+
Symbolbild Gericht

»Hätten sich Hilfe holen müssen«

Urteil im Pflege-Prozess: Das Bild der Angeklagten, die ihre Oma betreute, wandelt sich

Wegen Körperverletzung durch Unterlassen durch Unterlassen musste sich eine Frau, die sich um ihre Oma gekümmert hatte, vor Gericht verantworten. Dort lief es anders, als viele anfangs dachten.

Neu-Anspach. Eine Frau lässt sich als Betreuerin für ihre Großmutter einsetzen, kassiert das Pflegegeld und macht lieber Party, anstatt sich um die alte Frau zu kümmern. Dieser Eindruck drängte sich im September bei der Verlesung der Anklage im Bad Homburger Amtsgericht auf, der Enkelin wurde Körperverletzung durch Unterlassen vorgeworfen. Drei Prozesstage später ist jedoch klar, dass die Wahrheit anders aussieht: Die Enkelin hatte sich zumindest zum Teil aufopferungsvoll um die Großmutter gekümmert - und letztlich sie beide zum Opfer gemacht. Sie selbst wurde psychisch krank und die damals 99-Jährige musste mit ihr in Neu-Anspach in einer Wohnung leben, die Zeugen als »stinkende Messiebude« bezeichneten. Diese war übersät mit Müll, insgesamt 20 Tiere liefen herum und hinterließen ihre Fäkalien.

Doch Oma und Enkelin scheinen ein enges Verhältnis gehabt zu haben. Sie waren die beiden einzigen Verbliebenen ihrer Familie, die heute 37-Jährige wuchs bei der Großmutter auf. Im Jahr 2015 verunglückte die alte Frau, kam in eine Klinik und später in ein Pflegeheim. Die Enkelin fuhr die nächsten Jahre so oft wie es nur irgendwie ging zu ihr nach Baden-Württemberg. Aus dieser Zeit resultiert ihre einzige Vorstrafe, ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, weil sie ihre rund 50 Katzen und Kaninchen nicht richtig versorgte. Und das ausgerechnet bei einer Frau, die sich im Tierschutz engagierte und als Mitglied einer Gruppe Tiere aus prekären Verhältnissen freikaufte, um ihnen ein besseres Zuhause zu bieten. Nach diesem Vorfall verboten ihr die Behörden die Tierhaltung.

Im Pflegeheim unglücklich gewesen

Anfang 2018 entschloss sie sich, die Oma, die im Pflegeheim unglücklich war, zu sich zu holen. Sie mietete eine Zweizimmerwohnung in Neu-Anspach an. Abends, wenn die Oma im Bett war, ging sie arbeiten. Die Wohnung war vollgestellt mit dem Hausrat der Oma, keine der beiden Frauen wollte etwas von den Erinnerungen wegwerfen. Die Sache ging nicht lange gut. Ihr Freund trennte sich von ihr, ein unfreundlicher Nachbar machte ihr wegen der Tiere und der Oma, die in ihrer Verwirrung immer wieder laut um Hilfe schrie, das Leben zusätzlich schwer. Es folgte eine Abmahnung des Vermieters, dann verlor sie auch noch ihren Job - die heute 37-Jährige wurde depressiv, musste sogar stationär behandelt werden. Anschließend ging sie ambulant in die Tagesklinik, die Oma wurde in der Tagespflege betreut.

Doch die Situation spitzte sich weiter zu. Die Enkelin begann wieder, sich im »Tierschutz« zu engagieren, bald bevölkerten Katzen, Kaninchen, Hasen und Vögel die ohnehin schon überfüllte Wohnung. Weihnachten 2018 wurde es ganz schlimm. Die Wohnung war mittlerweile in einem erbärmlichen Zustand, mittendrin hausten die beiden Frauen mit den vielen Tieren. Der Enkelin war alles zu viel. Sie besorgte wohl gerade so etwas Essen und Trinken für sie beide, ihre Medikamente gegen die Depressionen nahm sie nur noch sporadisch. Als ein Hase starb, ließ sie ihn einfach liegen.

Am 28. Dezember ging sie weg. Sie hatte einen neuen Mann kennengelernt und traf sich mit ihm in dessen Wohnung. Die Oma soll an dem Abend schon geschlafen haben, sie will ihr noch ein Glas Wasser auf den Nachttisch gestellt und fest vorgehabt haben, nach wenigen Stunden zurückzukommen - so berichtete sie es zumindest im Gericht, ohne dass ihr etwas anderes hätte bewiesen werden können. Fakt ist: Sie kam an dem Abend nicht zurück, ihre Oma rief laut um Hilfe, Nachbarn verständigten die Polizei. Den Rettungskräften bot sich das fürchterliche Bild einer hilflosen alten Frau inmitten eines stinkenden Chaos. Sie war dehydriert, zehn Tage lang musste sie im Krankenhaus bleiben.

»Sie hätten sich Hilfe holen müssen«, sagt nun der Richter zu der Enkelin im Bad Homburger Gericht, würdigt jedoch auch ihren eigentlich guten Willen und ihre eigene schlechte Verfassung. 1350 Euro Geldstrafe muss sie nun zahlen, die Summe ergibt sich aus 90 Tagessätzen à 15 Euro.

Weitere Vorwürfe fallen gelassen

Von dem weiteren Anklagevorwurf wird sie jedoch freigesprochen. Es hatte Hinweise gegeben, dass sie 2019 nach dem Umzug nach Glashütten die Oma wieder hatte verwahrlosen lassen. Doch laut der Aussage von Zeugen kümmerte sie sich - mit sehr viel Hilfe ihres neuen Freundes, dem Mann aus der besagten Dezembernacht - wohl sehr liebevoll um die alte Frau. Ein knappes Jahr lang lebten die drei noch zusammen, dann stürzte die Oma, sie musste ins Krankenhaus. Wenige Monate später starb sie in einem Pflegeheim.

Sabine Maurer

Das könnte Sie auch interessieren