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Längst vergangene Epochen

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Im aktuellen Buch des Heimat- und Geschichtsvereins Grävenwiesbach über den Eisenbahnverkehr sind auch Erinnerungen von Karl Moses aufgenommen. © Red

Mönstadt . Die Glastür zum Dorfgemeinschaftshaus seines Heimatortes ist die erste Tür, die Karl Moses heute für unsere Leserinnen und Leser öffnet. Dann steigt der 87-Jährige mit uns die Treppen hinab in das Kellergeschoss des DGH Mönstadt.

Noch zwei weitere Türen und dann sperrt er das eigentliche, heutige Adventstürchen auf, hinter dem das Archiv des Heimat- und Geschichtsvereins Grävenwiesbach schlummert. Hier lagern regalfüllende alte Dorfchroniken, Kirchenbüchern, in Leder eingebundene Kladden mit noch älteren historischen Dokumenten sowie Ordner mit anderen geschichtlichen Schriften.

Es sind aber vor allem die Sammlungsstücke und andere historische Objekte aus längst vergangenen Epochen, die die Erinnerungen von Moses an die gute alte Zeit wecken. Und das große detailgetreue Modell der weiten Talbrücke der einstigen Bahnlinie von Grävenwiesbach nach Weilmünster lässt die Eisenbahn-Erinnerungen des Ehrenmitgliedes, der von 1992 bis 2013 die Geschicke des Vereins lenkte, erwachen.

Das beeindruckende Modell der 1909 eingeweihten, 114 Meter langen und 22 Meter hohen Stahl-Gitterkonstruktion über das Steinkertzbachtal ist eine Schenkung des Wehrheimers Jürgen Kauer an den Verein, der das Modell im Maßstab 1:87 gebaut hatte.

»Das Jahr 1953 brachte neue Farben auf die Gleise und neuen Fahrkomfort für die Reisenden«, berichtet Moses. »Die von Dampfloks gezogenen grünen Personenzüge wurden durch das Weinrot der legendären dieselgetriebenen Schienenbusse ersetzt. Den neuen Triebzüge gaben wir bald den Namen Heckenexpress.«

Seine Schilderungen über die Eisenbahn reichen aber noch weiter zurück. Als Junge spielte Moses Anfang 1945 mit anderen Kindern nahe Grävenwiesbach auf den Feldern, als plötzlich am Himmel ein amerikanischer Düsenjet auftauchte.

»Kurz zuvor war ein Versorgungszug mit je einer Flak an der Spitze und am Ende des Zuges in Grävenwiesbach an uns vorbeigefahren. Dann hörten wir die Flak rattern.« Der Volltreffer und der Absturz des Kampfflugzeuges hatten die Jungs in eine Stimmung zwischen tiefem Erschrecken und totaler Euphorie versetzt, erinnert er sich.

Das Ruhrgebiet des Taunus

»Während der Kriegsjahre wurde geschlagenes Holz aus den Taunuswäldern mit Pferden durch Mönstadt zum Bahnhof geschleift, wo es verladen und vornehmlich zum Grubenbau ins Ruhrgebiet abtransportiert wurde«, berichtet Moses. Für die Generation seiner Eltern hatte die Bahnlinie ins Weiltal in der Zeit zwischen den Weltkriegen eine ganz lebenspraktische und wirtschaftliche Bedeutung.

Die örtlichen Bauern brauchten die Bahn für den Transport von Stückgut, aber auch für Massengut aus der Landwirtschaft. »Die Landwirte aus Mönstadt warteten mit ihren Pferdekutschen am Bahnhof Heinzenberg auf die Anlieferung von Düngemitteln oder Sand, um das Gut auf die Höfe zu transportieren.«

Nach dem Zweiten Weltkrieg war es die Bahn, die Grävenwiesbach zu wirtschaftlichem Wohlstand verhalf. Wegen der Ansiedlung großer Industriebetriebe wie die Produktionsstätten der Saarwerke in der Nähe des Hasselborner Tunnels nannte man den Ort gerne auch »Ruhrgebiet des Taunus«. In den dortigen Fabrikhallen wurden Metallspinde produziert, mit denen die Kasernen der neu gegründeten Bundeswehr ausgestattet wurden.

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Vom 1. bis 24. Dezember bieten wir den UA-Lesern jeden Tag eine kleine oder große Geschichte - informativ, spannend oder zum Schmunzeln - und begleiten so journalistisch die Tage bis Heiligabend.

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