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Meral Riasi (links) und Margarete Kretschmer (Mitte) helfen sich gegenseitig über schwierige Lebensabschnitte hinweg, zusammengebracht wurden die beiden von Trauerrednerin Anette Peschke.

Nicht gesucht, aber trotzdem gefunden

Weilrod. Zwischen Meral Riasi und Margarete Kretschmer passt kein Blatt Papier, beim Altersunterschied von 61 Jahren aber ein ganzes Leben. Meral Riasi ist 31, »Frau Margarete«, wie sie die alte Dame höflich nennt, 92 Jahre jung. Das Alter spielt bei den beiden aber keine Rolle, sie sind gute Freundinnen.

Allerdings noch nicht lange, denn die weit gereiste, rüstige und hellwache Margarete Kretschmer hat erst im August ihren Ehemann Günter nach mehr als 60 gemeinsamen Jahren verloren, wenige Wochen später die junge Iranerin kennengelernt. Wie ihr Ehemann Hadi Ansarin hat diese in ihrem Heimatland ein Architekturstudium abgeschlossen, ist vor zwei Jahren, am 25. November 2019, gemeinsam mit ihm im Aufnahmelager für Geflüchtete in Gießen angekommen und bald in die Gemeinschaftsunterkunft »Erbismühle« umgezogen.

»Ein Glücksfall, sonst hätte ich nie Frau Margarete kennengelernt«, sagt Meral Riasi in nicht perfektem, aber bereits sehr guten Deutsch. Und auch für Margarete Kretschmer war es »pures Glück«. Nach dem Tod ihres Mannes, mit dem sie seit 1973 im ehemaligen Forsthaus »Gertrudenhammer« an der Weilstraße gelebt hat, wollte sie nicht in ein tiefes Loch fallen. Da kamen ihr die Sozialarbeiterin Sabine Klopsch und die Altweilnauer Trauerrednerin Anette Peschke, die auch ein Herz für geflüchtete, entwurzelte Menschen hat, gerade recht.

Peschke, längst zur »Anette« geworden, hatte »Gretel«, wie sie sie nennen darf, in ihrer Trauer begleitet und die Idee, dass aus »Gretel und Meral« etwas werden könnte. »Wir haben uns nicht gesucht, aber trotzdem gefunden«, sagt die alte Dame, froh, dass sie jeden Tag von der jungen Frau besucht wird. »Sie ist wie ein Geschenk für mich, ihre Jugend und ihre Fröhlichkeit helfen mir, mit der Situation zurechtzukommen«, sagt sie dankbar.

Gespräche über Gott und die Welt

Gerade jetzt, im ersten Advent alleine, ist das für die alte Dame wichtig. Dann gehen sie spazieren, quatschen endlos miteinander und wissen, dass es ihnen beiden gut tut: »Sie spricht schon toll Deutsch, den Rest bringe ich ihr auch noch bei, wir reden im wahrsten Sinne über Gott und die Welt, ich lasse sie schreiben und lesen und immer neue Wörter lernen, sie lernt schnell, ist wissbegierig und erzählt mir viel aus ihrer Heimat«, freut sich »Frau Margarete« und muss ein wenig lachen, das geht schon wieder: »Kürzlich waren wir an der Weil, ich habe ihr gesagt, dass sie plätschert. Das Wort kannte sie nicht, sie sagte, das Wasser spricht mit uns - wunderbar bildhaft.«

Und auch aus Meral Riasi sprudeln ihre gesammelten Deutschkenntnisse nur so heraus, wie das Wasser der Weil. Ihre große Hoffnung ist, dass sie und ihr Ehemann bald noch besser Deutsch können und dass sie irgendwann auch wieder in ihrem Beruf als Architekten arbeiten dürfen. Ein wenig übt sie schon in eigener Sache, sie baut für sich und Hadi gerade an einem neuen Leben, wobei sich »Frau Margarete« natürlich gerne als »Bauhelferin« zur Verfügung stellt, was irgendwie auch zu ihrem eigenen Leben passt, denn ihr Mann war selbst Bauunternehmer.

Weihnachten werden die beiden aber ohne einander auskommen müssen, dafür hatten sie aber bereits so manche gemeinsame Adventskaffeestunde in der vorweihnachtlich geschmückten Wohnstube des uralten Fachwerkhauses. Im Schein der Kerzen auf dem Adventskranz hat Margarete Kretschmer sicher auch über die Weihnachtszeit ihrer Kindheit, die sie in Liegnitz in Niederschlesien verbracht hat, erzählt.

Meral Riasi und ihr Ehemann Hadi, die beide keiner Religionsgemeinschaft angehören, werden die Festtage bei Hadis Bruder in Aschaffenburg verbringen. »Ich freue mich sehr darauf, mit der Familie um den Tisch zusammen zu sitzen, zu reden, zu lachen und viel zu essen, ich koche dann auch - für die einen vegetarisch, für die anderen gibt es unseren berühmten persischen Lammeintopf Ghorme Sabzi«, erzählt sie.

Meral Riasi kocht sehr gerne und hat sich unter Anleitung von »Frau Margarete« auch schon mit dem Plätzchenbacken versucht: »Zwei Eier, 250 Gramm Butter, 500 Gramm Mehl, Vanillezucker - leider waren sie viel zu hart und zu dunkel«, berichtet sie. Margarete Kretschmer hat sie nie zu Gesicht bekommen, hätte aber gerne davon gekostet. »Ist doch nicht schlimm, vielleicht war dein Backofen ja zu heiß, ist aber gut für die Zähne«, sagt sie. Und da ist es wieder, das Lachen, das ihr neuen Lebensmut gegeben hat.

Weihnachten im Kloster

Was Margarete Kretschmer Weihnachten auf den Tisch bekommt, weiß sie noch nicht. Sie verbringt die Festtage in einem Kloster in Erfurt. »Alleine schaffe ich das hier noch nicht, ich freue mich aber riesig, die haben da ein tolles Programm vorbereitet.« ALEXANDER SCHNEIDER

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