Tagesmütter sind gefragt - trotzdem fehlen Interessentinnen

Neu-Anspach. Sabine Wagner hat ein Problem. Sie ist für die Kindertagespflege (Kitap) beim Familienzentrum GANZ (Verein zur ganzheitlichen Förderung der Gesundheit) und damit für Vermittlung, Qualifizierung und Betreuung von Tagesmüttern in Neu-Anspach zuständig. Das Problem: es melden sich zu wenige Interessentinnen, um eine Qualifikation als Tagesmutter zu absolvieren.

»In diesem Jahr gab es im Hochtaunuskreis keine Bildungsmaßnahme, weil nicht genug Teilnehmer gefunden wurden«, erzählt Wagner.

Im Moment gibt es zwei Tagesmütter in Neu-Anspach: Iris Anthauer-Rautenberg Am Burgflecken und Sylvia Wiegand in der Bahnhofstraße. Anfang 2022 soll eine weitere dazukommen, die dieses Jahr eigentlich schon loslegen wollte, aber es mangels Bildungsmaßnahme nicht konnte. Eine vierte Tagesmutter befindet sich im Moment nach einem Unfall in der Genesungszeit.

»Seit Ausbruch der Corona-Pandemie konnten wir die Anfragen von Eltern gut bedienen«, erklärt Wagner. Aber es sei inmitten der Pandemie sehr auffällig, dass sich schon Mütter mit kleinen Babys bei ihr gemeldet haben, um Betreuungsplätze für Mitte oder Ende 2022 zu reservieren. Das sei zwar kein Problem und eine frühe Reservierung sogar gewünscht, doch dann müsse ein Vertrag zwischen Tagesmutter und Eltern des zu betreuenden Kleinkindes geschlossen werden. »Ich empfehle den Eltern, sich das Konzept der Tagesmutter anzuschauen und zu prüfen, ob die Chemie stimmt«, sagt Wagner.

Das sei auch das, was den Reiz der Tätigkeit ausmache: Die Frauen - und auch einige Männer im Hochtaunuskreis - bestimmten selbst und nach eigenen Interessen, wo sie im Alltag mit den Kindern im Alter zwischen einem und drei Jahren die Schwerpunkte setzen möchten. Wagner nennt ein Beispiel: »In Bad Homburg gibt es eine Tagesmutter, die ehemalige Opernsängerin ist und viel mit Musik macht.«

Tipp: Frühzeitig schlau machen

Auch Tagesmutter Anthauer-Rautenberg empfiehlt frischgebackenen Eltern, sich früh über das Thema schlau zu machen, vier Wochen Eingewöhnungszeit müssten zudem einplant werden. Das Problem ist ihrer Meinung nach aber, dass man nur schwer überhaupt eine Tagesmutter findet. »Es läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda, über GANZ und den KBS (der Kinderbetreuungsservice des Vereins Lichtblick in Usingen, Anm. der Red.)«, berichtet Anthauer-Rautenberg, die im Moment vier Kinder betreut. Schon häufig hätten Eltern ihr gegenüber gesagt, dass es richtig schwer sei, etwas im Internet zu finden.

In der Corona-Pandemie sei auch bei ihr die Nachfrage größer gewesen als sonst. »Viele Eltern empfinden die Betreuung bei einer Tagesmutter als sicherer«, erzählt die 66-Jährige, die einen Spielplatz im eigenen Garten hat und sich mit dieser Tätigkeit einen »Herzenswunsch« erfüllte: »Es ist auch anstrengend, aber die schönen Tage überwiegen.«

127 Kinder in der U 3-Betreuung

In Neu-Anspach waren im Dezember insgesamt 127 Kinder zwischen einem und drei Jahren in Betreuungen - Tagesmütter ausgenommen: 60 Kinder in kommunalen Kindertagesstätten, zehn Kinder in kirchlichen Kindertagesstätten und 57 Kinder in Kindertagesstätten des Vereins zur Förderung der Integration Behinderter (VzF). Das teilt Dr. Nico Sturm, Leiter des Leistungsbereichs Familie, Sport und Kultur bei der Stadt, mit. Die Stadtverordnetenversammlung habe vor vielen Jahren beschlossen, dass die Tagesmütter-Gewinnung an GANZ übergeben werde. »In Neu-Anspach ist das ein schweres Geschäft, weil die U 3-Betreuung so gut und so preiswert ist«, sagt Sturm. Dadurch sei es für GANZ schwer, ein vernünftiges Tagesmutter-System aufzubauen. »Wir würden uns als Stadt freuen, wenn es mehr Tagesmütter geben würde.«

Damit spricht Sturm Sabine Wagner aus der Seele, die seit rund fünf Jahren für Kitap von GANZ im Einsatz ist. »Ich habe manchmal den Eindruck, dass wir eher als Konkurrenz als Bereicherung gesehen werden«, drückt Wagner ihre Unzufriedenheit aus. Sie würde sich wünschen, dass die Tagesmütter durch die Stadt auch nach außen hin als gleichwertiges Angebot präsentiert würden. »Das würde es uns wahrscheinlich einfacher machen.«

Kontakt-Defizite in der Pandemie

Eine positive Nachricht hat der Amtsleiter aber auch: »In Neu-Anspach können wir allen Familien einen Betreuungsplatz anbieten. Daher gibt es keine Wartelisten. Es besteht ein Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Daher kommen wir unserer gesetzlichen Verpflichtung nach und halten entsprechende Plätze vor.«

Das sei jedoch auch ein Problem für die Tagesmütter: Sie sind sehr gut im Bereich Frühpädagogik ausgebildet, aber das ist im Bewusstsein der Bevölkerung noch nicht angekommen. »Früher, als meine Kinder klein waren, war die Nachbarin unsere Tagesmutter«, erinnert sich Wagner.

Es habe manchmal den Anschein, Tagesmutter sei keine richtige Profession. Das sei aber schon seit einigen Jahren überholt, es handele sich um ein gleichwertiges Angebot zu einem U 3-Kita. Und habe zudem viele Vorteile: »Die Kinder sind in einem familienfreundlichen Umfeld und in einem geschützten Rahmen, was von großem Wert für die Kleinsten ist«, erklärt Wagner. Gerade die Coronavirus-Pandemie habe hier für einen nicht so schönen Nebeneffekt gesorgt: U 3 heißt, dass ein Kind in den zwei zurückliegenden Pandemie-Jahren mit Lockdowns und Co. geboren wurde: »Kinder, die keine sozialen Kontakte kennen, kommen jetzt in den Kindergarten und sind völlig überfordert«, hat Wagner beobachtet. Es sei eben ein Unterschied, ob man mit dem Baby nachmittags in Ruhe die Tagesmutter kennenlerne oder die Kleinen sich plötzlich mit zehn Kindern in der Kita konfrontiert sehen würden. »Die Tagespflege kann einen wertvollen Beitrag leisten, diese Kinder aufzufangen.«

Nina Fachinger

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