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Gretel Perner und ihr Mann Klaus stellen jedes Jahr ihren Weihnachtsbaum in einen Ständer aus dem Jahre 1908, der die Melodie von zwei Weihnachtsliedern spielen kann.

Ein ganz besonderes Erbstück

Usingen . Das Kuriositätenkabinett an bemerkenswerten Weihnachtsgeschenken ist wohl all überall im Usinger Land ebenso groß, wie die Liste der traditionsreichen Regelmäßigkeiten und unumstößlichen weihnachtlichen Gewissheiten lang ist. Letztere choreografieren den Ablauf der Weihnachtsfeiertage so schön und machen das Fest einigermaßen berechenbar.

Und überhaupt: Was wäre das Fest der Feste ohne all die Regelmäßigkeiten, die einfach dazu gehören? Traditionen, die von Generation zu Generation weitergegeben werden und auf die sich Urgroßeltern genauso bereits im Advent freuen wie Oma und Opa, die junge Generation mit Enkeln und auch Urenkeln?

Bei Familie Perner stellt der legendäre »drehbare Christbaumständer mit Musik« aus dem Jahre 1908 so eine lieb gewonnene Beständigkeit und Selbstverständlichkeit dar. Ja, anderswo wird am Vortag des Heiligen Abend oder gar noch am Tag der Bescherung - vor dem Aufstellen und Schmücken des Baums - mit Entsetzen festgestellt, dass der Christbaumständer seinen Geist aufgegeben hat.

Beim Blick auf die Uhr rast man dann mit steigender Panik zum Baumarkt, in der Hoffnung, noch den allerletzten Ständer - oder war es im vergangenen Jahr nicht die Lichterkette - zu ergattern. Bei Familie Perner aber tut seit nunmehr 113 Jahren jener kuriose Weihnachtsbaumständer seinen Dienst.

Stimmt nicht ganz: »Zweimal musste das gute Stück zur Reparatur in eine Spezial-Werkstatt gegeben werden«, erzählt Gretel Perner. »Doch das hat ordentlich Geld gekostet. Dass es sich aber gelohnt hat, zeigt die Tatsache, dass unsere Enkel bei jedem Besuch sofort fragen, ob sich der Weihnachtsbaum wieder dreht und Musik macht.«

»Bleibt bei mir, so lange ich lebe«

Das gute Erbstück hat die 73-jährige Verlegertochter selber von ihrem Vater Klaus F. Wagner erst im Jahr vor dessen Tod im Jahre 2004 erhalten - zusammen mit dessen schriftlichen Erinnerungen an das gute Stück aus dem Jahre 1999. »Der Weihnachtsbaumständer bleibt so lange bei mir, wie ich lebe«, habe ihr Vater immer gesagt. »Erst dann kommt er mit dorthin, wo ich auch bin.«

Seine zwei letzten Weihnachtsfeste hat der Verleger des Usinger Anzeigers also bei seiner Tochter und Familie verbracht. Dort ist seither auch der drehbare Christbaumständer, der gleich zwei Weihnachtslieder zum Besten geben kann. Die Kinder von Gretel und Klaus Perner hatten zuvor immer ihre Freude daran, wenn sie an Weihnachten zu Besuch bei den Großeltern waren.

»Erst als der Ständer zu uns nach Hause gekommen ist, habe ich gesehen, was alles auf dem Holzboden des Ständers aufgeschrieben stand«, sagt die Inhaberin der einstigen Buchhandlung Wagner. »Jedes Jahr haben meine Eltern oder Großeltern auf den Boden etwas zu besonderen Ereignissen des jeweiligen Weihnachtsfestes notiert. Dabei ist eine kleine Weihnachtschronik unserer Familie entstanden.« Sie wirft einen Blick auf die Inschriften des Bodens und liest geradewegs x-beliebige Eintragungen vor. »Weihnachten 1928 mit Richard, Lotte, Hans und Klaus (7 Jahre)« steht da etwa geschrieben. »10. Januar 1974: Taufe von Marion« oder »11. Januar 1982: wunderbare 35 cm Schnee«. Jaja, die Winter sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren - 2019, als Rosa geboren wurde, war es demnach an Weihnachten unangenehme 8 Grad warm.

Moderne Lichter auf altem Gerät

»Wir haben wirklich einen besonderen Weihnachtsbaumständer«, sagt Gretel Perner. »Weil er den Christbaum ja immer um die eigene Achse drehen lässt, haben wir bis letztes Jahr stets echte Kerzen daran befestigt. Das Stromkabel von elektrischen Kerzen würde sich ja verheddern. 2020 haben wir wunderbare batteriebetriebene Einzelkerzen entdeckt. Jetzt können an unserem Baum die Kerzen auch endlich so lange brennen, wie wir wollen.«

Als der Baum an der Decke hing

Der »drehbare Christbaumständer mit Musik« der Familie Perner stammt aus der Schweiz und war mit einem Walzendosen-Spielwerk ausgestattet. »Nach der Geburt meines älteren Bruders Reinhold kaufte mein Vater diesen Ständer«, schreibt der Vater von Gretel Perner in seinen Erinnerungen aus dem Jahr 1999.

Der 2004 verstorbene Verleger des Usinger Anzeigers erzählt auch eine in seiner Familie immer wieder zum Besten gegebene Legende: »Mein Vater verkaufte auch die Musik-Christbaumständer. In einem Jahr hatte er den Christbaum schon am Vorabend des Festes im Wohnzimmer geschmückt. Ein ihm bekannter Bürger hatte zuvor bei ihm den Musikständer bestellt, aber bis eben an diesem Tage nicht abgeholt. Mein Vater nahm dann das Gerät schließlich in seinen Gebrauch. Aber, noch vor dem Fest, es mag am Vormittag gewesen sein, kam der Bürger doch und wollte den bestellten Musikständer abholen. Oh Schreck, der stand im Wohnzimmer mit dem fertig geschmückten Christbaum. Um keinen Ärger zu machen, wurde in die Wohnzimmerdecke ein Haken eingeschraubt und der fertig geschmückte Weihnachtsbaum daran aufgehängt, der Musikständer abgenommen und der Baum in das sogenannte ›Gätchen‹ eingefügt.«

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