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Gudrun Panholzer (von links), Marion Bibrowski, Christa Henseli, Eleni Hilgner und Gabriele Briem tauschen sich über Probleme pflegender Angehöriger aus.

Überlastet und alleinegelassen

Neu-Anspach (mai). Die wichtigste Frage des Abends war: »Wo bekommen pflegende Angehörige Hilfe und Informationen?« Eine Antwort gab es nicht. Pflegende Angehörige fühlen sich alleingelassen, nicht genügend über ihre Rechte oder Hilfen, die ihnen zustehen, informiert. Wie über Verhinderungspflege, Tageseinrichtungen, die auch an Demenz Erkrankte aufnehmen, oder andere Entlastungsmöglichkeiten.

»Jeder sagt, ›Was würden wir ohne pflegende Angehörige machen?‹, aber wirklich geholfen wird uns nicht. Wir rennen ständig gegen eine Mauer.«

Das hat Gabriele Briem, Mitglied im Vorstand des Seniorenbeirats, in den mehr als zehn Jahren festgestellt, in denen sie ihren an Demenz erkrankten Mann während einer Pflege-Odyssee von zwölf Jahren begleitet hat. »Wir haben nichts ausgelassen.« Von einem Mann, der trotz Demenz noch gerne zweimal in der Woche in eine Tagesstätte ging, war er nach einer Medikamenteneinstellung und später durch künstliche Ernährung zum Schwerstpflegefall geworden.

Er war nur noch ein Schatten seiner selbst, brauchte bei allem Hilfe, wusste nicht mehr wo er war, geriet in Panik, wurde aggressiv und benutzte Worte, die er zuvor nie in den Mund genommen hatte. »Das ist typisch für frontotemporale Demenz«, weiß Christa Henseli, deren Mann unter der gleichen Krankheit leidet, und der sich nur sicher fühlt, wenn sie in seiner Nähe ist, Panik bekommt, wenn er nicht weiß, wo er ist, und Alltägliches nicht mehr meistern kann. Wie aber soll ein Angehöriger damit umgehen, als Pflegender praktisch kein Eigenleben mehr zu haben?

Die Pflegeversicherung sehe ganze zwei Stunden Entlastungshilfe pro Woche vor. »Da kann ich mich so richtig erholen«, sagte Gabriele Briem sarkastisch. Sie habe nach Wegen gesucht, wie sie ihm das Leben erleichtern könne, und sei dabei immer wieder an ihre und an die Grenzen des Pflegesystems gestoßen. Sie hatte schwere Entscheidungen treffen müssen, als ihrem Mann wegen Durchblutungsstörungen zwei Zehen amputiert werden sollten und sie auch noch ihre Zustimmung geben sollte, das ganze Bein abzunehmen, weil er anderenfalls in zwei Wochen tot sei. Eine solche Entscheidung über Leben und Tod wünsche sich niemand. »Ich fühlte mich auch von den Ärzten im Stich gelassen.« Nur den Vorderfuß abnehmen zu lassen, sei richtig gewesen. »Mein Mann lebte noch eineinhalb Jahre.«

Was aber ist lebenswertes Leben? Die Frage stellt sich pflegenden Angehörigen, ob Kindern, die sich um ihre Eltern kümmern, oder Ehepartner, nahezu täglich.

Gabriele Briem und Christa Henseli haben das für sich entschieden. Ein Händedruck und ein einziger bewusster Augenblick am Tag reichen aus, um zu erkennen, dass sie weiterleben möchten. Beide Frauen konnten selbst entscheiden, denn sie hatten eine von ihren Männern, von ihnen und einer unbeteiligten dritten Person unterzeichnete Vorsorgevollmacht, in der diese Berechtigung enthalten ist. Ansonsten werde ein Betreuer eingesetzt, und im schlimmsten Fall dürfen die Partner nicht mehr mitreden.

Eleni Hilgner pflegt ihre bettlägerige Mutter seit einiger Zeit, und ist auch schon an ihre Grenzen gekommen. Sie pendelt zwischen zwei Wohnungen und zwischen kochen, füttern und windeln hin und her. Sie ist dankbar für das neue Angebot des Seniorenbeirats, das ihr am ersten Abend nicht nur praktische Tipps gebracht hat. »Ich bin froh, dass ich mal rauskomme, andere Menschen treffen und mich mit ihnen austauschen kann.« Freunde und Bekannte wollten schon lange nichts mehr von ihrer Belastung hören. Das erleben viele pflegende Angehörige. Sie beschäftigte aber auch die Frage: »Was passiert mit meiner Mama, wenn ich das nicht mehr schaffe?« Nicht jeder ältere Mensch möchte in ein Altenheim, und nicht jeder kann es sich leisten.

Gabriele Briem ist, als ihr Mann 2017 verstorben war, nicht mehr viel geblieben. Gudrun Panholzer, ebenfalls Mitglied im Seniorenbeirat, hat Erfahrung damit: Um staatliche Unterstützung zu bekommen, müssten Betroffene ihre Finanzen bis zum letzten Cent nachweisen.

Die Treffen pflegender Angehöriger finden jeden zweiten Mittwoch im Monat um 10 Uhr in der Senioren-Begegnungsstätte statt, und Gabriele Briem kann sich vorstellen, zu besonderen Themen Fachleute einzuladen. Für Informationen ist sie telefonisch unter 01 72/6 71 17 26 zu erreichen.

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