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Das Kriegerdenkmal in Dorfweil zeigt die Trauer einer Mutter oder Ehefrau oder Braut und damit wirklich die Trauer des Volkes.

Volkstrauertag

Pfarrer Heinrich Siebert: Braucht der Volkstrauertag eine neue Ausrichtung?

Wie wichtig ist der Volkstrauertag heute noch? Ein Gesprächj mit Heinrich Siebert, der Pfarrer in Weilnau war und seit 2001 im Ruhestand ist.

Hochtaunus. Im vergangenen Jahr fielen wegen Corona im Usinger Land die Feiern zum Volkstrauertag aus. Aber auch vor der Pandemie kamen zuletzt immer weniger Teilnehmer zu den Zusammenkünften zum Gedenken an Opfer von Krieg und Gewalt. Ein Grund mag sein, dass es kaum noch Zeitzeugen gibt und auch immer weniger Angehörige, die die Opfer des Zweiten Weltkriegs noch kannten. Es stellt sich die Frage, wie wichtig der Volkstrauertag heute noch in der älteren Generation ist.

Heinrich Siebert, der Pfarrer in Weilnau war und seit 2001 im Ruhestand ist, weist zunächst darauf hin, dass der Volkstrauertag kein kirchlicher, sondern ein weltlicher Feiertag ist. »Früher wurde unter dem unglücklichen Namen Heldengedenktag nur den Gefallenen des Krieges gedacht, heute zum Glück allen, die durch Krieg und Terror ums Leben gekommen sind.«

Dennoch werde der Volkstrauertag in seiner heutigen Form in der Bevölkerung immer mehr vernachlässigt.

Ganz abschaffen würde Siebert den Volkstrauertag aber trotzdem nicht, nur in seiner jetzigen Formen sei er nicht mehr zeitgemäß, man könne ihn sehr infrage stellen. »Ich würde einen anderen Tag draus machen, eine Art internationalen Tag gegen Terror und Gewalt«, meint er. Er hinterfragt: »Wo trauert denn ein Volk?«

Tag des Friedens?

Während des Dritten Reiches sei Trauer verordnet worden, um gleich darauf wieder den Krieg zu heroisieren. Allen Völkern, die Kriegsopfer zu beklagen haben, stünde ein solcher Tag des Trauerns zu. »Aber viel besser wäre ein Tag für den Frieden.«

Nachdenken über dieses Thema sollte man laut Siebert ohnehin nicht nur an einem Tag im Jahr um dann wieder zur Tagesordnung überzugehen. »Man kann jeden Tag daran denken, wenn man im Fernsehen Bilder von Flüchtlingsströmen und Hungernden sieht und Terroranschlägen, ob von rechter oder linker Seite«, ist er überzeugt. Noch besser wäre es, wenn dem Nachdenken auch die Konsequenz im Handeln folgt.

Auch wenn jüngere Leute sich mit dem Volkstrauertag in seiner heutigen Form nicht mehr identifizieren können, spricht sich Professor Dr. Eugen Ernst dafür aus, ihn beizubehalten. »Wen Krieg und Geschichte nicht interessieren, der ist gefährdet, sich bei neuen Problemen nicht dafür einzusetzen, dass Frieden herrscht«, meint er. Dabei gehe es nicht nur um große Vernichtungsschlachten wie etwa Stalingrad. Auch in Afghanistan seien deutsche Soldaten umgekommen. Und aus diesem Grund sei der Volkstrauertag noch heute wichtig.

»Wichtig ist das Bewusstsein für das Gestern, aus dem das Heute wird, um die Gegen-wart nicht zu gefährden«, sagt Dr. Ernst und fordert: »Man muss immer daran erinnern.« Zugleich ist er sich bewusst, dass es mit Kranzniederlegungen nicht getan ist. In diesem Zusammenhang geht er auch auf die unterschiedliche Ausführung der Kriegerdenkmale ein. Manche zeigten Stahlhelm und Eisernes Kreuz. Ausdrucksstark sei das Mahnmal in Schmitten, wo ein Soldat in den Händen eines Kameraden sein Leben aushaucht. Noch eindrucksvoller zeige das Mahnmal in Dorfweil die Trauer eines Volkes, oder das, was von ihm übrig geblieben ist. Hier ist es eine Mutter, Ehefrau oder Braut, die um die Vernichtung der Zukunft trauert.

Der Professor geht in seinen Überlegungen zum Volkstrauertag noch etwas weiter und sagt: »Viele Kriege spielen sich im Kleinen im täglichen Leben ab.« Um für diese Konflikte Lösungen zu finden brauche man im Grundsatz den gleichen Ansatz wie für die großen Probleme dieser Welt.

Stellung genommen zum Volkstrauertag hat auch Wigbert Theodor Müller. Der 80-Jährige aus dem Schmittener Ortsteil Arnoldshain kann mit dem Volkstrauertag gar nichts anfangen. Die Trauer eines Volkes könne nichts ändern. Gleichwohl spricht sich der Arnoldshainer für einen Welttag aus, in dem man zur Besinnung aufruft, sich darüber klar wird, was Menschen anderen antun und was man besser machen müsste, im Kleinen wie im Großen.

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