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Gericht Symbolbild

Mangelnde Schuldfähigkeit

Psychisch kranke Usingerin trifft auf einen milden Richter

Eine psychisch kranke Usingerin trifft auf einen milden Richter. Der unter Halluzinationen leidenden Frau wurde vor Gericht mangelnde Schuldfähigkeit attestiert.

Usingen. Eine psychisch kranke Frau aus Usingen rastet immer wieder aus, manchmal hat sie dabei Halluzinationen, dann sieht sie historische Figuren von Kleopatra über Jesus und Judas bis hin zu Hitler. »Paranoide Psychose«, lautet die Diagnose der Ärzte. Hinzu kommen eine Spiel-, eine Alkohol- und eine Drogensucht. Als Angeklagte im Bad Homburger Amtsgericht landete die mehrfach vorbestrafte 48-Jährige nun, weil sie das Auto ihres Ex-Freundes etwas zerkratzt, dessen neue Freundin attackiert und die Rollladen an dem Haus eines weiteren Ex-Freundes zerstört hatte.

Der Ex-Freund mit dem kaputten Rollladen war trotz Zeugenladung nicht gekommen, der andere Ex-Freund sprach im Gericht erstaunlich positiv über die Frau, nahm sie sogar in Schutz. »Sie war früher eine nette, liebenswürdige und immer freundliche Person«, beschrieb er die Angeklagte mit dem gepflegten Äußeren, die er schon seit vielen Jahren kennt. Doch es gebe immer wieder Anfälle von »völligem Realitätsverlust. Ich glaube auch nicht, dass sie an diesem Tag klar war.«

An diesem besagten Tag im Frühjahr 2020 hatte er gemeinsam mit seiner neuen Freundin im Garten gesessen, als die nun Angeklagte dort auftauchte und Geld verlangte.

Das war nichts Ungewöhnliches, schließlich hatte er sie noch lange nach der Trennung finanziell unterstützt. Doch an diesem Tag gab er ihr kein Geld, die Frau lief völlig außer sich zu seinem Auto, kratzte daran mit einer Haarnadel. Er ging zu ihr, es kam zu einem Gerangel, die neue Freundin mischte sich ein, die Angeklagte ratschte ihr mit der Nadel durchs Gesicht. Der Mann rang sie zu Boden, ließ sie schließlich aber gehen. Eine Strafanzeige stellte er nicht, sie wurde in die Psychiatrie gebracht. Nur wenige Tage zuvor war sie stark betrunken an dem Haus ihres anderen Ex-Freundes ausgerastet, nachdem dieser sie nicht hereingelassen hatte. Sie riss den Rollladen herunter und »zerpflückte ihn regelrecht«, wie eine Zeugin im Gericht berichtete. Erst als die Polizei kam, hörte sie auf.

Bilder im Kopf der Angeklagten

Im Gericht gab die kleine Frau die Taten zum Teil zu, entschuldigte sich und erzählte von den Bildern in ihrem Kopf. »Ich dachte, dass ich in die Vergangenheit sehen kann. Ich war Jesus und Kleopatra, er war Judas und sie Hitler«, meinte sie etwa zu ihrer Attacke auf den einen Ex-Freund und dessen neue Lebensgefährtin. »Diese massive Realitätsverkennung kommt immer wieder«, so die Meinung eines psychiatrischen Sachverständigen. »Er dient dem Spannungsabbau und folgt seiner eigenen Logik. Eine Steuerungsfähigkeit liegt bei einem solchen psychotischen Ereignis nicht mehr vor.« Die Frau ist schon viele Male in der Psychiatrie gewesen. »Leider stelle ich fest, dass diese sogenannten ›Drehtür-Patienten‹ immer wieder sehr früh entlassen werden. Sobald keine Eigen- und Fremdgefährdung mehr erkennbar ist, können sie gehen«, berichtete der Strafrichter, der beim Amtsgericht auch für die Betreuungen zuständig ist, von seinen Erfahrungen. Auch kurz vor den nun angeklagten Taten war sie für sechs Wochen in der Psychiatrie gewesen und vorzeitig entlassen worden.

Mittlerweile scheint sich ihr Leben aber stabilisiert zu haben. Sie lebt nun im betreuten Wohnen, mit ihrer engagierten Betreuerin versteht sie sich gut, ihre Medikamente bekommt sie als Depotspritze - muss also nicht mehr selbst an die Einnahme denken. »Das ist ein deutlicher Fortschritt, so besteht eine erheblich geringere Rückfallgefahr«, so der Sachverständige.

Seiner Meinung nach war die Frau bei der Tat mit dem Auto nicht schuldfähig gewesen, bei der Sache mit dem Rollladen nahm er eine deutliche verminderte Schuldfähigkeit an.

Der Richter folgte dieser Auffassung, sprach die Frau in Sachen Auto mangels Schuldfähigkeit frei und verurteilte sie wegen der Sachbeschädigung an dem Rollladen zu einer Geldstrafe auf Bewährung von 900 Euro. Diesen Betrag müsste sie also nur zahlen, wenn die Bewährung etwa wegen neuer Straftaten widerrufen würde.

Als Auflage gab der Richter ihr mit, sich weiterhin mit den Depotinjektionen behandeln zu lassen. Damit folgte er dem Antrag des Rechtsanwalts. Die Staatsanwältin hatte auf eine Geldstrafe ohne Bewährung plädiert, das hielt der Richter aber für kontraproduktiv. »Das würde ihren Lebensunterhalt schmälern und dann geht sie vielleicht wieder zu jemanden, um Geld zu verlangen.«

Sabine Maurer

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