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Auf Torejagd im »UFO«

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Gut bedacht: Handballtraining der TSG Oberursel in der Traglufthalle an der EKS. © Red

Im Hochtaunus sind zwei Raumschiffe gelandet. Jedenfalls sehen die Traglufthallen an der Erich-Kästner-Schule und der IGS Stierstadt so aus. Sie sollen die sanierungsbedürftigen Sporthallen ersetzen. Unser Reporter war bei einem Handballtraining in Oberursel dabei.

Hochtaunuskreis . Wer schon einmal auf der A9 in den Süden Deutschlands gekurvt ist, den beschleicht auf dem Oberurseler Sportplatz an der Bleibiskopfstraße jetzt ein Déjà-vu. Die Optik der neben dem Rasenspielfeld installierten Traglufthalle erinnert an die Allianz Arena in Fröttmaning im Norden von München, wo der FC Bayern seine Fußballspiele austrägt. Wegen ihrer weißen Fassade mit pneumatisch vorgespannten Kissen wird die Arena für 66 000 Zuschauer auch als Ufo bezeichnet.

Ähnlich futuristisch kommt die Traglufthalle einer Berliner Spezialfirma im Oberurseler Osten daher. Das Raumschiff gibt’s vergleichsweise im Kleinformat. Handballspielen ist darin möglich, Zuschauer passen keine rein. Aber eine imposante Erscheinung ist das Gebilde allemal, das im Auftrag des Hochtaunuskreises vor allen Dingen eine wichtige Funktion erfüllen soll: den Schul- und Vereinssport in der Brunnenstadt für dieses und das nächste Jahr sicherzustellen.

Drinnen steht Birgit Michelson am Spielfeldrand und beobachtet die männliche C-Jugend, also 13- bis 15-jährige Jungen beim Handballtraining. Sie trägt auch an diesem dunklen und kalten Wintertag gern etwas Farbenfrohes und fühlt sich direkt an alte Trainerzeiten zurückerinnert, während die Jungs auf engstem Raum im Wurfkreis versuchen, ihren Gegenspieler abzuschütteln, um sich den Ball zuzupassen. Parteiball hat man das früher genannt.

Jetzt ist Michelson Abteilungsleiterin, gerade für eine dritte Amtszeit wiedergewählt. Und Abteilungsleiterinnen versuchen immer, das Beste für ihre Abteilung herauszuholen. Sie stimmt deshalb nicht direkt eine Lobeshymne darauf an, dass die 27 Handballmannschaften mit der Traglufthalle überhaupt wieder eine Trainingsmöglichkeit an der Erich-Kästner-Schule (EKS) haben.

Einiges habe sich seit Januar entspannt, sagt Birgit Michelson, das schon. Verteilt seien die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen für das Training aber eben immer noch auf sechs Hallen. Gespielt wird vor allem in der Hochtaunushalle im benachbarten Bad Homburg. »Damit müssen wir jetzt einfach leben.« Zur Erinnerung: Am 9. Juni des Vorjahres war nach massiven Niederschlägen das Flachdach der zu diesem Zeitpunkt menschenleeren Sporthalle an der Integrierten Gesamtschule (IGS) Stierstadt teilweise eingestürzt. Der Kreis sperrte auch die annähernd baugleichen Kreissporthallen der EKS und der Gesamtschule am Gluckenstein in Bad Homburg und plant, sie zu sanieren. Als Bauzeit sind zwei Jahre vorgesehen. Betroffen sind von der Sperrung der Sportstätten neben den Schulen die Vereine, in Oberursel sind das vor allem die TSGO und der TV Bommersheim.

700 000 Euro Miete

Derweil ist auf dem Sportfeld an der IGS Stierstadt am 10. Februar die Nutzung der zweiten Traglufthalle freigegeben worden. Bevor der Sportbetrieb auch dort aufgenommen werden konnte, mussten mit den Nutzern noch Details geklärt werden, etwa wie man in die Halle kommt und wo Sportgeräte gelagert werden. Rund 700 000 Euro seien für die Miete der beiden Hallen pro Jahr veranschlagt, teilt Kerstin Junk vom Hochtaunuskreis mit. Wie viel die Unterhaltung koste (Reinigung, Strom, Heizung), könne noch nicht gesagt werden.

Zurück im Oberurseler »Ufo«. Trainerin Johanna Ried strahlt in einer Übungspause, wenn sie auf die Traglufthalle angesprochen wird. »Der Hallenboden ist super«, sagt die drahtige Frau im Trainingsanzug, die jünger als 40 Jahre wirkt. Dass das Spielfeld vier Meter zu kurz ist? Geschenkt. »Dass wir wieder gemeinsam spielen und trainieren können, ist total cool.« Sie bezieht das auf die Hallen-Alternative, aber auch die Corona-Pandemie.

Die 2G+-Regel werde penibel von Trainern und Spielern eingehalten, erzählt Johanna Ried, bis vor kurzem noch selbst in der Landesliga-Mannschaft des Vereins aktiv. Mittlerweile falle immer mal wieder jemand wegen Covid19 aus, schwere Krankheitsverläufe seien ihr aber nicht bekannt. »Es bleibt kein Spieler aus Angst daheim«, sagt sie, »alle sind einfach total happy, dass sie weiterhin Handball spielen dürfen«.

Die C-Jugend der engagierten Trainerin und ihres »Co« Rolf Schuster ist eines von 19 Jugend-Teams der TSGO. In den älteren Altersklassen haben sich fünf Mannschaften für den Ligabetrieb auf Hessenebene qualifiziert. Besonders stolz ist man aber auf je drei E-Jugend-Mannschaften sowohl bei den Mädchen als auch bei den Jungen. Und: »Wir können vier Mini-Mannschaften bilden, obwohl bei den Kleinen die Spielfeste wegen Corona ausgefallen sind«, erzählt Abteilungsleiterin Michelson. Die Mitgliederzahl sei nach Ende des Lockdowns wieder gestiegen: von 512 auf 527. 540 Handballer zählte die TSG Oberursel vor der Pandemie.

Birgit Michelson führt das ungebrochene Interesse am Vollkontaktsport vor allem auf das große Engagement der Trainer zurück. »Sie haben unsere Spielerinnen und Spieler bei der Stange gehalten.« Johanna Ried ist eine von ihnen. Wegen der schlechten Akustik in der Traglufthalle lutscht sie nach dem Training öfters ein Halsbonbon. Vor allem wenn zwei Jugendmannschaften gleichzeitig in der Halle sind, muss sie viel schreien. Die Umkleidemöglichkeit in den Kabinen der EKS, von wo aus im Stockdunkeln der Weg zur Traglufthalle erst einmal gefunden werden möchte, nutzen ihre Jungs gar nicht. Umgezogen wird sich schnell hinter dem Tor, wo auch die Taschen geparkt sind. Nur keine Zeit verlieren.

Beim Handballspielen fühlen sich die Kinder und Jugendlichen durchaus heimelig. Die Traglufthalle besteht aus einem dreilagigen Membransystem. Dabei kommt auch eine robuste PVC-Schicht zum Einsatz, die eine hohe Lichtdurchlässigkeit bietet und bei stürmischem Wetter eine hohe Widerstandskraft garantiert. Das Schöne für die Handballer: Die Membranen sind farblich anpassbar. So wird die Halle zwar nicht wie das »Ufo« in München von außen beleuchtet, aber innen strahlen die Wände in den Vereinsfarben Weiß und Blau.

THORSTEN REMSPERGER

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Das »UFO«: Die Traglufthalle an der Erich-Kästner-Schule in Oberursel. © Red

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