+
Norman Dießner Bündnis 90/Die Grünen

Realo, der auch mal emotional sein kann

Hochtaunuskreis . Norman Dießner hat den Vorsitz der Grünen-Fraktion im Kreistag des Hochtaunuskreises aus beruflichen Gründen niedergelegt. Er bleibt aber Mitglied der Fraktion. Im Interview hält der 50-Jährige Rückschau.

Herr Dießner, 15 Jahre lang waren Sie Chef der Fraktion der Grünen im Kreistag. Können Sie sich noch an ihre »Jungfernrede« erinnern?. Worum ging’s da?

Ich brachte einen Antrag über eine Kostenbeteiligung des Kreises am Schwimmbadbau in Oberursel ein. Wir dachten, dies sei wegen der Bedeutung für den Schwimmunterricht nötig - abgelehnt. Der Kreis könne sich nicht an solchen Vorhaben beteiligen. Mit Blick nach Kronberg oder Bad Homburg scheint sich da aber etwas geändert zu haben.

Sie begründen Ihren Rückzug mit beruflichen Verpflichtungen. Geht’s etwas genauer?

Ich bin verantwortlich für die Tarifpolitik meines Arbeitgebers und damit für die Rahmenbedingungen für 14 000 Beschäftigte im Bundesgebiet. Ich muss viel reisen. Deshalb musste ich zuletzt einige politische Termine schwänzen. Es war Zeit, sich zu entscheiden.

Nach Ihrer Abschiedsrede in der jüngsten Kreistagssitzung gab es viel Beifall - auch von anderen Fraktionen. Das tut sicher gut, aber als was werten Sie diesen Beifall?

Es hat mich sehr berührt. Ich möchte mich nicht so wichtig nehmen, aber es fühlte sich so an, als galt es nicht in erster Linie der Rede und unserem Ja zum Etat. Ein paar Redner haben dies ja auch noch unterstrichen. Also darf ich glauben, dass man mein Wirken in den letzten Jahren ein wenig anerkannt hat. Wenn das so ist, freut es mich.

Was war Ihre »Sternstunde« in Ihrer Zeit als Fraktionschef?

Da muss ich überlegen. In der Opposition sind die großen Erfolge nicht üblich. Aber, neben den Erfolgen nun mehrfach zweitstärkste Kraft geworden zu sein, war es, dass alle Fraktionen sich in der letzten Wahlzeit zu einer einhelligen Antwort auf einen unsäglichen AfD-Antrag einigen konnten. Die Antwort durfte ich, der Fraktionschef einer Oppositionspartei, im Namen aller Mitglieder des Kreistags der AfD vortragen. Das ist ein Zeichen der Anerkennung für die ganze Fraktion, und ich bin sehr dankbar dafür.

Und was war die größte Enttäuschung?

Wir haben zweimal das Wählervotum erhalten, mitzugestalten, und zweimal ging’s in die Opposition. Im Sport stehst du als Zweiter auf dem Podest und wirst nicht runtergeschubst.

Sie haben bei Debatten lieber das Florett als das Schwert wählt. Ist Ihnen Feinsinn in die Wiege ge-legt oder können Sie auch anders?

Aber ja, ich bin ein sehr emotionaler Typ. So selbstverständlich es für mich ist, im Diskurs nie beleidigend zu werden und meist ruhig zu bleiben, so unbeherrscht bin ich manchmal, wenn die Bayern spielen oder ich meinem Sohn beim Handball zusehe. Ich fürchte, meine Zwischenrufe waren ihm schon manches Mal peinlich. Im Ernst: Ich schreibe Lieder und habe früher geboxt. Also, ich kann beides.

Beschreiben Sie bitte die Entwicklung Ihrer Fraktion in den vergangenen 15 Jahren.

Wir galten lange als »Dagegenpartei«. Das war immer Quatsch, hat stark vereinfacht. Auf eine solche Einschätzung trafen wir auch hier im Kreistag. Das hat sich verändert. Und nicht, weil das Etikettieren aufgegeben wurde, sondern weil wir keinen Anlass dafür bieten. Es gibt nur noch eine Fraktion, die sich in diesen billigen Stereotypen ergeht. Wir sind respektiert, bringen uns fachlich und sachorientiert ein und sind heute mehr Realo als Fundi, um in »grünen« Klischees zu antworten.

