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Renate Ernst sammelt zu Hause in Neu-Anspach immer noch Zeitungsberichte, Bücher und alte Fotos aus der Zeit, als der »Todestreck« ihr Leben so veränderte. Das ist ihre Art, die Geschehnisse zu verarbeiten. Foto. Friedrich

Zug Nummer 514

Die Neu-Anspacherin Renate Ernst wurde als Vierjährige aus Breslau vertrieben und im »Todestreck wie Vieh« nach Hameln transportiert. Etliche Schlesiendeutsche kamen in der Kälte um. Nach 75 Jahren holt sie die Erinnerung nun ein.

Neu-Anspach . Es war kalt, eiskalt, als Zug Nummer 514 am 17. Dezember 1946 gegen 10 Uhr morgens den Bahnhof Breslau verließ, erinnert sich Renate Ernst. In den Viehwagen, die sich perlschnurartig hinter der Lokomotive aufreihten, quetschten sich zahlreiche Menschen, mit nur wenig mehr als der eigenen Kleidung am Leib. Ohne Stroh auf dem Boden, ohne Heizmöglichkeit. Darunter auch sie selbst, erzählt die 79-Jährige. Ernst war als Vierjährige mit vielen anderen Deutschen aus Schlesien auf den sogenannten »Todestreck« von Breslau nach Hameln verfrachtet worden. Diese Schlesiendeutschen sind am Tag vorher von Polen aus ihren Häusern geworfen und »wie Vieh« auf dem »Freiburger Bahnhof« in Breslau zusammengetrieben worden. Eine Erinnerung, die sich in die Seele gebrannt hat: Immer noch kämpft sie mit den Tränen, wenn sie darüber redet.

Am Blut festgefroren

Viel mitnehmen konnten die Vertriebenen nicht. Lediglich einen kleinen Koffer hatte die Mutter von Ernst damals hastig zusammenpacken dürfen. Nun, fast auf den Tag genau vor 75 Jahren, holen sie die Ereignisse jener kalten Wintertage wieder ein. Damals, als die Temperatur nachts bis auf - 25 Grad sank und die Vertriebenen von den polnischen Einwohnern dafür halb tot geprügelt wurden, weil sie versucht hatten, sich kleine Öfen gegen die grimmige Kälte zu besorgen. »Manche Erinnerungen lassen mir bis heute keine Ruhe«, sagt die gelernte Rechtsanwaltsgehilfin, die seit 1964 in der Kleeblattstadt wohnt. »In solchen Nächten schreie ich immer noch im Schlaf und werde von meinem Mann dann aufgeweckt.« Ihr Mann Günter schüttelt sie dann sanft am Arm und beruhigt sie, wenn die Erinnerungen wieder einmal zu übermächtig werden.

Bis heute sind die Erlebnisse für die silberhaarige Frau traumatisch. Trotz ihrer Jugend kann sie sich noch gut an die vielen Ereignisse während dieser Tage erinnern. Denn fast eine Woche hat sie mit so vielen anderen in dem Todeszug ausharren müssen. Hat in jenem Viehwaggon unfassbares Leid gesehen. Ihr Vater war immer noch in der Kriegsgefangenschaft, als die Polen kamen und Mutter und Tochter aus ihrer Heimat vertrieben. »Wir hatten eine Landwirtschaft, einen Bauernhof und haben dort Gemüse angebaut«, erinnert sie sich. Ihre Mutter Martha musste sich ganz alleine mit der einzigen Tochter auf den Weg machen, ohne zu wissen, ob der Mann, sie je wiederfinden würde.

