Rheinland-Pfalz: Schulleiterfrust wegen Software edoo.sys

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MAINZ/LANGENLONSHEIM - Wenn Benedikt Maria Trappen an seinem Computer vor dem neuen Schulverwaltungsprogramm sitzt, fühlt er sich manchmal wie im Cockpit einer Boeing. Es gibt scheinbar tausend Knöpfe, Hebel und Schalter zu betätigen, um die komplizierte Maschine zum Laufen zu bekommen. „Seit Monaten schuften wir als Schulleiter uns nun schon durch die Software, auch in unserer Freizeit, um dem Land unsere Schulstatistik zu übermitteln.

Und am Ende klappt es trotzdem nicht“, ärgert sich Trappen, Schulleiter der Grundschule in Langenlonsheim, einem Dorf nahe Bad Kreuznach. Wie ihm geht es derzeit etlichen seiner Kollegen in Rheinland-Pfalz. Oder wie Trappen es formuliert: „Der Unmut ist riesig.“

2017 hat das rheinland-pfälzische Bildungsministerium landesweit an allen Schulen die neue Schulsoftware edoo.sys schrittweise eingeführt. Das seit nun diesem Schuljahr für alle verpflichtende Schulverwaltungsprogramm ist ein Baustein dieser Software. Rund 5 Millionen Euro hat dessen Implementierung bislang gekostet. Ziel ist es, Daten einfach und schnell zu übermitteln. Nur: „Das Gegenteil ist der Fall“, beschwert sich Trappen. „Es passiert immer wieder, dass nach stundenlanger Arbeit ein Update erfolgt und dann alle Einstellungen und Eingaben wieder gelöscht sind.“ Und die Arbeit von vorn beginnt.

Eine Ursache des Problems ist laut Trappen wahrscheinlich, dass es wegen der Corona-Pandemie nur vereinzelt Vor-Ort-Schulungen für Schulleiter in die neue Software gegeben hat. Für den Rest wurden lediglich mehrstündige Internetworkshops angeboten. Mit über 200 Teilnehmern. „Zusätzlich wurde ein schlecht erreichbarer Support eingerichtet und ein über 1000-seitiges Handbuch verteilt“, sagt Trappen.

Lehrergewerkschaft hat vor Problemen gewarnt

Auch die Lehrergewerkschaft GEW kritisiert, dass das Land die Schulleiter mit ihren Problemen weitestgehend alleine lässt. In einer Presseerklärung heißt es: „Statt sich um ihre Kollegien und Schüler zu kümmern, verbrachten Schulleitungen ihre Zeit in den letzten Wochen damit, immer wieder zu versuchen, die angeforderten Daten zu übermitteln.“ Bis zum letzten Schultag vor den Herbstferien am 8. Oktober hatten alle Schulen Zeit, die sogenannte Herbststatistik über edoo.sys ans Land zu senden. Eingegangen ist aufgrund technischer Probleme lediglich die Hälfte der Daten, eine magere Quote. Der Verband „Bildung und Erziehung“ in Rheinland-Pfalz befürchtet deshalb, dass sich die neue Software zu einer „Odyssee“ für die Schulen entwickeln könnte. In Richtung Landesregierung fordert der Verband daher „die Abschaffung von edoo.sys als landesweit verpflichtende Schulverwaltungssoftware“.

Im rheinland-pfälzischen Bildungsministerium ist man sich der Problematik bewusst. Auf Anfrage dieser Zeitung heißt es aus der Pressestelle: „Einige Schulen haben uns Probleme bei der Eingabe der Daten gemeldet. Wie viele das im Einzelnen sind, kann ich Ihnen aber ad hoc nicht nennen.“ Die Schwierigkeiten seien allerdings auch in anderen Ländern, in denen das System eingeführt wurde, bekannt.

Damit die Herbststatistik nun doch noch fristgerecht eingereicht werden kann, hat das Bildungsministerium entschieden, den Stichtag nach hinten zu verschieben. Auf vier Tage nach den Herbstferien. „Wir gehen davon aus, dass ein Großteil der Schulen vor den Ferien bereits so umfängliche Arbeiten an dem System geleistet haben, dass diese zusätzliche Frist ausreichen sollte.“ Trotz all der bekannten Probleme ist das Land nach wie vor überzeugt von der Software – und will weiter an ihr festhalten. „Die Einführung der neuen Schulverwaltungssoftware wird von einer Mehrzahl der Schulen sehr begrüßt und nach den Rückmeldungen der Schulen haben viele Funktionalitäten eine große Arbeitserleichterung mit sich gebracht.“ Wenn die Software einmal an allen Standorten final eingerichtet sein soll, rechnet das Bildungsministerium damit, dass sie „unseren Lehrkräften ein hohes Maß an Zeit- und Arbeitsentlastung“ verschafft.

Schulleiter starten eigene Bewertung

Worte, die Trappen und die anderen Schulleiter vermutlich vorerst nicht besänftigen. Trappen sagt stattdessen: „Bislang ist das Programm keine Entlastung, sondern purer Stress.“ Deshalb laufen derzeit Vorbereitungen gemeinsam mit dem Schulleiterverband, den Gewerkschaften und den Landeselternsprechern, um eine eigene Umfrage unter den Schulen durchzuführen. Um dem Land zu zeigen, dass sich viele Schulleiter vor der Software fühlen, als würden sie im Cockpit einer Boeing sitzen.

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