Chirurgische Erstversorgung im Usinger Land erhalten

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NEU-ANSPACH - (inf). Bereits im letzten Jahr hatte der Usinger Anzeiger über die Situation der chirurgischen Praxis Kuhlbrodt & Kollegen in Neu-Anspach berichtet - der einzigen kassenärztlich-chirurgischen Praxis im Usinger Land, die damals stark von den Coronarestriktionen getroffen worden ist. Obwohl die Praxis mittlerweile wieder geöffnet worden ist, hat sich die finanzielle Lage der Chirurgen immer noch nicht verbessert.

Grund dafür seien die kassenärztlichen Vergütungen. Der Leiter der Praxis, Hans Kuhlbrodt hat sich nun in einem offenen Brief an das Hessische Corona-Kabinett gewandt. Der UA hat mit ihm gesprochen:

Herr Kuhlbrodt, Sie haben einen offenen Brief an das Hessische Corona-Kabinett geschrieben. Worum geht es Ihnen genau?

Es geht mir darum, den kassenversicherten Patientinnen und Patienten im Hintertaunus die chirurgische Versorgung zu erhalten.

Wie auch in anderen ländlichen Gebieten, fällt die fachärztliche Versorgung der Kassenversicherten im Hintertaunus einem gezielten Abbau der ärztlichen Infrastruktur zum Opfer.

Vor 20 Jahren gab es hier noch drei kassenärztlich-chirurgische Sitze. Mittlerweile sind wir die letzte und einzige Anlaufstelle für Kassenversicherte mit chirurgischen und unfallchirurgischen Fragestellungen. Wenn wir gezwungen wären, unsere Praxis zu schließen, wo sollten die Menschen dann hin? Hier gibt es eben nur noch uns.

Was genau möchten Sie mit dem offenen Brief erreichen? Und haben Sie schon eine Rückmeldung vom Corona-Kabinett?

Ich möchte erreichen, dass wir unsere kassenversicherten Patientinnen und Patienten weiterhin behandeln können.

Dabei geht es nicht nur um diejenigen, die einen Unfall hatten oder an Unfallfolgen leiden, nicht nur um alle Operierten, die eine postoperative Nachbehandlung benötigen. Alle Menschen mit Rücken, Knie- oder Hüftgelenksbeschwerden, jede und jeder mit Beschwerden im Bereich des Bewegungsapparates, mit Durchblutungsstörungen, Leisten- oder Nabelbrüchen, Karpaltunnelsyndromen oder schnellenden Fingern. Eben alle chirurgischen / unfallchirurgischen Notfälle, Erkrankungen und Verletzungen.

Bund und Länder unterstützen unsere Wirtschaft mit vielen Milliarden Euro Steuergeldern in der Pandemie - im Vergleich dazu kostet die Behandlung von kassenversicherten Patientinnen und Patienten nur "Peanuts", die zum Beispiel aus dem Härtefall-Fonds aufgebracht werden könnten. Bis heute hat sich allerdings noch niemand vom Hessischen Corona-Kabinett bei mir gemeldet.

Sie schreiben in dem offenen Brief, dass Ihre Praxis einerseits ein Einzugsgebiet von 65 000 Einwohnern betreut, deutlich mehr als andere chirurgische Arztpraxen in dichter besiedelten Gebieten. Andererseits kritisieren sie, dass die Kassenärztliche Vereinigung den Besuch eines Patienten nur einmal im Quartal vergütet, egal, wie oft er kommt. Aber wären das nicht theoretisch 65 000 Patienten, die eine Vergütung einbringen würden?

Das ist nicht nur theoretisch so. Aber 75 Prozent unserer Patienten sind kassenversichert - und deren Behandlung wird nicht kostendeckend vergütet. Genau das ist unser Problem - die hohe Anzahl nicht-vergüteter Behandlungen.

Eigentlich ist es ja so, dass die Gesetzgebung und die aktuelle Rechtsprechung die Rahmenbedingungen festgeschrieben haben, um den Kassenversicherten "ausreichende" medizinische Leistungen zu gewährleisten. Theoretisch müsste die Behandlung also vergütet werden, praktisch ist aber genau das im Hintertaunus nicht mehr gegeben (nachzulesen unter https://www.chirusi.de/files/OffenerBrief.pdf).

Die gesundheitspolitischen Strukturen, deren Aufgabe eigentlich in der Erfüllung und der Erhaltung des ärztlichen Versorgungsauftrags besteht, haben im Hintertaunus die vermutlich einmalige Situation herbeigeführt, dass sowohl die nicht-operative Notfallversorgung, als auch die Sprechstundentätigkeit von kassenversicherten chirurgischen Patienten und Patientinnen einfach nicht vergütet werden.

