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Zum Abschluss der Weihnachtswanderung besuchen die Grävenwiesbacher Grünen mit dem Hirschsteinfelsen eine markante Sehenswürdigkeit und beliebtes Ausflugsziel im Usinger Land.

Messe im Munitionsbunker

Grävenwiesbach (aro). Wegen der Corona-Pandemie haben die Grävenwiesbacher Grünen ihre Weihnachtsfeier in die Natur verlegt. Statt Adventsessen und besinnlicher Bescherung veranstaltete der Ortsverband mit Vorsitzendem Michael Thiele an der Spitze eine Weihnachtswanderung durch die Gemarkung Hundstadt. Der knapp dreistündige Marsch vom Bahnhof Hundstadt, zum Sportplatz, zur MUNA und zum Hirschsteinfelsen führte die Teilnehmer auch durch bewegende Geschichte der Gemeinde und erinnerte an ein besonderes Weihnachten vor 75 Jahren.

Regionalhistoriker als Wanderführer

Regionalhistoriker Bernd Vorlaeufer-Germer hatte im Vorfeld dem Vorstand umfangreiches Informationsmaterial zur Historie der MUNA sowie den umliegenden Zwangsarbeiter- und Flüchtlingslagern aus der NS-Zeit zur Verfügung gestellt.

Oberhalb des Bahnübergangs auf der Höhe des heutigen Gewerbegebietes stand das 1934 errichtete Reichsarbeitsdienst-Lager »Bemelberg«, das später im Krieg zum Wehrertüchtigungs- und Kriegsgefangenenlager umgewandelt wurde. Direkt hinter dem Sportlatz finden sich noch Spuren der Baracken des KZ-Außenlagers »Waldfrieden«, indem Zwangsarbeiter untergebracht waren, die im Hasselborner Tunnel zur Rüstungsarbeit verpflichtet waren.

Schließlich war auf dem Gelände des heutigen Versorgungslagers der Bundespolizei seit 1938 die Munitionsanstalt (MUNA), in der die Wehrmacht in 24 Bunkeranlagen Munition lagerte. Das MUNA-Lager wurde am 21. Mai 1946 die neue Heimat für 300 von 1200 Vertriebenen, die aus dem Kreis Luditz im damaligen Sudetenland und heutigen Tschechien ins Usinger Land verteilt worden waren. 70 Kinder besuchten die extra für sie eingerichtete MUNA-Schule im Lager und erlebten vor 75 Jahren ihr erstes Weihnachten im Usinger Land.

Zur Weihnachtsgeschichte 1946 gehörte die Geburt von Kindern in den Baracken des Lagers, wo bis zu neun Personen in einem Raum Platz finden mussten. Ein lebendiger Weihnachtsengel war Marie Haberzettl, die mit ihren fünf Kindern im Alter von zwei bis acht Jahren sowie der 93-jährigen Großmutter im Lager lebte. Denn sie kümmerte sich als Köchin rührend um die vielen, alleinstehenden Senioren, die ohne Angehörige ihrem Lebensabend in der Hundstädter Fremde entgegensahen.

Im Altersheim des Lagers wurde Heiligabend besonders einsam gefeiert. Bei vielen Flüchtlingen waren die Koffer gepackt geblieben - in der Hoffnung, bald wieder in die Heimat zurückkehren zu können. So sorgte im Advent das Erzählen von Weihnachtsgeschichten für Tränen aufgrund der Erinnerung an den Verlust der heimatlichen Geborgenheit. In einem nach Kriegsende von den Besatzungstruppen nicht gesprengten Bunker im MUNA-Lager fand Heiligabend 1946 für die katholischen Heimatvertriebenen eine Christmette statt - Gottesdienst mit Eucharistie im ehemaligen Munitionsbunker. Vor 75 Jahren wurde die Weihnachtsgeschichte der Flüchtlinge Maria und Josef mit der Geburt des Jesuskind im Stall in einem ehemaligen Militärlager erzählt, galt im eiskalten Hunger-Winter die Sorge nur dem Gedanken an das Überleben des nächsten Tages. Für viele wurde das Usinger Land und besonders Hundstadt eine neue Heimat in Frieden.

Als Friedenssymbol darf getrost der nahe gelegene Hirschsteinfelsen gelten. Denn der Jahrtausende alte Quarzit-Felsen diente lange als Steinbruch, aus dem das Material zum Wiederaufbau von Häusern und Straßen geholt wurde. Die Grünen schlossen hier ihre Weihnachtsfeier mit einer kleinen Verköstigung durch Vorstandsmitglied Hansjörg Scheidler ab. Ein geschmückter Weihnachtsbaum sorgte für zusätzliche Adventsatmosphäre auf dem Areal.

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