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Zum Handeln gezwungen: So steht es um die Kläranlagen im Usinger Land

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In der Kläranlage Oberes Usatal in Usingen liebäugelt man mit einer vierten Reinigungsstufe, die im hinteren Bereich entlang der Baumreihe entstehen könnte. © Red

Medikamentenrückstände, Hormone, Mikroplastik, Nanopartikel, Phosphor - in unserem Abwasser sind viele Stoffe, die dort besser herausgefiltert würden, doch das ist aufwendig und teuer. Jetzt könnten die Städte und Gemeinden im Hochtaunuskreis aber durch das Land Hessen dazu gezwungen werden.

Hochtaunuskreis. Kläranlagen stehen derzeit im Fokus, denn nicht nur die Coronavirus-Pandemie hat Mitarbeiter und Technik vor neue Herausforderungen gestellt (siehe auch Info-Box). Das Homeoffice etwa brachte manche kleine Kläranlage wie im Usinger Stadtteil Michelbach an ihre Grenzen. Die dortige Abwasserreinigungsanlage war mit zu vielen Einwohnern und starken Regenfällen zwischenzeitlich überfordert.

Die größeren Anlagen dagegen stecken den vermehrten Zufluss weg, sie sind dafür aber mit einer viel wichtigeren Zukunftsaufgabe ausgelastet: Im Abwasser finden sich vermehrt Medikamentenrückstände. Diese sowie andere Stoffe wie Mikroplastik fischt die aktuell verbaute Technik in den meisten Kläranlagen nicht heraus. Und so liebäugelt auch der Abwasserverband schon länger mit der sogenannten vierten Reinigungsstufe, wie der Vize-Betriebsleiter Simon Müller sagt.

Kosten für Kläranlage bei Kransberg zwischen zwölf und 15 Millionen Euro

Das Liebäugeln ist recht weit gediehen, es gibt eine Vorplanung, selbst der Standort auf der Anlage im Stadtteil Kransberg ist ausgedeutet. Es hapert, wie in ganz Hessen, an einem Zuschuss der Landesregierung für den teuren Bau der Reinigungsstufe. Zwar hat das Land vereinzelt Zuschüsse gewährt, aber Usingen kam noch nicht in den Genuss, wie Müller sagt. Es wird also eine politische Entscheidung sein, ob die Klärstufe gebaut wird - Kostenschätzungen bewegen sich zwischen zwölf und 15 Millionen Euro - je nach Preisentwicklung im Bausektor.

Wie die Finanzierung laufen könnte, davon hat die hessische Umweltministerin Priska Hinz eine sehr deutliche Vorstellung: Sie erklärte bei der Übergabe einer Millionenförderung für Büttelborns Kläranlagenausbau, dass »am Ende die Bürger über die Abwassergebühren diesen Ausbau zahlen«. Die zusätzlichen Kosten für den Wasserverbraucher werden wohl zwischen 8 und 20 Cent pro Kubikmeter Wasser liegen.

Aktivkohle als vierte Reinigungsstufe zum Filtern von kleinsten Rückständen

Nötig ist der Bau allemal. Denn die derzeitige Reinigung lässt Medikamentenrückstände wie Röntgenkontrastmittel oder andere chemische Spurenelemente einfach durch - genau wie viele Haushalts- oder Industriechemikalien. Die »vierte Reinigungsstufe« arbeitet, je nach Ausstattung, mit Aktivkohle. Diese wird dem vorgereinigten Abwasser zugesetzt, die Stoffe binden sich an die Kohle. Über einen Tuchfilter geleitet wird das schwarze Wasser dann wieder klar. Auch mithilfe von Ozon (Ozonisierung) kann das Wasser sauberer werden - eine gesetzliche Vorgabe gibt es übrigens noch nicht und damit auch kaum Chancen auf Landesförderung.

In Oberursel baut der städtische Eigenbetrieb BSO derzeit eine neue Anlage zur verbesserten Phosphoreliminierung, allerdings nicht als vierte Reinigungsstufe, aber so ausgelegt, dass sie jederzeit erweitert werden kann, wie der Teamleiter der Stadtentwässerung, Andreas Holzmann, sagt. Man könnte salopp sagen: Reinigungsstufe dreieinhalb.

Denn vor allem Medikamente, Hormone, multiresistente Keime und Nanopartikel fischt die momentane Reinigung kaum heraus. »So pauschal kann man das nicht sagen. Ein gewisser Anteil wird zurückgehalten. Es gibt keine Reinigungstechniken auf konventionellen Anlagen, die diese Substanzen selektiv aus dem Abwasserstrom entfernen. Auch existieren keine gesetzlichen Vorgaben über den Reinigungsgrad der Stoffe.«

Mikroplastik, Nanopartikel und Co. im Wasserkreislauf - und damit im Menschen

Diese gelangen wieder in den Wasserkreislauf - und landen am Ende wieder im Organismus des Menschen. Dann werden sie erneut mit Rückstoffen versetzt: Der Kreislauf wiederholt sich. »Wir haben in Oberursel noch die besondere Herausforderung mit dem Urselbach. Denn die Grenzwerte für Einleitungen von Phosphor aus der Kläranlage sind bereits sehr strikt und werden bis zum Jahr 2024 kontinuierlich strenger,« erklärt Holzmann.

Strikt ist auch, dass bis 2033 per Gesetz vorgeschrieben ist, Phosphor weitgehend aus dem Abwasser herauszutrennen. Um diesen Stoff aus dem Klärschlamm zurückzugewinnen, wäre ein aufwendiges Verfahren notwendig - und noch hat die Technik die »Serienreife« nicht erlangt. Allein in der Kläranlage Usingen fallen derzeit rund zehn Tonnen Phosphor im Jahr an. Bisher wird der Klärschlamm verbrannt - mit Phosphor. Das wird sich dann ändern.

Belastungsgrenzen für Rückstände in geklärtem Wasser werden gesenkt

Und es muss sich ändern - alleine, weil die Landesregierung die Kommunen zum Handeln zwingt. Durch die Senkung der Belastungsgrenzen sind Modernisierungen unumgänglich. Der Grenzwert für Phosphor etwa liegt bei 0,7 Milligramm pro Liter Abwasser, das wieder in den Bach geleitet wird. Wenn die neue Wasserrahmenrichtlinie dies auf 0,4 senkt, ist »die Messe gelesen«, dann müssen alle Kläranlagen aufrüsten.

Vierte Reinigungsstufen sind derzeit noch Mangelware. In Ober-Eschbach ist in diesem Jahr eine Kläranlage geplant, die im Abwasser befindliche Stickstoffe und Phosphorverbindungen eliminiert und die Belastung durch Mikro-Schadstoffe und Keime senkt. Immerhin: ein Anfang.

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