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Eltern sollten es als Kompliment sehen, wenn ihr Kind sie anschreit – laut Expertin

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Von: Franziska Schuster

Kind das schreit.
Wenn Kinder ihre Eltern im Trotz oder in der Wut anschreien, ist das laut einer Expertin ein gutes Zeichen. (Symbolfoto) © Cavan Images/Imago

Schreit ein Kind seine Eltern an, empfinden das viele als Zeichen für Respektlosigkeit und schlechte Erziehung. Eine Expertin sieht das genau anders.

Stuttgart - Manchmal reicht nur eine Kleinigkeit, um das Fass zum Überlaufen zu bringen. Wenn Kinder Wutausbrüche haben und ihren Frust auch gegen die Eltern richten, ist es für letztere oft schmerzhaft oder unangenehm. Wer lässt sich als Erwachsener schon gerne von einem Kind anbrüllen? Wie eine Studie jetzt herausfand, sollten Eltern das Geschrei künftig als Kompliment sehen, anstatt die Erziehung des eigenen Kindes anzuzweifeln. Denn die Schimpftiraden der Kleinen sind keinesfalls ein Zeichen für Versagen seitens der Eltern. Viel mehr sollte man es als Kompliment sehen.

Kinder als „Haustyrannen“? Dieses Bild ist laut einer Erziehungsexpertin völlig falsch

Kindererziehung ist keine leichte Sache. Die einen meinen, Regeln und Grenzen wären gut für die Entwicklung, andere Experten empfehlen es hingegen, den Kindern mehr Freiheiten zu geben. Ein renommierter Pädagoge äußerte etwa, Eltern würden Kinder zu „aufgeweichten Jammergestalten“ erziehen. Viele Eltern haben Angst, dass die Kinder ihnen auf der Nase rumtanzen. Manch einer zwingt sich regelrecht dazu, härter durchzugreifen und strenger mit den Sprösslingen zu sein. Die Angst vor Strafen ist bis heute ein Druckmittel, das viele Eltern als Erziehungsmethode nutzen. Für die Psyche und die Entwicklung des Kindes ist das allerdings pures Gift. Die Auswirkungen von einer extrem autoritären Erziehung zeigen sich allerdings meist erst später. Experten raten strengen Eltern, ihre Kinder auch mal egozentrisch sein zu lassen.

Die Angst davor, die Kinder zu kleinen „Tyrannen“ oder „Giftzwergen“ zu erziehen, geht bei vielen Eltern um. Vor allem wer Kinder hat, die willensstark und auch mal frech sind, kann schnell das Gefühl bekommen, zu nachgiebig zu sein. „Doch das heißt nicht, dass wir uns deswegen verhärten müssten oder plötzlich unnachgiebig auf Regeln beharren, die man genauso gut flexibler handhaben könnte“, sagt Nora Imlau, Journalistin und Expertin für Familienthemen, in ihrem Buch „Mein Familienkompass“. „Denn das behavioristische Bild vom kleinen Haustyrannen, der nur darauf wartet, in einem Moment der Schwäche das Regiment über unsere Familie an sich zu reißen, wird in keiner Weise von den Erkenntnissen der modernen Entwicklungspsychologie gestützt.“

Problematisch wird Freundlichkeit erst, wenn wir darunter verstehen, dass wir unsere eigenen Grenzen nicht wahren dürfen. 

Nora Imlau, Erziehungsexpertin

Doch diese Angst vor aufmüpfigen Kindern ist laut der Expertin unbegründet, denn Kinder wollen gar nicht die Führungsrolle übernehmen. „Dass sie in manchen Entwicklungsphasen gefühlt alles bestimmen wollen, lautstark auf ihren Forderungen beharren und wenig kompromissbereit sind, hat nichts damit zu tun, dass sie unseren Job machen wollen – sie entdecken auf diese Weise einfach nur ihr eigenes Ich, ihren eigenen Willen, ihren Platz in der Welt“, meint Nora Imlau. Eine Bemutterung der Kinder ist allerdings ebenfalls nicht der richtige Weg. So werden etwa „Elterntaxis“ für den Schulweg scharf kritisiert.

Viele Frauen entscheiden sich bewusst gegen das Kinderkriegen, wie 24vita.de berichtet. Laut einer Studie sind sich Frauen immer mehr bewusst darüber, dass Kinder viel Raum, Zeit und Energie einnehmen und entscheiden sich daher dagegen, Kinder zu bekommen.

Kinder setzen mit Wut gegen Eltern Zeichen von „Verletzlichkeit und Bindungssicherheit“

Auf dem Selbstfindungsprozess brauchen sie ihre Eltern, die ihnen dabei zur Seite stehen. „Dass unsere Kinder sich dabei manchmal regelrecht an uns abarbeiten, indem sie schimpfen und schreien und toben und wüten – all das sind keine Versuche, unsere Macht an sich zu reißen, sondern im Gegenteil: Zeichen großer Verletzlichkeit und Bindungssicherheit“, weiß Nora Imlau.

Kinder, die um die Liebe der Eltern fürchten, würden diese nie anschreiben, meint die Expertin. Wut, Verzweiflung und Traurigkeit zu zeigen, würden nur Kinder wagen, die sich absolut sicher fühlen. „So absurd es klingen mag: Beschimpft uns ein Kind als die blödesten Eltern der Welt, die am besten tot sein sollen, ist das eins der größten Komplimente, die es gibt“, sagt Nora Imlau. So schlimm es sein kann, wenn Kinder ihren Eltern verletzende Worte um die Ohren hauen - es sei dennoch ein Zeichen für Vertrauen in die unerschütterliche Liebe des Kindes zu seinen Eltern. Ein Hirnforscher warnt unterdessen davor, dass die Entdeckerfreude von Kindern leiden könnte, wenn Eltern zu stark in deren Entwicklung eingreifen.

Dass Kinder Vater und Mutter auch mal anschreien, sei kein Zeichen von Schwäche, sondern dafür, dass sie absolut keine Angst vor ihren Eltern haben. „Und das ist unglaublich kostbar“, meint die Expertin. Dies bedeute aber keinesfalls, dass man nur freundlich zu den Kindern sein soll, ohne ihnen Grenzen aufzuzeigen. „Problematisch wird Freundlichkeit erst, wenn wir darunter verstehen, dass wir unsere eigenen Grenzen nicht wahren dürfen. Also glauben, die freundliche Antwort sei immer ein Ja, und die unfreundliche ein Nein“, erklärt Nora Imlau. „Das ist ein Irrtum: Wir können freundlich sein, und trotzdem klar in der Kommunikation unserer Bedürfnisse und Grenzen.“

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