Hat sich die Debattenkultur in der Fraktion, aber auch im Kreistag, in dieser Zeit verändert?

Seit ich in der Fraktion bin, gab es stets eine offene Streitkultur. Wir sind vielleicht weniger hierarchisch als andere. Bei uns wird viel diskutiert. Die größten Veränderungen ergaben sich bei uns, wenn sich die Fraktionsstärke änderte. Das ist auch jetzt so, aber es läuft gut. Alle können sich einbringen. Im Kreistag - naja, an manchem »Duell« war ich ja auch beteiligt. Auch wenn in den letzten Jahren nicht immer jeder Ton saß und auch wir den demokratischen Parteien wieder mehr zuhören und nachdenken sollten, anstatt reflexartig zu antworten, ist die Musik, um im Bild zu bleiben, durch die AfD teils zur Zumutung geworden. Gerade uns Grüne scheinen einige AfD-Abgeordnete als Mittelpunkt ihrer geistigen Dartscheibe zu sehen. Am schwersten zu ertragen ist dann, wenn sich die, die andere beleidigen, dann noch beklagen, dass keiner sie mag.

Haben Sie es je bereut, bei ihnen immer zuerst dranzukommen?

War das so? Aber wenn, dann: Nö. Es war klasse, manchmal das Gesicht dieser engagierten Fraktion sein zu können. Ich glaube, es gab nie Neid, und ich habe, hoffe ich, nie meine eigenen Interessen über die der Fraktion gestellt.

Worin sehen Sie Ihren persönlich größten Erfolg in der Fraktion?

Zunächst einmal, dass wir eine Fraktion sind, in der es um Qualifikation und nicht um Positionen geht. Es ist mehr ein interner Erfolg, der sich auf unsere Art der Zusammenarbeit bezieht. Wenngleich den Fraktionschefs eine hervorgehobene Rolle zugesprochen wird, treten die Fachleute bei uns selbstverständlich und selbstbewusst auf. Als wir durch unsere Initiativen Verbesserungen für die Arbeit der Tagesbetreuungspersonen erreichen konnten, war das den Experten in der Fraktion zu verdanken, und dieser Erfolg wird dann auch nicht durch eine Pressemitteilung der Fraktionsspitze okkupiert.

Gibt es etwas, was Sie gerne noch zu Ende gebracht hätten?

Es ist ja noch Zeit. Ich hätte es gern erlebt, dass »grüne« Ideen durch eine Mehrheitsbeteiligung auch umgesetzt werden. Aber das kann ja noch kommen - dann ohne mich, was aber nicht schlimm sein muss.

Sie sagten, dass Sie nun nur noch »Hinterbänkler« sein werden - das meinen Sie doch nicht im Ernst?

Warum denn nicht? Bei uns haben auch Hinterbänkler eine Stimme, zum Sprechen, nicht nur zum Handheben. Ich möchte diese Rolle annehmen und nicht mit »Zu-meiner-Zeit«- oder »Ich-hätte-aber«-Gerede den Leuten auf die Nerven gehen. Es gibt sicher noch ein paar Themen, bei denen ich mich einbringen kann. Der Weg nach vorn ist halt etwas weiter, aber noch bin ich fit.

Was sollte Ihr Erbe oder Ihre Erbin mitbringen? Welchen Rat geben Sie ihm oder ihr mit auf den Weg?

Ich hoffe, die- oder derjenige geht eigene Wege und trampelt nicht auf dem Pfad herum, auf dem ich war. Das wäre langweilig. Sollte meine Nachfolge das Gefühl haben, der bisherige Weg sei ein guter Ausgangspunkt, würde mich das freuen. Ansonsten möchte ich zuhören und keine Ratschläge geben. Vielmehr wünsche ich der Person, dass ihr die Aufgabe Spaß macht und sie, wenn der Tag kommt, ohne Groll, möglichst von selbst, loslassen kann, um die Aufgabe weiterzugeben. FOTO: PV

Das könnte Sie auch interessieren