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Der Wert der Deutschen Reichsmark verfällt seit dem Ersten Weltkrieg von Woche zu Woche, von Tag zu Tag.

»Gern nehmen wir auch Lebensmittel…«

Dauerniedrigzins, Corona, Immobilienblasen: Das Gespenst der Inflation geht um in diesen Tagen. Und manch einer mag sich an die Erzählungen seiner Großeltern erinnern, die sich mit einer Schubkarre Papiergeld aufmachten zum Einkaufen. Die Reihe »UA damals« führt heute in die Zeit, als das Abo für das Kreis-Blatt stolze 100 Milliarden Mark kostete. Und zwar für einen halben Monat…

Die Usinger mussten heute vor 100 Jahren beim Einkaufen tief in die Tasche greifen. Im Anzeigenteil des Kreis-Blatts vom 12. Januar 1922 inseriert Schade & Füllgrabe mit Sitz in der Usinger Obergasse 12; ein Pfund Margarine kostet 19,50 Mark, ein Liter Schweineschmalz 30 Mark, gemischte Marmelade das Pfund 6,50 Mark, Malzkaffee das Pfund 5,20 Mark. Im Geschäft Hungerbühler in der Kreuzgasse gibt es Salatöl für 36 Mark den Liter; außerdem ist endlich wieder »Quieta« lieferbar, ein Ersatzkaffee auf Getreidebasis, das Pfund für 7,20 Mark, gemischt mit Bohnenkaffee in Portionen zu 250 Gramm für 14,10 Mark.

Es ist alles spürbar teurer seit dem 11. November 1918. Die Ursache ist weniger der verlorene Krieg, als vielmehr dessen Finanzierung: 1914 wurde der Goldanker der Währung aufgehoben. Das Geld, mit dem das Deutsche Reich von 1919 an seine Kriegsschulden zahlen sollte, verlor schon während des sinnlosen Sterbens auf den Schlachtfeldern immer mehr an Kaufkraft. Im Oktober 1921 wies die Mark noch ein Hundertstel ihres Wertes vom August 1914 auf, im Herbst 1922 nur noch ein Tausendstel.

Die Not ist groß auf dem Land. Am 16. Dezember bietet der Pelzhändler Katz aus Frankfurt im Kreis-Blatt 300 Mark für ein Maulwurfsfell, das Doppelte für den Balg eines Karnickels. Und der Unternehmer Biedenkopf aus Wilhelmsdorf annonciert: »Verschleudern Sie Ihr Altmaterial nicht!« Er zahlt für jeweils 100 Kilogramm Zeitungen, Bücher oder Druckstampf satte 7000 Mark, Lumpen bringen 5000 und Eisen 1000 Mark. Der Kilopreis für Kupfer beträgt 1000, der für Messing 800 Mark.

Metalldieb aus Merzhausen gefasst

Wenige Wochen später dringt ein Dieb ins Feuerwehrhaus in Merzhausen ein und montiert von der Wasserspritze sämtliche Kupfer- und Messingteile ab. Die Geheimpolizei in Frankfurt nimmt den Mann am Hauptbahnhof fest. Einen Teil seiner Gesamtbeute - 20 Kilogramm Metalle im Wert von einer Million Mark - hatte der Täter, »ein 22-jähriger arbeitsscheuer Bursche aus unserem Orte«, am Sportplatz Merzhausen vergraben.

Was viele sich nicht vorstellen können, tritt im neuen Jahr 1923 ein: Eine wiederum beschleunigte Phase des Währungsverfalls, die gegen Jahresende als »Hyperinflation« in die Weltgeschichte eingehen wird.

Die Usinger merken’s schon beim Frühstück: Am 11. Januar kostet das Pfund Extrafeine Marmelade« Pfund bei Schade & Füllgrabe 520 Mark. Lieb und zunehmend teuer ist ihnen auch das »Kreisblättche«, das in dieser Zeit von den stockenden Reparationszahlungen des Deutschen Reiches berichtet, von der darauf folgenden französischen Besetzung des Ruhrgebiets und von der Kreistagssitzung in Usingen am 19. Januar, in der Landrat Siegfried von Campe »in anerkennenden Worten der tapferen Volksgenossen im Ruhrgebiet, die ihrem Vaterlande Treue durch Aushalten bewiesen« gedenkt.

600 Mark für ein Maulwurfsfell

Derweil stellt die Landbevölkerung weiter kleinen Pelztieren nach: Am 20. Januar bringt ein Maulwurfsfell beim Händler Springer (Frankfurt) schon 600 Mark. Auch August Schütz aus Michelbach steigt in den Pelzhandel ein, verspricht in seiner Annonce im Kreisblatt »viel Geld« für Marder-, Iltis-, Maulwurf-, Katzen und Ziegenfelle. Am 25. April gibt es auf dem Schweinemarkt in Usingen immerhin noch 295 Ferkel zu kaufen, allerdings kostet ein acht Wochen altes Tier je nach Gewicht zwischen 220 000 und 300 000 Mark.

