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Harter Weg in die Moderne

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Nassir Djafari hat mit seinem neuen Roman »Mahtab« erneut ein Stück Vergangenheit bearbeitet, auch wenn das Buch nicht autobiografisch ist. © Red

Wehrheim. Mahtab wäre schon als Deutsche in den 60er Jahren eine moderne Frau gewesen. Sie war berufstätig in einer Zeit, als Frauen noch die Unterschrift ihres Mannes benötigten, um sich eine Arbeit zu suchen. Sie hat sich emanzipiert, indem sie ohne Wissen ihres Mannes ein eigenes Konto eröffnete. Geplant hatte sie das alles nicht, als sie mit ihrem Mann ihre Heimat, den Iran, das damals in Deutschland eher unter dem Namen »Persien« bekannt war, verließ.

Obwohl ihre Heimat schon seit den 30er Jahren - diktatorisch - auf dem Weg in die Moderne ist, findet sich Mahtab in Frankfurt in einer anderen Welt, allerdings mit Problemen, die jede Familie treffen können. Die pubertierende Tochter entgleitet den Eltern, hat einen Freund, von dem die Eltern ganz und gar nichts halten, nimmt an Demonstrationen teil, und - als wäre das nicht genug - findet die Mutter »die Pille« in ihrer Tasche.

In seinem zweiten Buch »Mahtab« beschäftigt sich der gebürtige Iraner Nassir Djafari, der wie Mahtab in den 50er Jahren nach Deutschland kam, nach seinem Debut-Roman »Eine Woche, ein Leben«, erneut mit seiner Identität. Der 69-Jährige, der im Alter von fünf Jahren nach Deutschland kam und seit 1992 in Wehrheim lebt und nach seinem Ruhestand mit dem Schreiben anfing, beschreibt in seinem neuen Roman die Geschichte dreier Frauen-Generationen: Mahtabs streng moralische Mutter, die im Sportunterricht für Mädchen den Verfall aller Moral sah. Mahtab selbst ist in der Vergangenheit gefangen, in vielem aber schon in der Moderne angekommen, vermisst in der neuen Heimat aber Werte wie Respekt vor Älteren und Gastfreundschaft. Sie freundet sich im Krankenhaus mit einer alten Frau an. Dass diese ihre Retterin in großer Not wird, ahnt sie zu dieser Zeit noch nicht. Azadeh, auf dem Weg zum Abitur, möchte die alten Zöpfe abschneiden, ist mit der neuen Zeit aber doch überfordert.

Patriarch liebt den Fortschritt

Mahtabs Ehemann Amin liebt als Patriarch den Fortschritt, möchte als Freidenker in Deutschland leben, kann seine moralischen Wurzeln aber auch nicht ganz ablegen. Die 60er Jahre, als Gastarbeiter in großer Zahl nach Deutschland kamen, war zwar vom Fundamentalismus der heutigen Zeit noch nicht geprägt, aber die Söhne Abbas und vor allem Hamid, obwohl er in Deutschland geboren wurde, erleben Diskriminierung. Dennoch scheint alles im Fluss: Amin betreibt ein mehr oder weniger gut laufendes Geschäft, das er hochtrabend »Kaufhaus Europa« nennt, die Mutter arbeitet im Krankenhaus. Die Pille in der Tasche der Tochter, die Schwärmerei des Vaters für seine Buchhalterin und das offensichtliche Interesse des Oberarztes an der attraktiven Mahtab bringen deren Welt durcheinander.

Mahtab möchte ihre Familie retten, weiß sich aber nicht anders zu helfen und zieht aus. Frau Rose, ihre Krankenhaus-Bekanntschaft, wird zur Rettung. Sie hilft ihr auf dem Weg zur Selbstständigkeit, denn in den 60er Jahren ist es auch deutschen Frauen nicht möglich, ohne die Unterschrift des Mannes ein Konto zu eröffnen oder eine Arbeitsstelle zu beginnen. Alles scheint zu eskalieren, als die Tochter in dieser Situation ein noch größeres Problem offenbart...

Schritte in die Selbstständigkeit

Nassir Djafari beschreibt auf 330 Seiten einfühlsam die Charaktere und gibt den Lesern einen Einblick in die Zeitgeschichte. Die Reise mit seiner Mutter in den Iran, verbunden mit dem Besuch von Freunden und Verwandten im Jahr 2007, erschloss einiges, was ihm bis dahin fremd war. Zu sehr war er in die Rolle des Deutschen geschlüpft. Er hatte alles aufgeschrieben, und jetzt wollte wieder ein Teil bearbeitet und aufgeschrieben werden, auch wenn es sich nicht um eine Biografie handelt.

»Man schreibt über das, was einen bewegt.« Mahtab, in der mehr steckt, als auf den ersten Blick vermutet, bewegt die Leser. Sie arrangiert sich mit dem patriarchalischen Verhalten ihres Mannes, weiß aber auch die andere Seite von Amin zu schätzen: die des liebevollen Vaters und des Geschäftsmanns, der sich in Deutschland behaupten möchte und der stolz auf seine Frau ist. Als es um die Kinder geht, kommt die Kämpferin zum Vorschein. Denn obwohl die Hochzeit arrangiert war, ist daraus Liebe geworden. Das Buch »Mahtab« von Djafari ist im Sujet Verlag erschienen und für 19,80 Euro im Buchhandel erhältlich.

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