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Wolfgang Gauger am Gedenkstein für den Auftritt von Jimi Hendrix auf Fehmarn im September 1970. Drogen haben die Karriere des Musikers geprägt. Gauger will helfen, aus der Sucht herauszukommen.

Wenn die Suchtfalle zugeschnappt ist

Wehrheim (kop). Die seit fast zwei Jahren andauernde Pandemie zeitigt neben den bekannten auch viele versteckte Risiken. Dazu gehört das Abdriften in den Alkoholismus. Wolfgang Gauger kennt die »Karriere« des Alkoholismus nur zu gut aus eigener Erfahrung. Er hat nun einen neuen Gesprächskreis ins Leben gerufen, der sich jeden Donnerstag ab 18 Uhr in der Bücherei des Bürgerhauses trifft.

»Es nimmt enorm zu«, sagt Gauger und meint damit den Griff zur Flasche - immer öfter, immer mehr. Dadurch nehme auch das Gewaltpotenzial innerhalb von Familien deutlich zu. Gerade hat er von Bekannten erfahren, dass die Ehefrau immer öfter Gewalt anwendet nach dem kräftigen Schluck. Ja, auch diese Fälle gibt es, wenn auch seltener. Kinder seien extrem gefährdet, weiß der 61-Jährige aus Erfahrungsberichten.

Gleiches gelte auch für andere Drogen, weswegen der Gesprächskreis nicht nur auf Alkohol ausgerichtet ist. Gauger lebt zwar heute in Friedrichsdorf-Köppern, aber er ist Wehrheimer, entstammt der Saalburgsiedlung. Etwa 1992 zog er weg, flüchtete aus dem immer gleichen Zirkel aus Trinkgelagen nach Bad Homburg. Besser wurde es trotzdem nicht. Bis er eine Frau kennenlernte, die mit Alkohol und Drogen nichts am Hut und drei Kinder zu versorgen hatte.

Die eigene Sucht seit 2004 im Griff

Wegen ihr ging er 2004 zu seiner fünften und letzten Therapie in die Salus-Kliniken. Diesmal half es, Gauger ist seit 2004 trocken. 2008 kündigte er seinem Job bei der Telekom und machte stattdessen ein Praktikum beim Drogennotruf Frankfurt, leitete auch erstmals eine Selbsthilfegruppe. Gemeinsam mit einem Freund eröffnete er dann eine eigene Drogen-Hilfseinrichtung in Frankfurt, bot Gesprächsgruppen an. Die wurde jetzt eingestellt. Gauger aber wollte weitermachen. »Auch weil ich selbst das Gespräch brauche, auch nach 18 Jahren noch«, sagt er. Im Gespräch mit Freunden kam die Idee auf, ein solches Angebot in Wehrheim zu starten. Schließlich kenne man ihn hier, wisse auch um seine Vergangenheit. Gauger sprach mit Bürgermeister Gregor Sommer und Ortsvorsteher Stefan Velte (beide CDU) sowie Andreas Vongries vom Gewerbeverein. Alle sagten ihm ihre Unterstützung zu. Von der Gemeindeverwaltung bekam er schließlich die Bücherei im Bürgerhaus zur Verfügung gestellt.

Geschützter Raum zum freien Reden

So will er ein sehr niedrigschwelliges Angebot etablieren. »Viele scheuen den Weg nach Frankfurt. Andere sagen, dass sie ja nicht im eigenen Ort zu so einem Angebot gehen wollen, um anonym zu bleiben. Letztlich sind das alles nur Ausreden, um nicht endlich eine Verbesserung herbeizuführen«, weiß der zertifizierte Suchtberater.

Sein Angebot: ein geschützter Raum, in dem alle Beteiligten darüber reden können, was sie gerade umtreibt. Es gibt aber auch konkrete Hilfe: Gauger hat durch seine bisherigen Erfahrungen in der Suchtbekämpfung Kontakte zu den Kliniken aufgebaut, kann auch dabei helfen, wenn es darum geht, den Führerschein wieder zu erhalten. Für den Gesprächskreis gelten natürlich die aktuellen Corona-Verordnungen. Die Gruppe besuchen auch frühere Mitglieder des Frankfurter Gesprächskreises. Gauger möchte Wehrheimer, aber auch Bewohner anderer Kommunen in der Umgebung dazu einladen, sich anzuschließen. Denn für ihn ist klar: »Solange es mir gut geht, scheint alles in Ordnung. Aber es muss einem gelingen, dass es einem auch ohne Alkohol wieder gut geht.«

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