Usinger Einzelhändler fordern politische Hilfe

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USINGEN - (inf). Wenn Markus Stalla redet, dann kann man förmlich seine Wut spüren: "Wir wollen von der Politik endlich gehört werden", sagt er und schaut in die Runde. Um ihn herum stehen zahlreiche Inhaber von Usinger Ladengeschäften. Sie alle nicken bei seinen Worten bekräftigend. Je länger der Lockdown dauert, desto schlechter geht es jedem Einzelnen von ihnen.

Langsam aber sicher lösen sich bei ihnen finanzielle Reserven in Luft auf, viele Ladenbesitzer haben mittlerweile Schulden. Beispielsweise die Damen der Nagelstudios Hand und Fuß und Mitbewerbers Nagelstudio Göttlich, die nach eigenen Angaben seit fast neun Monaten keine Einnahmen mehr haben. 25 Geschäfte, Lokale und Gewerbe sind es mittlerweile, die sich der Aktion "Wir gehen mit" angeschlossen haben. Und je länger der Lockdown dauert, desto mehr werden es. In Usingen, in Hessen, bundesweit.

Denn für die Ladeninhaber der kleinen Geschäfte sind die aktuellen Coronamaßnahmen im Vergleich zu anderen, großen Anbietern langsam aber sicher nicht mehr nachvollziehbar. "Was ich nicht verstehe, dass beispielsweise drei oder vier Leute beim Metzger im Laden stehen dürfen, oder sich in großen Supermärkten dicht an dicht aneinander vorbeidrängeln, aber das kleine Schuhhaus, das ein durchdachtes Hygienekonzept hat, nicht beispielsweise mit einer Person pro Laden aufmachen darf", erläutert der Vorsitzende des Usinger Gewerbevereins, Ralf Müller, das Anliegen der Initiative. "Das ist nicht gerecht", poltert Stalla und fällt damit Müller ins Wort. Indes: Sein Frust ist für alle Anwesenden nur zu gut verständlich.

Denn ein weiteres, mittlerweile existenzielles Problem für die Geschäfte ist, dass die angekündigten Novemberhilfen bislang nur zu einem Bruchteil ausgezahlt worden sind. "Nur etwa drei Prozent sind auch tatsächlich bei den Geschäften angekommen, zitiert Müller Zahlen aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Frustrierend ist für die Einzelhändler offenbar auch die fehlende Perspektive. Gerade am Mittwoch hatte die Inhaberin des Usinger Ladens The Schuh Effect, Snjezana Maros, zwischenzeitlich einen sehr schwachen Moment: "Ich habe tatsächlich überlegt, ob ich mein Gewerbe abmelde", bekennt sie. Am Donnerstag habe sie sich wieder berappelt. Dennoch - so bekennt die überzeugte Einzelhandelskauffrau - habe sie mit Hoffnungslosigkeit zu kämpfen. "Dabei ist das Einzige, was ich persönlich möchte, ein wenig Planungssicherheit." Sie hätte eigentlich schon Ware für die nächste Wintersaison bestellen müssen. Doch ob sie die dann auch abverkaufen kann, ist völlig ungewiss. So wie ihr geht es übrigens zahlreichen Menschen im Usinger Land. Markus Stalla, der in Neu-Anspach eine Hypnosepraxis betreibt, redet von zahlreichen Klienten, die momentan mit starken psychischen Problemen in seine Praxis kommen, ja sogar Selbstmordfantasien hegen. Auch für Bernhard Keth vom gleichnamigen Schlosscafé ist die Situation alles andere als rosig. "Das Café ist zu. Und da im Rathaus auch nur nach vorheriger Terminabsprache Kundenverkehr zugelassen ist, haben wir keine Laufkundschaft mehr." Aus diesem Grund lohne sich auch der Verkauf von Backwaren nicht, da Keth diese zukauft.

Die Gewerbetreibenden fühlen sich momentan von den Politikern allein gelassen und fordern "die lokalen politischen Vertreter auf, sich für ihre Region gezielt bei Land und Bund einzusetzen", da sie das Gefühl hätten, das die Probleme von Regionen, wie dem Hochtaunuskreis dort zu wenig Beachtung finden. Zudem fordern sie, dass man Öffnungen, anstatt sich auf Inzidenzen auszurichten, mehr auf lokale Gegebenheiten und bestehende Hygienekonzepte ausrichten und lokale Öffnungen schnellstmöglich umsetzen solle. "Es ist nicht zu vermitteln, warum bei uns mit einer Inzidenz von 49 noch genau die gleichen Regeln gelten, wie in stärker belasteten Regionen", sagt Müller.

Bürgermeister Steffen Wernard kann die Sorgen der Gewerbetreibenden in der Buchfinkenstadt verstehen. "Als Bürgermeister der Stadt Usingen blicke auch ich mit großer Sorge auf die wirtschaftliche und persönliche Situation der Unternehmer des Einzelhandels, der Gastronomie sowie der von den Corona-Verordnungen betroffenen Dienstleistungsbetriebe in unserer Stadt. Auch wir wünschen uns alle sehr, dass hier konkrete Perspektiven für die Unternehmen gegeben werden können, aber als Kommunalverwaltung ist uns hier kein Handlungsspielraum gegeben", erklärt Wernard dazu. "Was wir tun können, ist vor Ort zu unterstützen." Neben schon umgesetzten Maßnahmen der Wirtschaftsförderung, insbesondere mit der Organisation und Finanzierung des Weihnachtsgewinnspiels sowie dem ersten Aufbau einer gemeinsamen Internet-Plattform auf der städtischen Website und der Werbekampagne für das Usinger Gutscheinportal, habe Wernard in Gesprächen mit betroffenen Geschäftsleuten persönliche Unterstützung angeboten, sollte es Probleme bei der Beantragung von staatlichen Hilfeleistungen geben. Zudem biete die Wirtschaftsförderung in Zusammenarbeit mit dem Verein "Die Wirtschaftspaten e.V." Beratungsangebote zur Unternehmenssicherung an.

"Wir alle hoffen sehr, dass sich in den nächsten Wochen die Infektionslage trotz der neuen Corona-Mutationen weiter verbessert, sodass wir wieder schrittweise in ein normales Leben zurückkehren können, Geschäftsöffnungen möglich sind und insbesondere auch der Alte Marktplatz mit seinen vielfältigen Gastronomieangeboten als Anziehungspunkt die Innenstadt belebt", sagt Wernard abschließend.

Einen weiteren Bericht zu diesem Thema Wirtschaft in Coronazeiten gibt es auf Seite 21 in dieser Ausgabe.

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