Und als ob das nicht schon schlimm genug wäre: Am 19. Juni wird auch das Kreis-Blatt erneut teurer, wenn auch mit der Bitte um Verständnis: »An unsere verehrlichen Bezieher! Krisis im Zeitungsgewerbe! Bei der Festsetzung des Bezugspreises für den Monat Juni war es nicht möglich, die Teuerung vorauszusehen, die inzwischen eingetreten ist und leider noch weiter fortschreitet (…) Diese unvorhergesehene Preissteigerungen zwingen uns, den Bezugspreis für den Monat Juni von 1500 auf 2000 Mark zu erhöhen.« Das Geld wird unterdessen immer weniger wert, die Münzen im Portemonnaie immer leichter - das Kreisblatt meldet am 23. Juni: »500 Mark Aluminium. Die ersten 500-Markstücke, welche die Reichsbank herausgegeben, sind seit einigen Tagen in den Verkehr gekommen. Sie haben die Größe eines Zweimarkstückes seligen Angedenkens und haben genau so viel Wert wie 500 Mark in Papier, und das ist nicht viel.«

Das wissen auch die Usinger Stadtväter: Sie hatten schon zum Jahresanfang Hundesteuer und Wassergeld drastisch erhöht, den Verzicht auf die Pfennigrechnung beschlossen und stellen in ihrer Sitzung am 29. Juni für Wiederherstellungsarbeiten am Elektrizitätswerk 20 Millionen Mark zur Verfügung, während für die Herrichtung nur der Wege im Ehrenhain für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs eine Million Mark reichen muss.

Im fernen Berlin scheitern derweil die Bemühungen, wieder halbwegs normale und planbare Finanzverhältnisse einzuführen. Das Kreis-Blatt berichtet über »Die Erörterung des Problems der wertbeständigen Löhne. Der Reichsarbeitsminister will die Löhne in loser Folge an die Entwicklung des Reichsindex für Lebenshaltungskosten koppeln.« Dieses Vorhaben fruchtet aber ebenso wenig wie der Versuch der Regierung, die Inflation mit sogenanntem »wertstabilen Papiernotgeld« (Schatzanweisungen) mit aufgedrucktem »Goldmark«- und »Golddollar«-Bezug einzudämmen. Ein 20-Mark-Goldstück bringt in diesen Tagen 550 000 Papiermark. Schon am 9. August verspricht Juwelier Ernst Söhnge (Usingen) im Kreis-Blatt 350 000 Mark für nur ein Gramm 585er Altgold.

Die Lage ist und bleibt hoffnungslos, in der Not ist vielen nichts mehr heilig. Am 5. Juli berichtet das Kreisblatt über »gemeingefährliche Spitzbuben«, die in die Wernborner Kirche einbrachen und sämtliche aus Zinn gefertigten Orgelpfeifen stahlen. Nach einer ähnlichen Tat in Pfaffenwiesbach werden die Gotteshäuser nachts bewacht.

Schlachtvieh wird unbezahlbar

Zu den meistgelesenen Rubriken im Jahr der Hyperinflation gehören neben den Dollarkursen die Berichte vom Frankfurter Viehmarkt. Im Juni muss man für ein Paar gute Arbeitspferde 60 Millionen Mark hinblättern. Am 26. Juli heißt es im Kreisblatt-Bericht vom Schlachtviehmarkt: »Stark verminderter Auftrieb und dementsprechend weiter in die Höhe getriebene Preise gaben auch dem Hauptmarkt dieser Woche das Gepräge. Viele Metzger konnten infolge der hohen Preise nicht mehr einkaufen.« Ein Zentner Ochsenfleisch kostete jetzt 3,5 Millionen Mark. Am 29. August werden für 100 Kilo Weizen 18,5 Millionen Mark verlangt. Auf den Schreck ein Bier? Die Flasche kostet 300 000 Mark.

Doch nicht nur die Lebensmittelpreise, sondern auch alle Dienstleistungen, Gebühren, Steuern und Versicherungen müssen nun fast täglich neu berechnet und bekannt geben werden. Am 1. September kostet eine Postkarte im Fernverkehr 30 000 Mark. Die Usinger Stadtkasse veröffentlicht am 6. November 1923 die neuen Prämien, die an die Landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft abgeführt werden müssen, bei Betrieben mit einer Größe von 60 Hektar Land 39 Milliarden Mark.

Die AOK gibt am 10. November die neue Höhe der wöchentlich zu zahlenden Krankenversicherungsbeiträge zwischen 30 und 309 Milliarden Mark bekannt. Der Landrat des Kreises Usingen verkündet die Änderung des Gesetzes vom 27. April 1922, wonach die Ortspolizeibehörde nunmehr Geldstrafen bis zu einer Höhe von 10 Milliarden Mark verhängen darf. Schon am 4. August hatte die Stadt Usingen für ihr E-Werk einen Lichtpreis von 26 000 Mark pro Kilowattstunde ausgerufen. Am selben Tag beschließt der Kreisauschuss für den Kreis Usingen, zur Behebung des Mangels an Zahlungsmitteln Gutscheine in Höhe von 2,3 und 5 Millionen Mark auszugeben.

