»Nicht anmeldepflichtige Leibesfrüchte...«

Wehrheim (inf). Zugegeben: Satzungen sind eher trockene Beispiele für die Ausdruckskraft der deutschen Sprache. Eine Friedhofssatzung allemal, denn hier ist alles rund um die Bestattung eines Menschen bis ins Detail behördlich geregelt.

Aber wenn man sich diese Satzungen einmal genauer anschaut, so findet man dort unter Umständen die eine oder andere unfreiwillig komische oder zumindest seltsam wirkende Formulierung, die es wohl nur hartgesottenen Zeitgenossen ermöglicht, sich geistig unbeschadet durch die schwere Paragrafen-Kost zu arbeiten. Einige solcher Formulierungen finden sich auch in der alten Wehrheimer Friedhofssatzung, die nun (siehe Bericht oben) von einer modernen Fassung abgelöst wird.

So heißt es in einem Absatz, dass »die Bestattung von standesamtlich nicht anmeldepflichtigen Leibesfrüchten, die unter Vorlage des vorgeschriebenen Bestattungsscheins des Arztes oder der Hebamme ohne Mitwirkung der Friedhofsverwaltung dem Friedhofs zugeführt werden, gegen eine Gebühr von 25 Euro« erfolgen soll.

In der Neufassung sind die »Leibesfrüchte« gegen die Formulierung »tot geborene Kinder« ausgetauscht worden und die Bestattung dieser Kinder ist mittlerweile kostenlos. Die »standesamtlich nicht anmeldepflichtigen Leibesfrüchte« nennt man heute weithin auch »Sternenkinder«, ein Begriff, der den Umgang aller Betroffenen mit diesem sehr traurigen Thema erleichtern kann. Immerhin war die Verwaltung in Wehrheim bereits in der alten Fassung sehr fortschrittlich: Seit Jahren konnten tot geborene Kinder auf dem Gemeindefriedhof einen letzte Ruhestätte finden. In anderen Teilen von Deutschland war es lange üblich, dass die sterblichen Überreste kein Recht auf eine ordentliche Bestattung hatten und - man glaubt es kaum - mit dem Klinik-Restmüll entsorgt werden mussten. Für die betreffenden Eltern sicherlich ein traumatisches Erlebnis. Ebenso selbstverständlich wie eine Ruhestätte für »Sternenkinder« sollte es eigentlich sein, dass Waren aus Kinderarbeit tabu sind, auch auf einem Friedhof. Bitter, wenn das behördlich geregelt werden muss, aber eine freiwillige Selbstkontrolle scheint es nicht zu geben. Deshalb gibt es nun einen entsprechenden Passus in der neuen Friedhofsordnung: Laut Paragraf 34 dürfen Grabsteine und Grabeinfassungen aus Naturstein nur dann aufgestellt werden dürfen, wenn sie nachweislich ohne »schlimmste Formen von Kinderarbeit« hergestellt worden sind. Kritische Leser werden sich da fragen, ob leichtere Formen von Kinderarbeit tatsächlich tolerabel sind.

Keine Interpretationsmöglichkeiten gibt es zur Materialauswahl: Nicht erlaubt sind laut neuer Friedhofssatzung Grabsteine aus schwarzem oder weißem Kunststein oder Gips. Grellweiße und tiefschwarze Grabsteine aus Naturstein sind »zu vermeiden«.

Nicht zugelassen sind ferner Grabmale aus Beton, Glas, Emaille, Kunststoff, Gold, Silber und auch Lichtbilder von einer Größe über zehn mal zwölf Zentimetern.

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