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Beim Heben des verletzten Rodlers mit Verdacht auf Wirbelsäulenschaden in den Rettungsschlitten Akja braucht es gute Zusammenarbeit.

Schussfahrt an den Baum

Schmitten. Ein wenig zögert Ralph beim Anblick der Abfahrt »Siegfriedschuss« - doch dann schnappt er sich doch seinen Tellerschlitten, um mit den Freunden den steilen Hang hinunter zu rutschen. Während die mächtig Spaß haben, verliert Ralph die Kontrolle und knallt heftig gegen einen Baum. Das Lachen seiner Freunde erstickt schlagartig, als sie ihn im hohen Schnee auf dem Bauch liegen sehen.

Geistesgegenwärtig wählen sie mit ihrem Handy die Notrufnummer 112. Sofort wird die DRK-Bereitschaft Großer Feldberg im Taunus informiert, deren Vorauskommando sich auf den Weg macht, um den verunfallten Rodler ausfindig zu machen.

GPS-Koordinaten helfen den Rettern

Wie gut, dass es sich hier um eine Übung der Bergwacht handelte. Denn Ralphs Freunde wussten laut Drehbuch nicht, wo sie sich genau befanden. Nur, das hinter ihnen weiter oben der Spielplatz des Feldbergplateaus war. Doch von dort führen mehrere Rodelpisten zu Tal. Hier hätten GPS-Koordinaten Leben retten können. So kam es, dass die Retter auf der falschen Piste unnötig Zeit mit der Suche verschwendeten. »Das war für die Übung jedoch geplant«, betont Übungsleiter Jens Werner.

Derweil liegt der arme Ralph Trollius immer noch im kalten Schnee und ist dankbar, dass er von Maurice Maier-Matzig angesprochen wird. Der 17-jährige vom DRK Kronberg schnuppert zum ersten Mal in die Arbeit der Bergwacht rein. Er fährt seit vier Jahren leidenschaftlich Ski und hat sich mit seinem Kollege Nils Kugler (21) zum Winter-Rettungslehrgang im Schwarzwald für Januar angemeldet. »Dort werden wir auf guten Skipisten für den Akja (Rettungsschlitten) ausgebildet«, erklärt Übungsleiter Werner, da auch zu 99 Prozent im Taunus talabwärts gerettet wird. Im Fall von Ralph verhindert ein umgestürzter Baum die Rettung nach unten und so müssen die Bergwachtmitglieder mit Kröteln (Spikes für Schuhe), Steigeisen, diversem Sicherungsmaterial, Seilen und dem Akja zum Verunfallten vordringen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme überprüft Maier-Matzig Atmung und Puls, fragt nach Schmerzen und sichtete eventuelle Frakturen, ehe er Beine und Arme abtastete Leider spürt der Rodler seine Beine ab Höhe seiner Knie nicht mehr. »Wir haben hier den Verdacht einer Wirbelsäulenverletzung«, gibt Maier-Matzing per Funk seinen Kollegen durch und breitet aus seinem Notfallrucksack die Rettungsdecke über Ralph aus. »Wie war das doch gleich? Nehme ich die silberne oder goldene Seite?«. Was eigentlich sitzen müsste, kann in der Hektik sehr schnell verloren gehen. Darum sind solche Übungen so wertvoll. Wie das Aufpolstern der Vakuummatratze mit zusätzlicher Schaufeltrage. Die Prozedur des Sandwichsystems verlangt zahlreiche Kenntnisse und wird durch den etwa 25 Zentimeter hohen Schnee erschwert. »Ihr müsst die Sicherungsgurte durch den Schnee sägen«, rät Werner seinen Leuten. Weitere Gurte folgen, bis der Rodler behutsam auf den Akja gehoben werden kannt.

Sicherung nach »Schweizer Art«

Unterdessen zeigt Björn Nolting dem Bergwacht-Neuling Tim Schrader, der im Oktober seinen Sommerrettungslehrgang absolvierte, die Akja-Absicherung mit Seilen nach »Schweizer Art«. Der Flaschenzug wird von den Akja-Rettern dankend angenommen, denn nur mit reiner Muskelkraft hätten sie gegen den steilen Berg verloren. Die letzten Meter bis zur Bergwachthütte können sie gemeinsam stemmen. »Kommt rein, wir haben heißen Kaffee und Kuchen für euch«, begrüßt Peter Daniel die Retter. Beteiligt an der Übung waren neben den bereits Genannten auch der Kreisjugendleiter Jan Niklas Heimel und Christoph Alexander Wernike sowie Notarzt Lars Walz. Und auch Ralph, der als Übungsopfer vom Teller- auf den Rettungsschlitten umsatteln musste, zögert nicht lange, erhebt sich vom Wärmekissen auf dem Akja, darf wieder gesund sein.

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