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Die Klinik-Mitarbeiter in der Pflege sind durch die Pandemie in den fast zwei Jahren an die Leistungsgrenze gekommen. Alle hoffen, dass die Fallzahlen durch Impfungen zurückgehen.

Coronavirus-Pandemie

Pflegekräfte im Usinger Land sind am am Anschlag

In einer kleinen Serie blicken wir auf knapp zwei Jahre Pandemie zurück und rücken einzelne Berufsgruppen in den Fokus. Heute geht’s um Krankenpfleger.

Usingen. In kaum einem Berufsfeld hat die Pandemie derart tiefe Spuren hinterlassen wie in den Kliniken bei Ärzten und Pflegepersonal. Und dies quer durch alle Abteilungen, nicht nur auf den Intensivstationen. Denn hier haben sich die Auswirkungen von Covid eins zu eins gezeigt. Nun haben Krankenpfleger und -schwestern generell im Jahr immer wieder »Hochsaison«, vor allem wenn eine Grippewelle durch das Land rollt oder mal wieder ein tückischer Infekt die Menschen ins Klinikbett verbannt. Doch das sind zeitlich begrenzte Phasen. Corona ist anders, schlimmer und vor allem seit März 2020 wohl eine der größten Prüfungen im Beruf der Pfleger.

Da wäre die arbeitszeitliche Belastung. Nun wäre es für Kliniken ein Leichtes, sich mit Zeitarbeitskräften in einer solche Krise zu helfen. »Hätten wir, aber der Markt ist leer gefegt, es gibt keine Pfleger mehr, die einen Job suchen«, sagt Pflegedirektorin Kathrin Seefeldt von den Hochtaunuskliniken. Entlastung gab es nur durch Personalrochaden, sprich, Pfleger kamen aus Abteilungen ohne Covid-Patienten in die Intensivstation re-spektive Pflegestation für die Pandemie-Patienten. Das schloss hier Löcher, riss an anderer Stelle aber welche auf. Und auch dies sorgte neben der ganze Hygiene- und Ansteckungsproblematik dafür, dass allein durch den Fachkräftemangel auf »normalen« Stationen Behandlungen geschoben und Operationen verlegt werden mussten.

Doch es sind nicht nur die Überstunden, die den Mitarbeitern nun bald zwei Jahre lang die Kräfte rauben. Patienten sind Menschen mit Problemen - viele Patienten, viele Probleme. Und die Todesfälle in allen Altersgruppen aufgrund der Corona-Erkrankung belasteten die Pfleger zunehmend. »Es ist momentan auch eine Art Perspektivlosigkeit, denn es geht eigentlich jeden Tag wieder von vorne los, die Zahl der Patienten auf den Intensivstationen sinkt ja nicht rapide. Kaum wird jemand entlassen, ist das Bett schon wieder belegt.«

Plädoyer für Impfpflicht

Es wundert nicht, dass sich in den Kliniken das überwiegende Gros »sehr deutlich für eine Impfpflicht ausspricht«, wie Seefeldt betont. Denn nur mit einer kompletten Impfung der Bürger kann der harte Verlauf der Krankheit in den meisten Fällen gemildert werden, der Aufenthalt in einer Klinik ist dann meist nicht mehr nötig. »Es ist ja nicht nur bei uns in den Kliniken so, dass die Mitarbeiter an ihre Grenzen kommen, physisch und psychisch. Die Situation darf nicht mehr lange anhalten«, sagt Seefeldt.

Und wie gehen die Kliniken in Bad Homburg und Usingen mit den vielen aufgelaufenen Überstunden um? »Zum einen hoffen wir, dass sich nach der Normalisierung ein großer Teil durch Freizeit ausgleichen lässt, ansonsten besteht für die Mitarbeiter auch die Möglichkeit der Auszahlung«, sagt die Pflegeleiterin.

Die Belastung der eigentlichen Pflegekraft zieht aber einen ganzen »Rattenschwanz« an Folgen nach sich - denn die Familien leiden unter dem erhöhten Arbeitseinsatz, zudem haben auch viele der Betroffenen eigene Kinder und waren von den Lockdowns in Schulen und Kitas genauso betroffen wie alle anderen Eltern. Nur dass sie nicht ins Home-office ausweichen konnten. Der Personalnotstand konnte auch nicht mit Kräften aus anderen Kliniken oder Privateinrichtungen kurzfristig gedeckt werden - Land unter ist überall. Zu der eigentlichen Arbeitszeit addierten sich dann natürlich auch noch die Zeiten für spezielle Covid-Schulungen und Fortbildungen, die durch die neue Krankheit nötig wurden. »Zu Beginn wusste kaum jemand Genaues über das tückische Krankheitsbild, und auch jetzt kommen immer wieder neuer Erkenntnisse dazu«, erläutert Seefeldt.

Die Rekrutierung bereits in Rente gegangener Kräfte war auch nicht von Erfolg gekrönt - nur bei den Impfteams konnte so mancher Arzt aus seinem Ruhestandssessel wieder aktiviert werden. »Wir haben auch Fachkräfte, die neben ihrer eigentlichen Arbeit in der Klinik zusätzlich Stunden bei den Impfteams leisten, vor allem am Wochenende«, lobte die Pflegedirektorin ihr Team.

Um wenigstens etwas bieten zu können, haben die Kliniken ihren Mitarbeitern kleine Angebote gemacht - etwa die Möglichkeit, sich mit Fachkräften ihre Probleme von der Seele zu reden - sogenannte Supervision -, sportliche Angebote zu vergünstigten Preisen gibt es auch. Aber meist sind die Kräfte nach den langen Schichten froh, ins Bett fallen zu können. Denn auch am Pflegepersonal ging die Krankheit nicht spurlos vorbei - und jeder Krankheitsfall der Mitarbeiter bedeutete eine noch zusätzliche Belastung der anderen. Für Seefeldt selbst hat sich der Arbeitstag seit März vergangenen Jahres in einen Zwölf-Stunden-Tag gewandelt, um die Löcher hier zu stopfen, auf besondere Situationen dort zu reagieren und täglich, auch am Wochenende, E-Mails zu sichten und Maßnahmen einzuleiten, die erforderlich sind.

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