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Die noch vorhandene Windfangtür ist ein Prunkstück aus der Zeit Beckmanns, sie wurde in neobarocken Formen stilistisch der alten Treppe angepasst.

Standesgemäße Wohnung

Usingen (fms). Schon zwei Jahre nach der Einrichtung des Landkreises Usingen mit Landrat August Beckmann an der Spitze schien das alte Amtshaus nicht mehr ausreichend, um den Raumbedarf der Kreisverwaltung zu erfüllen und ein »standesgemäßes« Wohnen des Landrats zu gewährleisten. Das ehemalige Prinzenpalais wurde deshalb aus privater Hand hinzugekauft.

In welchem baulichen Zustand es zu jener Zeit war, lässt sich nicht sagen, aber den Ansprüchen des Landrates schien es nicht zu genügen. Es wurde vor allem im Inneren einer grundlegenden Renovierung unterzogen, wobei den Wohnbedürfnissen Beckmanns in verhältnismäßig hohem Maße Rechnung getragen wurde. Das »Piano nobile« aus fürstlicher Zeit nahm die Wohnräume des Landrats und seiner Frau Elisabeth auf. Kinder der beiden sind nicht bekannt.

Repräsentative Treppe

Das Haus wurde nun im schwülstigen wilhelminischen Historismus eingerichtet. Einblicke in die Wohnverhältnisse bieten einige historische Fotos, die das Stadtarchiv Usingen verwahrt. Was der neue Hausbewohner unangetastet ließ, war die alte barocke Treppe, die repräsentativer ja auch nicht hätte sein können. Der Historismus ist bekannt dafür, dass er sich der unterschiedlichsten historischen Stile bediente. So ist es auch zu erklären, dass auch das 18. Jahrhundert zu neuen Ehren kam.

Mit dem Einbau eines Windfangs knüpfte der Ausbau an die Zeit des Barock. Er trennte einen Teil des Eingangs vom Treppenhaus ab und ist in dieser Weise auch heute noch vorhanden. Er besteht aus einer zweiflügeligen Glastür mit Seiten- und Oberlichtern in geschwungenen Formen - umrahmt von Verzierungen aus Holzprofilen und Voluten. Mit einer weiteren, schlichter gehaltenen Windfangtür, die heute unter der Treppe vor dem Hintereingang eingebaut ist, hat sich ein weiteres schmuckes Ausbauteil der Beckmann-Zeit erhalten.

Einer von Beckmanns Nachfolgern als Landrat war von 1921 bis 1929 Siegfried von Campe. Er hält in seinen Erinnerungen fest: »Meine Wohnung war ein altes nassauisches Prinzenschlösschen mit großem Garten, ein vornehmes, herrliches Haus.« In nationalsozialistischer Zeit wurde das Gebäude vor allem funktionalen Anpassungen unterzogen, so wurden größere Räume unterteilt, ein Luftschutzkeller eingerichtet, wobei ein innerer Kellerzugang geschaffen wurde.

Das demokratische Deutschland atmete auch baukünstlerisch durch, geradlinige Formen bestimmten die moderne Architektur. Der Platzbedarf der Kreisverwaltung stieg dabei weiter. Zwischen dem alten Amtshaus und dem Prinzenpalais wurde deshalb ein schnörkelloser neuer Baukörper eingefügt und über ein Durchgangsfoyer mit dem Prinzenhaus verbunden.

Initiiert von Landrat Dr. August Roesener wurde der Neubau von Landrat Heinrich Müller im Januar 1955 eingeweiht. Er ist vor wenigen Jahren abgerissen worden.

Vermutlich zeitgleich mit dem Neubau wurden auch die Altbauten noch ein weiters Mal im Inneren neu eingeteilt und überformt, so stammt das erhaltene Raumbild aus dieser Zeit, vom alten Beckmann-Stil hingegen ist, außer den Windfängen, nichts mehr zu sehen. Im ehemaligen Salon und Beckmann-Wohnzimmer tagte jetzt der Kreisausschuss, in einem Saal unten der Kreistag. Später wurde hier die Kfz-Zulassungsstelle eingerichtet, die alte Windfangtür versetzt und der Vorraum zum Wartebereich.

Viel von alter Pracht eingebüßt

Bevor die Kreisgremien im Altbau tagen konnten, wurde das Gebäude in erheblichen Umfang konstruktiv instand gesetzt. Leider wurde weitere Jahre später die Außentreppe aus verkehrstechnischen Gründen abgetragen, womit das Hause viel von seiner alten Pracht einbüßte. Mit der Auflösung des Kreises Usingen, der Fusion mit dem Obertaunuskreis und dem Umzug der Usinger Verwaltung nach Bad Homburg war aber noch nicht alles vorbei. Im Usinger Landratsamt, einschließlich eines weiteren späteren Anbaus, verblieben noch einige Ämter. Das Amtshaus wurde inzwischen saniert und moderne Wohnungen eingebaut, das Prinzenpalais wartet noch darauf, aus seinem jahrelangen Dornröschenschlaf wachgeküsst zu werden.

Wer die Geschichte des Prinzenpalais vertiefen möchte, sei auf das aktuelle Jahrbuch 2022 des Hochtaunuskreises verwiesen, wo sie ausführlich dargestellt wird.

Die Sanierung des Prinzenschlösschens in der späten 1950er Jahren war mit weitgehenden Eingriffen in die Bausubstanz verbunden. REPRO: SALTENBERGER

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