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»Wir gehen doch nur spazieren«

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Von: Matthias Pieren

Usingen (map/red). »Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben«, sagt einst ein Staatsmann und begründete damit im Rückblick den Fall der Mauer in Berlin und das Ende der Sowjetunion. Spaziergänger, die am Montagabend pünktlich um 18 Uhr zum inoffiziellen Start der mittlerweile vierten unangemeldeten Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen und die Impfkampagne am Alten Marktplatz in Usingen eintrafen, mussten erleben, dass sogar ihre Pünktlichkeit bestraft wurde.

Denn: Keine der zuvor 35 Personen, die sich etwas verloren auf dem zweigeteilten Alten Marktplatz versammelt hatten, war mehr anzutreffen. Bereits eine Viertelstunde vorher hatten sich die Spaziergänger auf den Weg gemacht und den Platz im Gänsemarsch über die Wirthstraße gen Norden verlassen.

Ob die Gruppe, die dem wiederholten Aufruf im Internet zum »Montagsspaziergang« gefolgt war, von einem nicht in der Öffentlichkeit erkennbaren Organisator übers Internet oder einen Messenger-Dienst zum Verlassen des Platzes aufgefordert wurde, blieb unklar. Was anschließend passierte, lässt sich nur vermuten: Offensichtlich hatte sich die Versammlung in Kleingruppen aufgelöst, denn urplötzlich tummelten sich ohne erkennbaren Plan in allen Innenstadtstraßen zwischen dem Parkplatz am Hallenbad, dem Schlossplatz sowie dem Neuen und dem Alten Marktplatz auffallend viele Passanten auf den Gehwegen.

Keine Schilder, keine Parolen

Da keiner der Demonstranten Plakate oder Schilder dabeihatte und auch keinerlei Parolen oder Proteste skandiert wurden, war für Außenstehende nur zu vermuten, wer mit seinem abendlichen Spaziergang demonstrierte. Denn: Seit Jahrzehnten waren in den Abendstunden eines Wintertages, kurz vor Ladenschluss, nicht mehr so viele Ortsfremde in der Usinger Innenstadt mit Einkaufsbeuteln zu Fuß unterwegs.

Für Sicherheit sorgten rund 30 Polizeibeamte in der ganzen Innenstadt. Unentwegt fuhren Einsatzfahrzeuge hin und her, an den Straßenkreuzungen standen Beamte und beobachteten die Lage. Selbst im menschenleeren Schlossgarten fuhr ein Polizeiauto Streife.

Bistro verkauft Glühwein

Unterdessen blieben die kleinen Gruppen der Spaziergänger und auch zahlreiche Einzelpersonen stehen und blickten in ihr Smartphone. Viele Menschen trugen Strickmützen, viele Pärchen mittleren Alters gingen händchenhaltend spazieren, und in der Zitzergasse ballten sich die »Menschenmassen«: Dort hatte ein Bistro, das während der Pandemie neu eröffnet hatte, geöffnet und verkaufte Glühwein.

Für die Polizei gab es hier immerhin etwas zu tun. Acht Beamte kontrollierten auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Gruppe meist junger Spaziergänger und nahmen Personalien auf. »Was haben wir denn gemacht? Wir gehen doch nur spazieren«, meinte ein junger Mann, während er Auskunft zur Person gab. »Hey Alter, hier geht ja gar nix ab«, sagte ein anderer junger Mann mit Einkaufstasche zu einem anderen, dessen Gesicht vom bläulichen Licht seines Smartphones erleuchtet war. »Nächste Woche gehen wir mal woanders hin, vielleicht ist da mehr los.«

Polizei erteilt Platzverweise

Die Polizei schrieb in ihrer täglichen Pressemitteilung am Dienstag von rund 60 Personen, die in Usingen zusammengekommen seien. Dabei habe es mehrere Verstöße gegen das Versammlungsgesetz gegeben, es wurden Platzverweise verteilt.

Auch in anderen Gemeinden im Hochtaunuskreis ist es am Montag erneut zu Versammlungen von Kritikern der aktuellen Corona-Maßnahmen sowie der Impfkampagne gegen das Coronavirus gekommen. In Bad Homburg kamen bei einer angemeldeten Versammlung, die um 19 Uhr begann, laut Polizei in der Spitze bis zu 300 Personen zu einem Aufzug zusammen. Dieser wurde gegen 21 Uhr durch die Versammlungsleitung selbst beendet. Im Laufe der Versammlung ist es allerdings zu einem Vorfall mit der Polizei gekommen. Ein 22-Jähriger hatte bei der Identitätsfeststellung zu einer Ordnungswidrigkeit Widerstand gegen Polizeibeamte geleistet. Bei der Aktion wurde immerhin niemand verletzt. Gegen den Mann wird nun ermittelt.

In Glashütten kamen derweil rund 25 Personen zusammen. Hier gab es laut Polizei keine weiteren besonderen Vorkommnisse.

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Für die Ordnungsämter der Städte und Gemeinden sind die unangemeldeten Corona-»Spaziergänge« ein zunehmendes Problem, wie das Beispiel Neu-Anspach zeigt (siehe Seite 15).

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