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Bernd Kunz erläutert vor großem Publikum, wie der Ausbau der erneuerbaren Energien im Rhein-Hunsrück-Kreis zur Erfolgsstory geworden ist.

Informationsabend

Klimaschutz als Motor eines Landkreises - BUND zeigt, wie Windkraft den Hunsrück entwickelt hat

Die Debatte um Windkraftanlagen auf dem Winterstein erhitzt in Wehrheim die Gemüter. Nun hat der BUND anhand des Hunsrück gezeigt, welche Vorteile das für eine Region haben kann.

Wehrheim. Ob es eher am »hemdsärmeligen Pragmatismus« der Hunsrücker Bürgerschaft, an überproportionalem Umweltbewusstsein oder doch nur an knallharten wirtschaftlichen Gesichtspunkten liegt, dass der Rhein-Hunsrück-Kreis im Laufe der letzten zehn bis zwanzig Jahre sich von einer strukturschwachen zu einer Boom-Region entwickelt hat und dabei Ökonomie und Ökologie zum Wohle der Allgemeinheit vereint, das konnte am Informations- und Diskussionsabend des BUND nicht geklärt werden. Spielt aber auch kaum eine Rolle, denn Fakt ist, dass der Landkreis auf der anderen Seite des Rheins mit glänzenden Bilanzen aufwarten kann, wie sich eindrucksvoll zeigte.

Dazu habe der massive Ausbau der Erneuerbaren Energien, insbesondere der Windkraftanlagen, beigetragen, machte Bernd Kunz, ehrenamtlicher Ortsbürgermeister von Schnorbach im Hunsrück und Regionalreferent der Energieagentur Rheinland-Pfalz deutlich. Er war für den vom BUND eingeladenen, aber kurzfristig verhinderten Referenten des Abends, Frank-Michael Uhle, Klimaschutzmanager des Rhein-Hunsrück-Kreises, eingesprungen, kündigte Michael Pyper, Vorstandsmitglied des BUND Wehrheim und Moderator des Abends den rund eineinhalbstündigen Vortrag an.

Schon mit dem Titel der Veranstaltung »Motor Klimaschutz - So wird die Energiewende zur Erfolgsgeschichte für Umwelt, Kreis und Bürger« war die Richtung klar und viele Besucher wollten sich gern die Erfahrungsberichte aus erster Hand von den »Machern« aus dem windkraftreichen Landkreis anhören. Auch wenn sich vermutlich nicht alles als komplette »Blaupause« eigne, weil vielleicht nicht alle Parameter vergleichbar seien, so könnte doch der Hochtaunuskreis von denen lernen, die bereits viel Erfahrung in Sachen Erneuerbare Energien haben, so BUND-Kreisvorsitzende Cordula Jakubowsky.

Alle profitieren von den Pachterträgen

Daher hatte der BUND auch explizit den Landrat sowie alle Fraktionen und Bürgermeister des Hochtaunuskreises eingeladen - bis auf wenige Ausnahmen, waren von den persönlich Eingeladenen aber nur wenige zu sehen. Die Besucher aber, die den Ausführungen Kunzes lauschten, zeigten sich überwiegend beeindruckt von den Zahlen, die Kunz vorlegte.

Vermutlich dürfte die genannte Zahl von 278 Windkraftanlagen im Rhein-Hunsrück-Kreis auf so manchen Zuhörer zunächst erschreckend gewirkt haben, doch Kunz konnte auf eine Befragung unter den rund 100 000 Einwohnern des Kreises verweisen. Bei der lediglich sechs Prozent mit den Windrädern haderten. »Uns das waren viel weniger der Befragten als diejenigen, die mit dem kulturellen Angebot oder der medizinischen Versorgung hier im ländlichen Raum unzufrieden waren - und glauben Sie mir: Beides ist im Hunsrück nicht gerade üppig«, kommentierte Kunz die Ergebnisse. Dass die Akzeptanz der Windkraftanlagen bei der Bevölkerung so hoch sei, könne auch daran liegen, dass alle von den Pachteinnahmen profitieren, auch die Gemeinden, auf deren Gemarkung gar kein Windrad stehe, die aber auf die Windräder schauen. Möglich wurde das durch einen Solidarpakt mit den Verbandsgemeinden: Der Rhein-Hunsrück-Kreis ist schon seit vielen Jahrzehnten sehr erfolgreich mit der interkommunalen Zusammenarbeit, möglicherweise auch deshalb, weil die einzelnen Ortsbürgermeister ehrenamtlich tätig seien und daher nicht um ihre »Pfründe« bangen müssten, wenn man sich zusammentut, vermutete Kunz einen Zusammenhang.