Da es ein äußerst kalter Winter war, habe die Mutter sich und ihre Tochter hastig in viele, zwiebelartig übereinander gezogene, Kleiderschichten gehüllt und ihnen so vermutlich das Leben gerettet. »So konnten wir uns wenigstens vergleichsweise warm halten«. Immer wieder hätte die Mutter die kleinen Füße der Vierjährigen gerieben, damit sie in der Eiseskälte keine Erfrierungen erleidet. Beide hätten sich eng aneinander gedrängt, um sich gegenseitig zu wärmen. »Denn von Abdichtung war damals in dem Viehwagen keine Spur. Wir konnten die Schienen durch die grob aneinandergefügten Bodendielen sehen«, erinnert sich Ernst. Obwohl sich die Vertriebenen in den Waggons wortwörtlich gestapelt haben, half es nichts: 30 Menschen überlebten den Transport nicht. Einer nach dem anderen erfror unter jämmerlichen Bedingungen, der erste noch bevor der Zug überhaupt den Bahnsteig verlassen hatte. Das erste Opfer, so beschreibt es ein alter Zeitungsartikel, den Ernst immer noch sorgsam aufbewahrt hat, sei offenbar von den Polen gezwungen worden, bei über zwanzig Grad Minus auf dem Bahnsteig zu übernachten - weil er versucht hatte, einen Ofen für die frierenden Menschen zu organisieren. Eine Schwangere, die während der Fahrt entbunden hatte, fror am eigenen Blut fest und musste mit Spiritus befreit werden. Hunger war der ständige Begleiter. »Es gab für sieben Personen die ganzen sieben Tage lang nur einen einzigen Salzhering und rohe Graupen«, erinnert sich Ernst.

Am ersten Halt in Hameln konnten schließlich einige Menschen den Schicksalszug verlassen. Viele Tote und Kranke jedoch waren so festgefroren, dass sie nicht entnommen werden konnten. Der Zug wurde schließlich weiter nach Bückeburg geleitet, wo Ernst und ihre Mutter aussteigen konnten. »Als wir ankamen, haben die Leute in Bückeburg zu uns gesagt, dass sie so etwas Schreckliches noch nie gesehen hätten«, erinnert sich die 79-Jährige an die Ankunft am 23. Dezember, einen Tag vor Heiligabend. »Man hat uns dann in eine Turnhalle gebracht. Ein Weihnachtsbaum stand auf einer Bühne, unten waren überall Nachtlager aufgebaut.« Der 24. Dezember kam. Doch an Weihnachtsstimmung war nicht zu denken. »Wir haben lediglich ein Weihnachtslied zusammen gesungen.«

Für sieben Tage einen Hering

Mutter und Tochter wurden nach einigen Tagen von Bückeburg aus nach Vehlen im Kreis Schaumburg verteilt, wo sie in einer alten Schule unterkamen, in der sie die nächsten Monate verbringen sollten. »Man hatte dort Strohsäcke für uns aufgeschichtet, auf denen wir geschlafen haben.« Dort fand auch die Familie Ernst wieder zusammen. »Auf einmal stand ein Mann in einer Wattejacke und Holzlatschen vor uns«, erinnert sich die Frau. »Von ihm sagte meine Mutter: Das ist dein Vater. Ich war zunächst erschrocken, da ich meinen Vater nur von Bildern kannte und auf denen hatte er Anzug und Schlips getragen«, sagt Ernst. Gefunden hatte der Vater von Renate Ernst seine kleine Familie schließlich über das Rote Kreuz.

Natürlich musste das Leben weitergehen. Diese Herausforderung nahm die Familie in Vehlen an. Sie haben sich in die Gemeinschaft integriert. Der Vater wurde Mitglied im Gemeindevorstand, die Mutter arbeitete als Näherin. Renate Ernst ging schließlich bei einem Rechtsanwalt in die Lehre und arbeitete anschließend bei Gericht. Auf einer Tanzveranstaltung lernte sie kurze Zeit später ihren Mann Günter kennen, der aus Neu-Anspach stammt. Beide heirateten und zogen schließlich in den Taunus.

