgens früh bis 6 Uhr im Zeitungsrohr steckte. Nein, die Zustellung zu den Abonnenten erfolgte in den Abendstunden - und das nur an drei Tagen in der Woche: montags, mittwochs und freitags.

Der für eine deutsche Tageszeitung damals einzigartige Druckbeginn gegen 16 Uhr führte auch zu einer Sonderstellung des UA in der Berichterstattung der Weltpolitik. Als erste und einzige Tageszeitung in Deutschland konnte die Usinger Lokalzeitung noch am gleichen Tag vom Mord an John F. Kennedy am 22. November 1963 in Dallas berichten. Alle anderen Tageszeitungen titelten erst tags darauf.

Doch zurück zu den Wagner-Kindern: Sie halfen nach dem Druck auch dabei, die Beilagen in jedes Zeitungsexemplar zu stecken, dann die Stückzahlen für die jeweiligen Zustellbezirke abzuzählen und in Einzelpakete zu packen. Die Pakete mussten um 17.30 Uhr zur Abfahrt des Postbusses nach Niederems an der Bushaltestelle am Alten Marktplatz bereitliegen.

»Musste noch eine aktuelle Meldung mit ins Blatt, so war es normal, dass der Bus ohne die Zeitungen abfuhr. Waren die Zeitungen endlich gedruckt, schnappte sich mein Vater eines von uns Kindern und fuhr die Zeitungspakete persönlich bis nach Wüst- und Oberems zu den Zeitungsträgern«, erzählte Perner. »Das war gewiss eine besondere Freizeitbeschäftigung, die mir aber Spaß machte, weil ich so herumkam.«

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