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Mona Homm öffnet heute die Tür zu ihrer Werkstatt. Sie findet, dass ihr alter Handwerksberuf auch in Zeiten der Wegwerf-Mode noch eine Zukunft hat.

Wie aus der Zeit gefallen

Usingen Heute erscheinen die Erinnerungen an die Maßschneiderei wie aus der Zeit gefallen. Doch das längst ausgestorben geglaubte Handwerk lebt in Usingen in dritter Generation wieder auf.

Vor gar nicht einmal so langer Zeit strömten Kundenscharen noch zum Sommer- und zum Winterschlussverkauf in Modegeschäfte und Kaufhäuser. Heute hat sich das Konsum- und Einkaufsverhalten endgültig geändert: Aus den Saisongeschäften im Frühjahr/Sommer sowie Herbst/Winter hat die Modeindustrie mittlerweile bis zu sechs Mode-Kollektionen für ein entsprechendes Saisongeschäft kreiert.

In Mailand gelernt

Traditionsreiche Modefachgeschäfte im Usinger Land wie Hain-Jeans, Textil-Schäfer und Textil-Schiffel in Usingen sowie Hellos in Neu-Anspach wurden von der Fast-Fashion-Welle mitgerissen und mussten schließen. Mode hat sich längst zum Wegwerfprodukt entwickelt. Die Kanäle der Altkleider-Verwertung sind verstopft und bedauerlicherweise hinfällig geworden. Retouren der Internethändler landen oft ungetragen auf Müllhalden.

Die in Usingen aufgewachsene Mona Homm wendet sich mit ihrer vor zwei Jahren in Usingen eröffneten Maßschneiderei und der dort gefertigten - absolut bezahlbaren - eigenen Kollektion gegen diese Wegwerfmentalität bei der Alltagsmode. »Mir ist bei Kleidung Qualität viel wichtiger als Quantität«, sagt die 27-Jährige.

Nach ihrer Schulzeit an der ARS in Neu-Anspach und dem Abitur in Frankfurt ist die junge Frau - wie es sich in der Handwerkstradition gehört - erst einmal auf Wanderschaft gegangen: Nach erfolgreich abgeschlossener Ausbildung in Hannover als Schnittdirek- trice, wo sie als Modellmacherin die Kunst der Produktentwicklung in der Modebranche gelernt hat, zog es sie nach Mailand.

In der europäischen Mode-Metropole hat sie den Master of Art in der Modebranche gemacht und sich in der Haute Couture sowie im High-Luxury-Segment bewegt. »Mir war es danach aber wichtig, zurück zu meinen Wurzeln zu kehren und meiner Familie nahe zu sein«, sagt Homm, deren Mutter sich mit ihrem Geschäft Augenweide und Geschmack-Sinn ebenfalls in der Kreuzgasse längst einen Namen weit über Usingen hinaus gemacht hat.

»Mein Kerngeschäft ist die Maßschneiderei«, sagt Mona Homm. »Davon gibt es im gesamten Rhein-Main-Gebiet mit Ausnahmen in Frankfurt und Wiesbaden nur ganz wenige.« In ihrem Geschäftslokal mit angeschlossener Schneiderwerkstatt bietet sie vorproduzierte Fertigware aus eigener Kollektion an.

»Man nennt das ›made to measure‹«, sagt die Textildesignerin. Die ursprüngliche Bedeutung stammt, wie es die Namensgebung schon erkennen lässt, aus England und stammt von dem Begriff »made to order«, der bis zur Einführung der Made-to-measure-Verarbeitung alleinig für die maßgeschneiderte Herstellung galt.

Einzelstücke werden angepasst

»Meine Kunden können im Geschäft die Einzelstücke anschauen, die ich dann unten an der Nähmaschine auf Maß anpasse«, sagt die junge Frau. »Natürlich fertige ich auch Stücke auf Wunsch und nach Maß - alles mit nachhaltigen Rohstoffen, deren Herkunft transparent von der Tierhaltung bis zur Wolle und Stoffherstellung nachverfolgt werden kann.«

In ihrer Werkstatt arbeitet sie aber nicht alleine, einsam und verlassen im tiefen Keller. Hier hat auch ihre Mutter Anja Homm ihren Arbeitsplatz für die Herstellung der eigenen Schmuckkollektion. Ihre Schwester fertigt hier ebenfalls eine Kollektion individueller Schnuller-Ketten für Babys.

Die Kreativität hat Mona Homm also bereits in die Wiege gelegt bekommen und wurde nun an sie in dritter Generation vererbt und weitergegeben.

Bereits ihre Großeltern waren Schneider und betrieben eine kleine Maßschneiderei in Neu-Anspach. Die dort gefertigten Anzüge, Mäntel und Pelze verkauften sie über ihr Fachgeschäft in Frankfurt.

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