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Das Taunuskinderheim: Der schmucke Gebäudekomplex mit denkwürdiger Geschichte wurde bereits im Jahr 2018 abgerissen. Seit jener Zeit ist das Gelände noch nicht wieder bebaut worden. ARCHIVFOTO: SEIBT

Kein Heim für kleine Rambos

Wehrheim . Bereits vor drei Jahren wurde das ehemalige Taunuskinderheim abgerissen. Immer noch ist die Fläche nicht neu bebaut worden. Geplant ist, dass auf dem Gelände künftig eine Art alternatives Schulangebot für ganz besondere Kinder errichtet werden soll. Dieses gibt es in Wehrheim bereits: Die »Tagesschule« hat bislang in den alten Räumen der ehemaligen Heinrich-Kielhorn-Schule ihr Zuhause gefunden, doch die Räume sind in die Jahre gekommen.

Nun soll es bald mehr Platz für das außergewöhnliche Schulkonzept geben, das seit einigen Jahren von der EVIM (Evangelischer Verein für Innere Mission) betreut wird. Doch was genau macht man dort überhaupt? Und was will man künftig auf dem ehemaligen Gelände des Taunuskinderheims machen? Diese Fragen beantworten Sandra Steube von der EVIM und Leiter des Kreisjugendamts Heinz Rahn.

Chance auf Schulabschluss

»Alle 30 Schüler, die künftig die Tagesschule besuchen werden, kommen aus der Region, einige wenige aus Bad Homburg«, so Rahn. Dabei handele es sich um Kinder aus allen sozialen Schichten, die auf dem herkömmlichen Weg nicht mehr beschult werden konnten und sonst, trotz Schulpflicht, zuhause untergebracht wären, erklärt Steube das Konzept, das hinter dem Trägerverein steht. Ziel sei es dabei, die Kinder soweit zu stabilisieren, dass sie irgendwann wieder in die allgemeine Schule eingegliedert werden können. Dabei handelt es sich beispielsweise um Kinder und Jugendliche, die traumatische Erlebnisse hinter sich gebracht haben. Andere haben den Umweg über die Psychiatrie nehmen müssen. All diese Kinder und Jugendlichen sollen auf diese Art und Weise die Chance bekommen, einen Schulabschluss zu erreichen.

Wie das bewerkstelligt wird, sei individuell sehr unterschiedlich, erläutert Steube das Konzept der EVIM. »Oft sind es sozial phobische Jugendliche, oder wilde Kinder, die nicht mit einem Partner unterrichtet werden können. Wir versuchen dann, im Einzelkontakt Beziehungsarbeit zu leisten, sodass die Kinder langsam wieder an andere Menschen gewöhnt werden und schließlich auch in Klassengröße unterrichtet werden können.«

Dabei geht die EVIM auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Einzelnen ein. »Manchmal können wir bei einigen Kinder überhaupt keine schulischen Themenfelder anbieten, sodass die Lehrkräfte Beziehungsarbeit und Verhaltens-training anbieten. Ziel ist es, das Kind dann langsam auf das Unterrichtsangebot vorzubereiten und die Lernbelastung Stück für Stück zu steigern. Aber den Kindern auch nur so viel zuzumuten, wie sie schaffen.«

Dass das Konzept der EVIM aufgeht, dafür hat Steube ein paar Beispiele mitgebracht: »Wir hatten ein Geschwisterpaar, deren Mutter an Krebs gestorben war und die sich völlig in sich selbst zurückgezogen hatten«, erzählt die Mitarbeiterin der EVIM. Hier habe schließlich die besonders intensive Betreuung durch Lehrkräfte geholfen, die Kinder aus ihrem Schneckenhaus wieder herauszuholen.

Rausgeholt aus dem Schneckenhaus

In einem anderen Fall sei ein Mädchen seit drei Jahren nicht mehr in der Schule gewesen und galt auch in der Klinik als absolut hoffnungsloser Fall. Sie sei, so Steube, überhaupt nicht mehr von außen zugänglich gewesen und habe sich nur noch auf ihrem Zimmer eingeschlossen. »Doch die Lehrerin hat nicht locker gelassen, ist der Familie richtiggehend auf die Pelle gerückt und hat mit dem Mädchen durch die geschlossene Zimmertür gesprochen«, so Steube. Nach einer ganzen Weile habe sich die Tür dann für die Lehrerin geöffnet. »Mittlerweile ist sie soweit, dass sie einen Notendurchschnitt von 1,0 hat und nun ihren Realschulabschluss angehen will. Und wir sind auch so optimistisch, dass sie das schafft«, ist Steube sich sicher. Leider könne nicht jedes Kind erreicht werden. Vielen aber werde schließlich doch noch ein Schulabschluss ermöglicht. »Natürlich hat es auch Bedenken von unmittelbaren Anwohnern gegeben«, berichtet die EVIM-Mitarbeiterin von dem Tag, als sie zusammen mit Rahn das Gelände in Augenschein genommen hat. Doch sowohl Steube als auch der Jugendamtsleiter betonen, dass auf dem Gelände weder eine Art Internat errichtet werden soll, noch, dass die Schüler, die dort unterrichtet werden »alle eine kleine Art von Rambo sind, die sowohl die Schule als auch die Gärten der Nachbarschaft zerlegen«, so Rahn. Natürlich gebe es auch Kinder, die zur Aggression neigen und dabei Dinge zerstören würden. »An solchen Tagen gehen wir dann beispielsweise mit den Kindern raus, in ein anderes Umfeld. In den Wald, in den Park oder den Platz vor einer Polizeistation. Oder wir schrauben zusammen ein demoliertes Gerät auf und schauen es uns an, wie wir es vielleicht reparieren können.«

Da eine Tagesschule errichtet wird, sollen die Kinder abends wieder in ihre Familien zurückkehren. Die Schüler seien tagsüber niemals unbeobachtet auf dem Gelände unterwegs. Und das Konzept hat sich bislang bewährt. Da die Tagesschule ja bereits seit mehreren Jahren in der Wehrheimer Ortsmitte zu finden ist, habe man zahlreiche Erfahrungen gesammelt. »Uns sind bislang keinerlei Klagen der Anwohner über die Kinder zu Ohren gekommen«, versichern Staube und Rahn unisono.

Rechtsfragen noch offen

Wann das Gelände nun bebaut werden soll, steht noch nicht offiziell fest. Momentan müssen noch Rechtsfragen in der eher komplizierten »Dreiecksbeziehung« Hochtaunuskreis, Kinderheimstiftung und EVIM geklärt werden. Sollte dies abgeschlossen sein, so würden die Verträge, aber auch künftigen Pläne zunächst dem Kreistag und dann auch den Wehrheimer Gremien vorgelegt werden. Angepeilt dafür ist hier der kommende Frühling.

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