Dank der enormen Einnahmen seien die Kommunen sehr handlungsfähig geworden und konnten kontinuierlich in die Infrastruktur, wie Straßensanierungen, Glasfaserausbau, Kindergärten, Schulen, Freizeitanlagen, Vereinsförderungen und in die Förderung vieler weiterer Umwelt- und Klimaschutzmaßnahmen investieren. So seien unter anderem Tauschaktionen von Leuchtmitteln finanziert worden, bei der alle Bürger ihre Leuchtmittel kostenlos gegen LED-Lampen tauschen konnten. Auch energieeffizientere »Weiße Ware«, sprich Haushaltsgeräte wurden subventioniert, kostenlose E-Dorf-Autos als Car-Sharing-Projekt oder Finanzspritzen bei Hausmodernisierungen. So wurden Solaranlagen oder Dämmungen für die Bürger attraktiv.

Auch Solaranlagen boomen

Die Folge sei ein großer Anteil von privaten Solaranlagen, sodass dafür kaum Freiflächen verbraucht werden mussten, um auch den Solarstrom zu forcieren. Denn erklärtes Ziel des Kreises sei eine möglichst hohe Energieträger-Autarkiequote. »Wir geben in Deutschland horrende Summen für Energie-Importe aus und machen uns zudem abhängig und erpressbar von autokratisch geführten Ländern«, machte Kunz ein weitreichendes Problem deutlich.

Für den eigenen Kreis sei der Ausbau der Erneuerbaren Energien auch insofern attraktiv, weil die regionalen Betriebe viele Aufträge erhalten hätten und das Geld so in der Region blieb.

Weil die Kommunen so stark in die Infrastruktur investieren konnten, seien sie auch für viele Neubürger attraktiv geworden, es gebe keine Leerstände mehr und die Zahl der Bauanträge sei um rund 45 Prozent gestiegen. Neben der großen Einsparung von CO2 - man spare bereits jetzt rund 765 000 Tonnen CO2 gegenüber 1990 ein, was dem jährlichen Speichervolumen von knapp 60 000 Hektar Wald entspräche - spare man inzwischen auch monetär. Denn dank der Einnahmen müssten keine neuen Schulden mehr gemacht werden, alte Schulden könnten schneller abgetragen und vom Niedrigzins profitiert werden, was eine Senkung der Zinslast von rund 700 000 Euro jährlich bedeute. »Der Rhein-Hunsrück-Kreis hat die wenigsten Schulden von allen Kreisen in Rheinland-Pfalz«, so Kunz stolz. Trotz der vielen Windkraftanlagen sei weder der Wert der Immobilien gesunken, wie von Kritikern immer befürchtet, noch seien Rotmilane oder Schwarzstörche vertrieben worden. Im Gegenteil sei die Population sogar deutlich gestiegen.

Einnahmen steigern Attraktivität

Ebenfalls gestiegen seien die Übernachtungszahlen von Touristen. Es seien durch die Einnahmen viele neue Attraktionen finanziert worden, wie etwa die berühmte Hängebrücke in Mörsdorf. Und der Kreis erlebe einen Imagegewinn. Inzwischen führe man regelmäßig interessierte Besuchergruppen auch aus dem Ausland zu den Windparks, weil sich die Erfolgsgeschichte herumgesprochen habe und andere Kreise oder Länder von den Hunsrückern lernen wollten. Ob das auch für den Hochtaunuskreis gilt, bleibt abzuwarten.

Ingrid Schmah-Albert

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