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Wie Strümpfestopfen: Ursula Becker restauriert in Oberlauken die Sitzflächen alter Stühle.

»Wie Strümpfe stopfen«

Weilrod (inf). Flink gleiten Ursula Beckers Hände durch das Flechtwerk, das straff in dem Stuhlrahmen des verschnörkelten Stuhls eingespannt ist. Sie selbst nimmt die langen Flechtfäden, die aus der Rinde des Pettigrohres bestehen, mit Augenmaß in die Hand und webt. Einmal hoch, einmal runter, bis sich ein erstes Muster erkennen lässt. Dann werden die Fäden befeuchtet und zu immer komplizierten, aber ungewöhnlich bekannten, Strukturen verwoben.

Langsam aber sicher schält sich das Muster eines Spanischen Achtecks heraus. Die 70-Jährige, über die der Usinger Anzeiger bereits neulich in ganz anderem Zusammenhang berichtete, ist nicht nur passionierte Nachhilfelehrerin, sondern eine der wenigen Menschen im Usinger Land, die noch das Flechthandwerk beherrschen und in der Lage sind, die Sitzflächen alter Stühle zu restaurieren. Stühle, die vielen Menschen noch aus den meisten guten Stuben von Großmutter und Großvater bekannt sind.

»Das ist Männerarbeit«

Doch wie kommt man zu so einem ungewöhnlichen Hobby? »Ich bin auf einem Hof in der Nähe von Oberursel aufgewachsen«, verrät die Frau, die in Oberlauken wohnt. Bereits seit frühester Kindheit habe sie wissen wollen, wie man Körbe selbst herstellt und Sitzflächen webt. Jemanden zu finden, der dieses Handwerk jedoch lehrt, war schon damals nicht so leicht. Sie musste erst 29 werden, bis ihr der Wunsch tatsächlich erfüllt wurde. »Ich war damals schwanger und mit meinem Vater in Kirberg unterwegs, als wir an einer ganz kleinen Korbflechterei vorbeikamen und einfach mal in die Werkstatt gingen«, erinnert sich die weißhaarige Frau. Dort, in der winzigen, »schrammeligen« Werkstatt habe ein alter Mann gesessen und Körbe geflochten. »Ich habe ihm damals von meinem Wunsch erzählt, dass ich gerne Körbe flechten lernen würde. Er antwortete damals nur: ›Kind, das ist doch Männerarbeit‹. Das war ihr zwar egal, doch der Korbmacher habe sich zunächst geweigert, ihr das Korbflechten beizubringen. »Aber dann habe ich ihn so lange bearbeitet, bis er sich bereit erklärt hat, mir zumindest die Stuhlflechterei beizubringen«, berichtet Becker mit einem Schmunzeln. Etwa ein halbes Jahr habe sie jeden Tag sechs bis acht Stunden in der Korbflechterei verbracht, bis sie schließlich das Wiener Geflecht oder das Spanische Achteck beherrscht habe. »Das ist wie Strümpfe stopfen«, sagt sie und lächelt.

Seit jener Zeit schicken immer mal wieder Menschen, die von Beckers Hobby wissen, ihre zerschlissenen Stühle in die Reparatur nach Weilrod. Die Kunde darüber hat sich über Mund-zu-Mund-Propaganda zum Teil sogar weit über den Taunus hinaus herumgesprochen. »Ich hatte sogar schon Kunden, die noch weit hinter Marburg gelebt haben und ihre Stühle vorbeigebracht haben.« Dabei kommt es mitunter zu rührenden Begegnungen: »Ich hatte eine ältere Kundin, die ihre alten Stühle nicht eher vererben wollte, bevor sie nicht wieder in tadellosem Zustand gewesen sind. Also hat sie monatlich einen Stuhl vorbeigebracht. Mehr habe sie sich nicht leisten können«, erinnert sich die 70-Jährige.

Je nach Zustand des Stuhls kann es einige Tage dauern, bis die Arbeiten an dem Sitzmöbel abgeschlossen sind. »Es kommt auch immer drauf an, wie kompliziert der Rahmen ist, in den das Flechtwerk eingespannt werden muss. Beispielsweise sind gebogene Rahmen viel aufwändiger als gerade Sitzflächen. Noch dazu müssen die Flechtfäden regelmäßig befeuchtet werden, um biegsam zu bleiben.« Denn das Pettigrohr ist die Rinde einer Lianenart aus Ostasien und somit ein reines Naturprodukt und braucht dementsprechend Liebe und Pflege, damit es geschmeidig bleibt. Der Preis für eine neue Sitzfläche hängt von den Löchern ab, die geflochten werden sollen. »Pro Loch berechne ich 1,50 Euro. So kann man sich ausrechnen, wie teuer das bei 70 oder 100 Löchern wird«, erklärt die Oberlaukenerin. Obwohl Becker das Flechten gelernt hat, übernimmt sie nicht jede Ausbesserung. »Flechtwerk, bei denen das Pettigrohr um den Sitzrahmen geschlungen wird, fertige ich beispielsweise nicht an. Da verweise ich immer auf die Stuhlwerkstatt Platzer in Usingen, die übernimmt auch komplizierte Flechtmuster.«

Noch Korbflechten gelernt

Übrigens: Das Korbflechten hat Becker eines Tages doch noch gelernt. Im Hessenpark gibt es eine Korbflechterei, betreut von Korbmacher Horst Pfetzing. Und der hat ihr das Korbflechten schließlich doch noch beigebracht. »Zumindest so weit, dass es dazu langt, dass ich mir eigene Körbe zum Holzholen anfertigen kann«, erklärt Becker und hebt einen der von ihr selbst hergestellten Körbe hoch.

Mittlerweile weiß sie, was ihr erster Lehrmeister damit meinte - dass Korbflechterei ein Beruf für Männer sei. »Die Weidenreben sind ganz schön störrisch und leider überhaupt nicht so biegsam, wie man immer glaubt. Da braucht man ganz schön Kraft für, um sie in eine Korbform zu weben«, schmunzelt die pensionierte Lehrerin heute. Dennoch - ihr Flechtgeschick reicht dafür, dass sie ihre eigenen Körbe im Haus flicken und ausbessern kann.

Ursula Becker hat schließlich auch das Korbflechten gelernt, auch wenn sie feststellen musste, dass dazu tatsächlich viel Kraft aufgewendet werden muss.

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