Mit jeder Patientin, mit jedem Patienten steigen die Kosten, kostendeckende Einnahmen können wir aber nicht generieren. Und wir haben jede Menge Patienten: Wir müssen dreimal so viele Patienten versorgen, wie ein "durchschnittlicher" Chirurg in Deutschland. Das müssen Sie sich einmal vorstellen: 75 Prozent unserer Patientinnen und Patienten sind kassenversichert - und deren Behandlungskosten müssen wir irgendwie aus der Behandlung der 25 Prozent Privat- und BG-Patienten aufbringen. Das passt es vorne und hinten nicht.

Mussten Sie schon andere Erst-Patienten deswegen abweisen, weil so viele andere Patienten doppelt und dreifach in die Sprechstunde kommen?

Leider ja. Wir müssen leider des Öfteren Hilfesuchende vertrösten oder abweisen. Die schiere Menge an Patienten ist einfach nicht bewältigen. Wir haben unsere Praxis für Kassenpatienten doppelt so lange geöffnet, wie gesetzlich vorgeschrieben, trotzdem müssen wir fast täglich Hilfesuchende an die vielen Chirurgen im Vordertaunus verweisen, weil wir sie einfach nicht mehr unterbringen können.

Haben Sie, wenn Sie im Nachhinein darüber nachdenken, vielleicht auch eigene Fehler gemacht, die zu dieser finanziellen Not-Situation geführt haben?

Fehler ist das falsche Wort. Spätestens als der Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung im Jahr 2013 den Sitz des verstorbenen Dr. Malhas, von Usingen in den Vordertaunus verlegt hatte, wurde klar, dass mehr Patienten unsere Hilfe in Anspruch nehmen würden, als wir je würden bewältigen können.

Rein finanziell hat es sich natürlich als Fehler herausgestellt, dass ich 2014 einen orthopädischen Sitz gekauft habe, den ich dann nach Neu-Anspach verlegt habe, um so mehr Patienten behandeln zu können. Ich war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass wenn ich auf eigene Kosten einen Sitz kaufe, auf dem ich dann einen angestellten Arzt beschäftige (dessen Gehalt ich selbstverständlich bezahlen muss), dass ich die zusätzlich behandelten Patienten auch entsprechend abrechnen kann. Wie sich herausgestellt hat, kann ich nicht mal die Grundpauschale von 25 Euro abrechnen, wenn der Patient im selben Quartal schon mal in unserer Praxis war.

Um das Ganze zu veranschaulichen: Können Sie sich vorzustellen, dass sich die Lufthansa einen neuen Großraum-Jet kauft und die Politik sie zwingt, alle Fluggäste der Touristenklasse, die im selben Quartal schon mal geflogen sind, umsonst mitfliegen zu lassen? Auf so eine verrückte Idee bin ich seinerzeit einfach nicht gekommen.

Sicherlich hätten wir uns finanziell besserstellen können, wenn wir jede unbezahlte Behandlung von Kassenversicherten abgelehnt hätten. Aber das hätten wir nicht übers Herz gebracht. Unsere Aufgabe ist es, denen zu helfen, die Hilfe benötigen. Wir helfen jeder und jedem, so lange wir können - aus ärztlicher Sicht kann das Behandeln von Patienten niemals Fehler sein.

Wenn die Politik nicht hilft: Was wäre die Konsequenz, um die Praxis zu retten? Überlegen Sie, die Praxis in eine halbprivate oder private Praxis umzuwandeln?

Die Konsequenzen sind zwingend: Aus wirtschaftlicher Sicht kommt nur eine Reduzierung der Kosten in Frage. So wie es im Augenblick aussieht, werden wir in naher Zukunft nicht mehr jede und jeden kostenlos behandeln können. Banken, Fluggesellschaften und Reiseveranstalter gelten unseren Politikern als "systemrelevant" und werden mit Hunderten von Steuermillionen subventioniert. Für die Ärzteschaft, das Pflegepersonal und für Kassenversicherte gibt es leider überwiegend nur Lippenbekenntnisse. Um unsere Praxis zu erhalten, werden wir uns sehr bald auf die Behandlungen beschränken müssen, mit denen wir genug Geld verdienen, um zumindest die Behandlungskosten decken können.

Aber ich will und kann mich noch nicht damit abfinden, dass die einzige Möglichkeit, uns vor dem finanziellen Ruin zu bewahren darin bestehen soll, dass wir die Behandlung von Kassenpatienten aufgeben oder einschränken müssen.

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