Die Erinnerungen bleiben

Doch so sehr das Leben sich normalisierte: Manche Spuren trägt man sein ganzes Leben lang. Renate Ernst sammelte Zeitungsberichte über jenen »Todestreck«. Und berichtet davon, dass die Schlesiendeutschen in Vehlen weiterhin einen engen Kontakt miteinander pflegten. »Für mich war es zu Anfang gar nicht so leicht, mich hier im Taunus zu integrieren. Denn die Leute fanden, dass ich merkwürdig sprach und eine andere Mentalität hatte.« Doch das verwuchs sich irgendwann.

Viele Jahre später haben sie und ihr Mann die ehemaligen Schlesier zu sich geholt. »Mein Schwiegervater ist damals aufgeblüht, weil er wieder etwas Eigenes hatte«, erinnert sich Günther Ernst. Er habe dann in dem Gartenstück hinter dem Haus Gemüse angepflanzt, Reihe um Reihe. Dennoch, die Jahre des Krieges und der Vertreibung hatten ihre Spuren in den Schlesiendeutschen hinterlassen. Da die Ernsts bei ihrer Ankunft in Vehlen kein eigenes Land hatten, musste der einstige Landwirt wohl oder übel eine andere Arbeit annehmen, die er schließlich im Sägewerk vor Ort fand. Eine Arbeit, die zwar den Lebensunterhalt sicherte, aber die Seele nicht heilte. Eine Therapie oder psychosoziale Betreuung, wie es heutzutage bei traumatisierten Menschen stattfindet, gab es zu damaliger Zeit nicht. »Wir mussten damit selbst klarkommen«, sagt Ernst.

Angst vor Rache

Ein wenig dabei geholfen, die Wunden heilen zu lassen, habe schließlich die Tatsache, dass sie als Erwachsene den Ort ihrer Kindheit besuchen konnte. Aus dem Bauernhof wurde mit den Jahren ein Firmengelände, auf dem Landmaschinen untergebracht waren. Der erste neue Besitzer des Hofes hatte, so erinnert sie sich, damals sämtliche Schlösser ausgetauscht und den Hof in eine Burg verwandelt - aus Angst, die einstigen Besitzer würden irgendwann ihr Land wieder einfordern oder Rache nehmen. Das taten sie jedoch nie.

Diejenigen, die nach ihm kamen, nahmen die einstigen Bewohner hingegen freundlich auf. »Die Leute, die dort heute wohnen, sind wirklich sehr nett«, sagt Ernst. Sie stehe hin und wieder mit ihnen im Austausch. Ihre Eltern jedoch sind nie in die alte Heimat zurückgekehrt. »Das konnten sie nicht«, sagt Ernst. Für die Neu-Anspacherin war der Besuch der einstigen Heimat und all der Stätten aus der Erinnerung heilsam. Die Suche nach dem Freiburger Bahnhof jedoch endete für Familie Ernst zunächst einmal im Gericht. »Wir haben nach dem Gebäude gesucht, aber nichts gefunden. Also sind wir in ein großes Gebäude reinmarschiert. Es gab dort eine Einlasskontrolle und man hat uns nur deswegen hineingelassen, weil auf meinem Pass als Geburtsstadt Breslau stand. Da wurde uns klar, dass wir offenbar in einem Gerichtsgebäude gelandet waren, der Bahnhof war es jedenfalls nicht«, schildert Ernst. Erst später fanden sie ihn, dieser war nicht mehr von Gleisen umgeben, die Schienen waren abgebaut worden.

Nun, 75 Jahre später, blickt Ernst mit gemischten Gefühlen auf die Vertreibung. Die Erinnerungen werden sich nicht tilgen lassen. Aber die Schlesiendeutsche hat gelernt, mit ihnen zu leben. Und sich nun nach 75 Jahren entschlossen, diese Geschichte mit anderen zu teilen. Als Mahnmal, damit Menschen sich erinnern und nie wieder aus ihren Häusern gezerrt und in Todeszüge gesetzt werden. Denn dann haben selbst so tragische Erlebnisse zumindest einen Sinn gehabt.

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