Und was macht die Reichsregierung? Das Kreisblatt berichtet am 7. November: »Das Kabinett hat in seiner Sitzung beschlossen, von der geplanten Einlösung der Papiermark gegen ein wertbeständiges Zahlungsmittel im gegenwärtigen Moment, wo die Dinge noch im Fluß sind und die Notenpresse noch stark in Anspruch genommen wird, abzusehen und behält sich eine solche Einlösung für den Zeitpunkt vor, wo die Rentenmark herauskommt. Das wird, so hofft man, am 15. November der Fall sein.« In derselben Ausgabe erinnert die Zeitung seine »geschätzte Leserschaft noch an die Zahlung des Bezugspreises für 1. bis 14. November in Höhe von 30 Milliarden.« Für den Bezug vom 15. bis 30. November stellt der Verlag wenige Tage später schon 100 Milliarden Mark in Rechnung. Und fügt hinzu: »Ganz gern nehmen wir auch Lebensmittel in Zahlung.« Dieser Abopreis relativiert sich, wenn man einen Tag später die Meldung über die jüngste Portoerhöhung für die Beförderung eines Fernbriefs auf 80 Milliarden Mark liest.

Am 29. November ringt sich der Verlag dazu durch, den Bezugspreis fortan in Goldmark zu verlangen, 1,30 werden fällig im Dezember. Das sei natürlich mehr als vor dem Krieg, aber damals sei die Zeitung aufgrund der hohen Anzeigenerlöse gemessen am Papierpreis ja fast verschenkt worden, bemerkt der Herausgeber. Auch auf dem Schlachtviehmarkt wird jetzt in Goldmark gehandelt, ein Zentner Schweinefleisch kostet rund 150 Goldmark - oder 150 Billionen Papiermark.

Tatsächlich sind auch nach der am 15. November 1923 begonnenen sukzessiven Einführung der wirklich wertstabilen Rentenmark noch unfassbare Summen an Papiermark im Umlauf. Noch zwei Jahre konnte damit bezahlt werden, allerdings zum Kurs 1 Billion Mark = 1 Rentenmark. Deswegen bewirbt die Usinger Metzgerei Gutenstein am 8. Dezember auch ihr Angebot folgendermaßen: »Dem Preisrückgang des Schlachtviehs folgend nochmaliger großer Preisabschlag in dieser Woche: Ia Ochsenfleisch das Pfund 800 Milliarden Mk. (…) Ia ausgelassenes Fett das Pfund 1,2 Billionen Mark.«

Nothilfeverein in Usingen gegründet

Das neue Jahr 1924 bringt zwar den währungspolitischen Neuanfang, die Armut der Menschen aber bleibt. Viel Arbeit für den neu gegründeten Usinger Nothilfeverein. Im Kreis-Blatt erscheint eine Reihe von zunehmend kritischen Leitartikeln, die die Geldentwertung, die Verarmung auch der Mittelschicht und die vieldiskutierte Aufwertung der Schulden thematisieren. Am 17. Januar 1924 heißt es: »In dem Geschäftsraum der Usinger Landesbankstelle hängt seit langer, langer Zeit ein von Künstlerhand geschaffenes Plakat mit der schönen Aufschrift ›Sparen und Arbeiten führt zum Wohlstand.‹ Zum Wohlstand wessen? (…) Der alte Staat hat im Kriege ungeheure Opfer an Gut und Blut von allen Bevölkerungsschichten verlangt; der junge Staat hat ein Recht darauf, das Gleiche zu verlangen. Wenn jetzt der Staat zum Wohle aller einen großen Strich unter alle Geschehnisse ziehen und zu einem neuen Leben emporblühen wird, so hoffen wir, daß es diesmal mit der Hingabe des Gutes sein Bewenden hat und das Blut desto frischer in den Adern rollt.«

Doch so wie der Schein in den Tagen der Hyperinflation im wahrsten Wortsinne trog, so sollte sich auch die Hoffnung auf das Ende des Blutvergießens als trügerisch erweisen: Naziterror und Zweiter Weltkrieg waren nicht mehr weit. Und auch wenn die Usinger im Januar 1924 nicht mehr mit einem Schubkarren voller Papiergeld zum Einkaufen gehen mussten, sondern mit schmaler Geldbörse, so mussten die 90 Pfennig für das Pfund Rind bei Metzger Gutenstein oder die 65 Pfennige für 500 Gramm Tafelmargarine bei Schade & Füllgrabe im Vorfeld der Weltwirtschaftskrise erst einmal verdient werden.

Alle Preise in Tausendern: Durst ist im Sommer 1923 teuer.
Fleischpreise im Herbst 1923
Milchpreis im Februar 1923.

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