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Ursula Becker hat bereits im Sommer für einen Schüler einen Antrag auf Förderung beim Kreis gestellt. Erst vier Monate später traf eine Antwort ein.

Wie gebe ich nachträglich Nachhilfe?

Weilrod/Bad Homburg . Am 17. November berichtete der Usinger Anzeiger über lange Wartezeiten, wenn man es mit der Ausländerbehörde des Kreises zu tun hat. Dieser Umstand wurde auch in der letzten Kreistagssitzung zum Thema. Es wurde kritisiert, dass einige E-Mails, wenn überhaupt, zum Teil erst nach acht Wochen beantwortet werden würden. Sozialdezernentin Katrin Hechler hat Verzögerungen eingeräumt und diese mit einem hohen Arbeitsaufkommen und personellen Ausfällen in der Behörde im Zuge der Pandemie erklärt.

Hechler gelobte Besserung und betonte, dass mithilfe zusätzlicher Arbeitskräfte die Rückstände bald abgearbeitet seien. Doch offenbar ist dies nicht die einzige Kreisbehörde, bei der es zu Verzögerungen bei Korrespondenz und Antragstellung kommt. Auch die Leitstelle für BAföG, Wohngeld und Unterhalt, ebenfalls ein Ressort, unter der Verantwortung der Sozialdezernentin, braucht für die Beantwortung von Anträgen mitunter mehrere Monate, wie der aktuelle Fall zeigt:

Ursula Becker, ist ehemalige Grundschullehrerin und bringt in der Erbismühle Geflüchteten Deutsch bei. Doch nicht nur das: Die 70-Jährige gibt auch speziellen Förderunterricht für Kinder von Geflüchteten, sodass diese in der Schule mithalten können: Sie möchte diesen Kindern damit die Chance auf ein geordnetes Leben in Deutschland ermöglichen. »Eine Sprachkompetenz und die Förderung dessen ist ganz wichtig für die Integration dieser Kinder«, betont Becker.

Bescheid erst nach vier Monaten

Doch an diesem Punkt stößt die Frau mit den langen, weißen Haaren dabei gerade zuletzt auf große Probleme. Denn Becker wird vom Hochtaunuskreis für die Kurse und Förderstunden bezahlt und bekommt diesbezüglich ein Entgelt, dass immer wieder bewilligt werden muss. Genau hier beginnt das Problem: Denn bisweilen liegen Monate zwischen den Anträgen und der eigentlichen Bewilligung. Und das sind Zeiten, in denen ein Schüler bereits etwas lernen könnte, es aber nicht tut. Denn solange der Förderbescheid noch nicht da ist, kann auch kein Unterricht gegeben werden. Eigentlich sei der Umstand, dass die Behörden nicht immer sofort reagierten, auch nicht ungewöhnlich, so Becker. Es sei schon immer vorgekommen, dass die Bewilligungsbescheide etwas verzögert eintreffen. Doch das letzte Schreiben war Anlass für sie, sich mit dem Usinger Anzeiger in Verbindung zu setzen.

Die Helferin hatte für einen ihrer Schüler bereits zum Schulanfang des neuen Halbjahres eine Förderung beantragt. Der Sommer sei ohne Antwort verstrichen. Erst am 22. November erhielt sie ein Schreiben vom Kreis. Da waren fast vier Monate ins Land gezogen. Und in diesem Bescheid bewilligt die Leitstelle für BAföG, Wohngeld und Unterhalt den Förderunterricht rückwirkend für den 1. August. Dies habe sie, so Becker, fassungslos zurückgelassen. »Wie bitte soll ich denn einem Kind nachträglich Förderunterricht erteilen, das Halbjahr ist ja schon fast wieder um«, sagt die pensionierte Lehrerin aufgebracht. »Das Gebaren der Behörde empfinde ich tatsächlich als bodenlose Frechheit.«

Natürlich habe sie versucht, sich zu erkundigen, was da so lange dauere, bekräftigt die Frau resolut. Doch weder das Ausländeramt noch die Sozialbehörde sei für sie erreichbar gewesen. Nicht per Telefon, nicht per E-Mail. »Niemand hat sich bei mir gemeldet, obwohl ich zigmal angerufen und gemailt habe. Ich kam mir regelrecht ignoriert vor«, konstatiert Becker. Das Amt habe sich vollkommen abgeschottet. Nun ist sie mittlerweile sauer. »Ich weiß ja, dass es offenbar ein paar personelle Probleme beim im Kreis gibt. Doch hier geht es um Menschenleben«, begründet sie, warum sie sich an die Zeitung gewandt hat.

Und den Förderunterricht einfach in die eigene Hand nehmen? Das mache sie nicht, betont sie. »Ich kann doch niemandem hochoffiziellen Förderunterricht ohne offiziellen Auftrag und vor allem ohne Bewilligungsbescheid vom Kreis geben«, sagt Becker bestimmt.

Amt »vollkommen abgeschottet«

Genau dieses Gebaren der deutschen Behörden sei es, was Geflüchteten oftmals das Leben und die Integration schwer mache. »Die Eltern tun sich oft schwer damit, die Sprache zu lernen oder sich in den Beruf zu integrieren. Doch ihre Kinder können das schaffen. Sie sind unser Potenzial, auch für die Zukunft«, ist sich Becker sicher. Die Behörden hätten es in der Hand, ob aus den Kindern einmal integrierte Mitglieder der Gesellschaft werden oder ob dauerhaft draufgezahlt werden müsse, wenn die Kinder mangels Förderung durch das Raster fallen. »Doch das geht nur, indem wir sie abholen, da Deutsch nicht ihre Muttersprache ist«, betont die 70-Jährige. Wenn die Behörden weiterhin so langsam reagierten, käme es den Staat letztlich teurer, als wenn man schnell dafür sorgen würde, dass Kinder schulisch mithalten können. Andernfalls vertue man seine Chance. Becker hofft nun darauf, dass mit ein wenig mehr Personal solche Förderbescheide vielleicht künftig nach drei Wochen anstatt vier Monaten in der Post liegen.

Auf dem Förderbescheid wird am 22. November Förderunterricht rückwirkend für den 1. August bewilligt. Ursula Becker: »Wie soll ich denn bitte nachträglich Förderunterricht aus dem Sommer erteilen? Das Schuljahr ist ja schon fast rum?«

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